02.06.2015

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Tess

           
Das erste, was ich sah, war der strahlend blaue Himmel, der mich mit seiner Fröhlichkeit nur so herausfordern wollte. Die Sonne, die erbarmungslos vom Himmel herunter strahlte wie nochmal was, machte das Ganze nicht unbedingt besser. Es war definitiv zu gutes Wetter für meine Stimmung. Hätte es aus allen Wolken geschüttet, wie so oft, hätte ich mich definitiv eher damit identifizieren können. Doch so fühlte ich mich wie im falschen Film. Wie zur Hölle konnte das Wetter so schön sein, wenn mein Bruder dort in der Entzugsklinik wohl vermutlich gerade Todesqualen durchlitt? Oder auch nur schon von extremen Angstzuständen genug gequält wurde. Von Dad wusste ich, dass so eine Drogenentgiftung nicht ohne war und dass manche Monate brauchen, um sich davon zu erholen. Überhaupt mit dem Entzugsgefühl klar zu kommen. Ich könnte heulen, wenn ich daran dachte, dass mein Bruder tatsächlich drogenabhängig geworden war. Das klang so surreal für mich... Überhaupt die ganzen Ereignisse aus der letzten Woche.. Klar, das lag hauptsächlich am Schock, denn keiner hätte mit so etwas auch nur ansatzweise gerechnet, das war mir klar. Aber trotzdem. Ich konnte das alles immer noch nicht glauben. Nachdem ich gestern Brett erzählt hatte, weshalb ich die letzten Tage so ruhig gewesen war, war alles aus bei mir. Ich hatte angefangen zu heulen wie ein Wasserfall. Das erste Mal so richtig nach diesem Tag. Auch Brett war geschockt gewesen, hatte mich sofort in den Arm genommen, nachdem ich ihm alles erzählt hatte. Gestern war so schlimm... Auch für Mum und Dad, welche sich seitdem auch total abkapselten und kaum noch erreichbar waren. Aber wer konnte es ihnen verübeln... Wer wäre nicht mit der Welt total fertig, wenn er herausfinden würde, dass das eigene Kind anfing Drogen zu nehmen? Wer würde da nicht anfangen, sich selbst voll die Vorwürfe zu machen? Wer würde sich da nicht vor Angst halb verrückt machen lassen? Wer konnte bei sowas überhaupt noch klar denken? Wir jedenfalls nicht. Es war ein schwerer Schock und dementsprechend ging es uns auch... Jedoch versuchte ich seit gestern, seit diesem Heulanfall und den quälenden Stunden Schule, positiv zu denken. Ich dachte daran, dass Fabian dort gut aufgehoben war. Dass ihm dort geholfen werden konnte. Schließlich war ich ja auch schon einmal dort gewesen und konnte das nur bestätigen. Ich versuchte mich abzulenken, meine Freunde waren mir dabei eine wunderbare Hilfe. Der erste Schritt zur absoluten Ablenkung würde sogar gleich stattfinden. Denn Mikayla hatte mich heute zu sich nach Hause eingeladen, um eine Wasserbombenschlacht zu machen. Perfekt für dieses warme Wetter. Außerdem hatte sie genauso von der ganzen Sache mitbekommen und für sie war es sicherlich auch nicht so leicht, immerhin hatte sie das mit Alex mitbekommen. Da war eine Wasserbombenschlacht in ihrem Garten nahezu genau das Richtige, um den Kopf frei zu kriegen... Ich war mir sicher.

Hastig streifte ich mir schnell einen schwarzen dünnen Cardigan über, etwas Wärmeres würde ich definitiv nicht brauchen, bevor ich in meine offenen Sandalen schlüpfte und eine Hand an die Klinke der Haustür legte. "Also, ich geh dann!", schrie ich zurück in den Flur. "Ist gut... Hab viel Spaß.", kam es nur leise aus der Küche von Dad. So wie er sich anhörte, wirkte er ziemlich niedergeschlagen. Ich musste schlucken. Mum hatte sich ins Bett gelegt. Das, was sie immer tat, wenn es ihr seelisch nicht gut ging. Und auch Dad war da, obwohl er eigentlich in der Arbeit sein sollte, doch er hatte sich für heute extra frei nehmen lassen, um Zuhause bei Mum und mir zu bleiben. Das machte er sonst nie. Spätestens da merkte man, wie scheiße es beiden ging... Sogar Dad. Und auch, wenn es mir fast das Herz brach und ich mich schuldig fühlte, jetzt einfach ab zu hauen, um bei meinen Freunden rumzuhängen, konnte ich jedoch auch nicht wirklich viel tun... Wenn es meinen Eltern schlecht ging, waren sie so unerreichbar... sie bauten beide allesamt eine Mauer um sich herum auf. Mum machte das jedes Mal, indem sie sich so gut wie den halben Tag entweder im Bett verschanzte oder den ganzen Tag lang nicht von der Arbeit nach Hause kam. Und Dad... Der ging entweder ziellos und unruhig im Haus umher und vermied dabei jegliches Gespräch mit mir anzufangen, starrte stundenlang bewegungslos aus dem Küchenfenster oder gesellte sich zu Mum ins Bett. Außerdem und vermutlich gerade deshalb hielt ich es dort selbst kaum aus. Ich bekam dort einfach keine Luft mehr. Ich musste raus, auch noch nach der Schule, brauchte Ablenkung, nur so konnte es mir besser gehen. Es war ja nicht so, als hätte ich das meinen Eltern nicht auch schon das ein oder andere Mal vorgeschlagen... Aber die hatten meine Vorschläge geflissentlich ignoriert oder einfach nicht hingehört. Und so... ja, so konnte ich ihnen auch nicht helfen.

Aus dem Leben eines Mädchens..~♥Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt