"Hey, Leo! Was sitzt du denn hier so lustlos rum? Komm doch mal mit und tanz' mit uns!", kam Jonas scheinbar ganz entspannt auf seinen Kumpel zu. Doch ich wusste genau, dass er versuchte möglichst locker mit ihm umzugehen, denn bei einem betrunkenen Leo wusste man nie, in welcher Stimmung man ihn gerade antraf und wie man ihm dann zu begegnen hatte. Deshalb schickten wir in solchen Momenten immer Jonas vor, der am besten aus unserem Freundeskreis wusste, wie man dann mit Leo umzugehen hatte.
"Neee, lasch malll, Jonass.", lallte Leo eine Antwort und winkte ab. Er beugte sich weiter zu seinem Freund nach vorn, um ihm anscheinend etwas zuzuflüstern, doch er sprach so laut, schrie schon fast, dass es trotz der Musik, die aus den Boxen dröhnte auch für mich gut zu verstehen war, obwohl ich nicht direkt vor ihm stand. "Weißt du wie sich das anfühlt?", fragte er.
Jonas zuckte die Schultern: "Was?"
Doch Leo antwortete ihm nicht sondern sah ihn nur traurig an. Er wirkte wie ein kleiner hilfloser Junge: "Der Alkohol muss so stark sein, dass er ihren Namen aus meinem Gedächtnis brennt."
Jonas nickte verständnisvoll, obwohl er sicherlich genauso wenig von Leos Geschwafel verstand wie ich. "Ist ihr Name denn schon weg?", fragte er ernst.
Leo schüttelte niedergeschlagen den Kopf. "Ich glaube, der geht da nie mehr weg."
"Ach doch. Pass auf, wir trinken den letzten jetzt zusammen und dann ist sie weg. In Ordnung?", doch ehe Leo nicken oder sonst irgendwie reagieren konnte, hatte Jonas schon zwei Kurze bestellt. Die beiden stießen an und vernichteten die durchsichtige Flüssigkeit. "Jetzt ist sie weg.", verkündete Jonas entschlossen, als er das Glas zurück auf den Tresen knallte. Leo sah zwar nicht sehr überzeugt aus, doch Jonas ließ ihm keine Widerrede. "So und wir fahren jetzt nach Hause.", bestimmte Jonas, orderte mir ein Taxi zu bestellen und schleppte seinen Kumpel vor die Tür an die frische Luft, wo wir auf das Taxi warteten. Als es kam, setzte er ihn auf die Rückbank, nannte dem Taxifahrer Leos Adresse und drückte ihm einen Geldschein in die Hand.
"Das gibt er mir aber wieder! Da wird man ja arm, wenn man mit Leo feiern geht!", schimpfte Jonas anschließend.
"Hast du schonmal überlegt in 'ner Ausnüchterungsklinik oder so zu arbeiten? Das war ja unglaublich, was der da für einen Schwachsinn gefaselt hat.", lachte ich ohne auf Jonas einzugehen, der als Antwort nur mit den Schultern zuckte: "Lass uns wieder reingehen. Nächstes Jahr sind wir dran.", sagte er stattdessen und ich nickte zustimmend.
"Was ist denn mit Leo gewesen?", schrie Greta mir durch die dröhnend laute Musik zu, als Jonas und ich wieder bei den anderen auf der Tanzfläche ankamen. "Zu viel getrunken.", schrie ich zurück, woraufhin Greta verständnisvoll nickte.
Es dauerte nicht lange, bis ich Leo und seinen kurzen Alkoholausbruch, der dank Jonas dieses Mal glimpflicher verlaufen war als sonst, vergessen hatte. Es war schon vorgekommen, dass Leo wütend und unberechenbar wirkte, wenn er betrunken war, oft hatte er Wutausbrüche wegen der kleinsten Unnötigkeiten gehabt, doch dieses Mal verhielt er sich anders. Er war mehr in sich gekehrt und viel ruhiger. Außerdem hatte er auf mich einen traurigen Eindruck gemacht. Wenn ich Zeit gehabt hätte, darüber nachzudenken, hätte ich es sicherlich getan. Doch dieser Abend, diese Nacht war nicht da, um sich Sorgen oder Gedanken über irgendetwas zu machen. Heute wollte ich feiern, meine Freiheit genießen, Spaß haben, trinken, tanzen und mich schwerelos fühlen. Und das tat ich auch.
Später, als zum Großteil nur noch Jugendliche und junge Erwachsene anwesend waren, wurden nur noch Clubsongs gespielt und ich taute erst richtig auf. Wir alle tauten erst richtig auf. Die steigende Stimmung war sicherlich auch dem steigenden Alkoholpegel zu verdanken. Jonas, Greta, Felix, Tom und ich gehörten zu den letzten, die den Abiball verließen. Lina und Alex waren schon früher gegangen. Wir bestellten uns ein Taxi und fuhren alle etwas angetrunken, aber so glücklich wie fast noch nie nach diesem gelungenen Abend nach Hause.
Nachdem ich den Sonntag mit Ausnüchtern, Schlafen und Fernsehen gucken mit Ben verbracht hatte und sogar meine Mutter den ersten arbeitsfreien Tag seit langer, langer Zeit eingelegt hatte, startete am Montag die letzte Schulwoche vor den Sommerferien.
Wobei man sich diese letzte Woche Schule wirklich hätte sparen können, denn es fand nicht wirklich Unterricht statt. Trotzdem musste ich jeden Morgen wieder früh aufstehen, was echt das schlimmste an der ganze Sache war. Da hatten es meine Brüder echt gut, denn sie mussten beide nicht in die Schule. Felix, weil er fertig war und Ben, weil er erst nach den Sommerferien auf die neue Schule gehen würde, denn für eine Woche hätte es nichts gebracht ihn zur Schule zu schicken, da Mama und er sich dazu entschieden hatten, dass er die zweite Klasse wiederholen sollte, weil er dadurch, dass er die letzte Zeit seiner Mutter mit ihr und nicht in der Schule verbracht hatte, viel verpasst hatte und die Umstellung auf die neue Umgebung kombiniert mit der Trauer schon anstrengend genug für ihn waren. Bis jetzt war es noch nicht vorgekommen, dass Ben geweint hatte, was Felix und mich, aber vor Allem meine Mutter ziemlich erleichterte.
Außerdem musste ich Mama oder Felix jeden Tag anbetteln, dass sie mich zur Schule fuhren und auch wieder abholten, denn ein Fahrrad hatte ich ja nun nicht mehr. Meistens hatte jedoch keiner der beiden Lust mich in der Gegend herumzukutschieren. Schade aber auch.
Mein Bruder schlief um diese Zeit noch und jeden Morgen, wenn ich die Tür zu seinem Zimmer öffnete, erhielt ich auf die Frage, ob er mich zur Schule fahren würde, nur ein verärgertes Brummen als Antwort. Meine Mutter redete sich jedes Mal damit raus, dass sie ja so viel zu tun hätte und deswegen musste ich jeden Tag laufen.
Als ich am Freitag nur kurz in die Schule ging, um mein Zeugnis abzuholen, hörte ich schon von weitem die Stimmen meiner Freunde aus dem Klassenzimmer.
"Hast du es mitgebracht, Greta? Nun zeig schon!", drängte Lina aufgeregt.
"Jaja, warte.", antwortete Greta ruhig.
"Boah Lina! Schrei doch nicht so rum. Greta ist nicht taub.", kam es genervt von Leo, der sich übertrieben verletzt die Ohren rieb. "Obwohl, man weiß ja nie.", fügte er mit einem breiten Grinsen in Gretas Richtung hinzu, wofür sie ihm eben so freundlich ins Gesicht lächelte, wie er es eben getan hatte und freudig verkündete: "Wenigstens war ich nicht alleine beim Abiball, weil ich mir zu schade war irgendjemanden zu fragen."
Schlechtes Thema, schlechtes Thema, dachte ich.
"Ich bitte dich, Gretalein. Du warst mit Felix da. Ist doch klar, dass Mia da ihre Hände im Spiel hatte.", antwortete Leo selbstsicher.
Greta warf einen Blick in meine Richtung. Nun musste ich einschreiten.
"Hey. Lasst meinen Bruder da raus.", warf ich in die Runde. War mir wirklich nichts besseres eingefallen? Anscheinend nicht. Scheiße.
"Gib dir erst gar keine Mühe, Mialein. Ich weiß doch genau, was hier läuft.", das war wieder Leo.
"Was läuft denn hier? Und lass mal dieses alberne -lein am Ende weg. Klingt ja affig.", mischte sich nun auch Lina ein.
"Das wisst ihr ganz genau. Linalein.", dieses Mal betonte er das -lein besonders.
"Ach fick dich doch.", antwortete Lina angepisst und setzte sich genervt auf ihren Platz.
"Ficken ist kein Einzelsport.", wand Jonas grinsend ein, während er mit den Augenbrauen wackelte und einen Pedoblick vom Feinsten aufsetzte.
Nun mussten wir alle prusten vor Lachen und der kleine Streit war schnell vergessen. Greta war die Erleichterung quasi ins Gesicht geschrieben, als unser Klassenlehrer den Raum betrat. Sie hasste Auseinandersetzungen.
"Worum ging's denn überhaupt?", wisperte ich ihr zu.
"Nicht so wichtig", winkte sie schnell ab. Ich hätte gerne nachgehakt, aber der Lehrer hatte bereits begonnen gelangweilt die Anwesenheitsliste durchzugehen.
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Der letzte Sommer
Teen Fiction"Du bist so wunderschön, wenn du glücklich bist.", hatte er gesagt und dabei in die Ferne geguckt. So, als würde er garnicht mit mir reden, sondern mit dem Universum, dem Himmel oder der ganzen restlichen Welt. Für Mia und ihre Freunde steht das le...
