Tess
Gedankenverloren starrte ich vor mir ins nasse Gras und sagte kein Wort. Es war Montagmorgen und gerade waren meine Eltern dabei meinen Bruder in die Entzugsklinik zu bringen. Und ihn anschließend einzuweisen. Der Vorfall war jetzt knapp acht Tage her und keiner von uns hatte mehr darüber gesprochen. Nur war seitdem klar gewesen, dass Fabian in die Klinik musste. Er brauchte Hilfe und die konnte er nur dort bekommen, das wussten wir alle. Aber ich wusste es am Besten. Schließlich war ich schon einmal dort gewesen.
Ich fühlte mich wie benebelt, während ich auf dieser kleinen Bank im Park neben meinem Freund saß und mit ihm gemeinsam auf unsere Freunde wartete. Der Schock vor acht Tagen saß noch immer tief und noch immer konnte ich es nicht glauben. Er hätte mich wahrscheinlich vergewaltigt oder sonst was mit mir gemacht, wenn ich die Tür nicht abgeschlossen hätte. Wenn die Tür durch seine heftigen Schläge aufgegangen wäre, obwohl sie eigentlich abgeschlossen war. Fabian. Mein eigener Bruder. Doch wie wir kurz darauf herausgefunden hatten, war er drogenabhängig. Er war nicht er selbst gewesen. Dad hatte einige von diesen Drogen in seinem Schrank gefunden. Und ab da stand fest, dass Fabian eingewiesen werden musste. Er brauchte Hilfe. Und zwar dringend.
"Hey.. sag doch mal wieder was. Seit Tagen bist du so still. Und ich weiß nicht warum.", murmelte Brett neben mir und stieß mir mit dem Ellenbogen leicht in die Seite, was mich aus meinen Gedanken riss. Ja, er hatte nichts davon mitbekommen und ich hatte ihm auch nicht davon erzählt. Wieso? Weil ich nicht darüber reden konnte. Es einfach nicht übers Herz brachte.
Ich sah ihn an. Sah ihn einfach nur an und konnte dabei nicht verhindern, dass sich Tränen in meinen Augen bildeten. Ich brachte nur ein einziges Wort über meine Lippen. Und dieses war... der Name meines Bruders. "Fabian.." Einfach, weil mich in dem Moment die Sorge um ihn überwältigte. So stark, dass ich selbst den Schock, der mir gerade eben noch durch Mark und Bein gegangen war, vergaß. Ja, ich hatte Angst um meinen Bruder. Angst um eine Person, die sich meist einen Dreck um mich geschert hatte. Einfach nur verdammte Angst, die ich auch nicht einfach so unterdrücken konnte. Dies schien auch Brett zu merken, denn auf einmal ergriff er meine Arme und zog mich vorsichtig zu sich heran. "Was ist mit ihm? Bitte rede mit mir!" Seine Stimme klang heiser und so unendlich besorgt, sodass ich meine Tränen nicht länger zurückhalten konnte. Ich schluchzte auf, während diese begannen, mir über die Wangen zu laufen, doch ich konnte sie mir nicht einmal abwischen, da Brett nach wie vor meine Arme umklammert hielt. Und ab da wurde mir klar, dass ich es ihm erzählen musste. Ich es ihm erzählen werde. Erst dann würde er Ruhe geben. Und mir würde es vielleicht endlich besser gehen...
Fabian
Stumm betrachtete ich das Zimmer, in dem ich ab heute einen Monat, wenn nicht länger, verbringen würde. Es war nicht recht groß, aber ich vermutete, dort ließ es sich schon aushalten... Irgendwie. Es war gerade mal halb neun Uhr morgens und vor weniger als zehn Minuten wurde ich eingewiesen. Mum und Dad waren danach natürlich schnell wieder abgehauen, so wie es auch ihre Art war. Sie hatten sich doch schon immer einen Dreck um mich geschert. Wieso sollte das jetzt anders sein? Ein bitteres Lächeln schlich sich auf mein Gesicht, während ich samt meinem Koffer ins Zimmer schwankte. Mir war noch etwas schummrig zumute, weshalb ich mich an einem Stuhl festhalten musste, um nicht umzukippen. Klar, Dad hatte alles, was er in meinem Nachttischschublade gefunden hatte, umgehend geräumt, doch er hatte nicht in meinem Schrank nachgeschaut. Dort hatte ich ebenfalls noch etwas von dem Stoff parat gehabt, für den Notfall. Was ich heute Morgen auch zu mir genommen hatte. Sonst hatte ich keinen mehr. Mir wäre so oder so alles abgenommen worden, hätte ich welchen bei mir gehabt, vorhin bei der Untersuchung auf verdächtige Gegenstände. Doch mir wäre das ganze sowieso am Arsch vorbeigegangen. Ich hatte schließlich nicht ohne Grund angefangen Drogen zu nehmen. Immerhin hatten Drogen eine betäubende Wirkung, die dich deine Probleme vergessen lassen und dafür sorgte, dass du nichts mehr fühlst. Und genau das wollte ich erreichen. Ich wollte nichts mehr fühlen. Da meine Gefühle schlimmer wären, als jede Abhängigkeit der Welt.
Ich steuerte das Bett an, da ich nicht glaubte, sonderlich länger auf beiden Beinen stehen zu können. Der letzte hatte es nochmal in sich gehabt. Ich nahm seit etwa drei Wochen starkes Ecstasy, das schnell ins Blut ging und genauso schnell Kontrolle über deinen Körper ergriff. Davor war es eher harmloses Zeug gewesen, wie beispielsweise Koks. Ich hatte Ende März etwa damit angefangen. Erst nur ab und zu am Wochenende mit ein paar Freunden. Aber dann wurde es immer regelmäßiger, bis ich letztendlich komplett abhängig war und irgendwann zu härteren Sachen griff. In dem Fall Ecstasy. Überhaupt kein Vergleich zu Koks.
Mir wurde kurz schwarz vor Augen, bevor ich nicht mehr wusste wie mir geschah. Meine Beine fingen wie von alleine an sich zu bewegen und brachten mich ins Badezimmer, wo ich mich vor die Kloschlüssel hinkniete, den Deckel öffnete ... und mich übergab. Ich röchelte, hustete und würgte, während ich so gut wie nur Magensäure auskotzte. Schließlich hatte ich heute noch nichts gegessen. Die letzten Tage auch nicht. Ich würgte immer heftiger, immer unkontrollierte... bis nichts mehr kam. Klar... was sollte auch noch kommen? Ich hatte ja eh schon gefühlt meinen kompletten Magen in der Toilette versinken lassen.
Vorsichtig drückte ich die Klospülung und lehnte mich anschließend zitternd gegen die Wand. Leider hatte durch meine Brecherei auch die Wirkung nachgelassen, was ich daran merkte, dass alles wieder klarer wurde. Ich sog scharf die Luft ein, als mich der Schmerz mitsamt den Erinnerungen zu überrollen drohte. Meine Augen füllten sich wiederum mit Tränen, doch ich hielt dem Druck stand. Ich würde stark sein. Als ich mir eine Hand an die Stirn legte, bemerkte ich dass ich schwitzte. Meine Haut war jedoch eiskalt. Als sich schon wieder Magensäure den Weg nach oben bahnen wollte, zögerte ich nicht, sondern schluckte es einfach hinunter. Ich hatte nicht die Kraft mich nochmal über die Kloschüssel zu hängen. Ich war buchstäblich am Ende meiner Kräfte. Ich bezweifelte sogar, dass ich es überhaupt schaffte, vom kalten Fliesenboden aufzukommen. Mir war elend zumute. Noch nie hatte ich mich so schlecht gefühlt. Finster dachte ich an meine Familie. Ganz allein nur sie war daran schuld, dass es mir so schlecht ging. Ganz allein sie. Und sich dann auch noch wundern, wenn ich anfing Drogen zu nehmen. Dass ich nicht lachte. Wie sie sich Sorgen um Tess gemacht hatten, als ich... Ein bitteres Lachen verließ meine Kehle. Natürlich. Um ihr kleines Mädchen wurde sich immer gesorgt. Das kleine Mädchen bekam immer alles. Liebe, Fürsorge und was sonst nicht alles. Und was bekam der große Junge? Richtig. Gar nichts davon. Sein gesamtes Leben lang nicht.
DU LIEST GERADE
Aus dem Leben eines Mädchens..~♥
Romantik》"Du hasst Menschen grundlos. Du gehst zu leichtfertig damit um. Ich meine, was bringt dir der Hass? Wenn du dich weiterhin so verhältst, will definitiv keiner je mit dir befreundet sein."《 September 2012 Im Leben des Mädchens Mikayla Ashley Simpson...
