Kapitel 84: Foto

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Ich faltete den Zettel auseinander und erkannte, was es sein musste. Ich hielt ein zusammengefaltetes Foto in der Hand. Dieses dicke Fotopapier, das sich fast ein bisschen anfüllte wie Plastik und dann die Aufschrift einer bekannten Kamera- und Fotografieentwicklungsfirma. Ich  fuhr mit meinem Finger über das geknickte Papier und faltete es behutsam auseinander. Aus der Ferne konnte ich noch immer die dröhnende Partymusik wahrnehmen, die auf einmal so weit weg zu sein schien und ich auch nicht mehr inmitten dieser feierwütigen Menge. Geschweige denn auch nur annähernd ein Teil davon, dazuzugehören.

Das Bild, das ich dort nun in der Hand hielt, hatte ich ganz sicher nicht erwartet. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass ein derartiges Foto existierte. Geschweige denn, dass Jonas es sich ausgedruckt und zusammengefaltet in der Jackentasche seines Wintermantels aufbewahrte. Das Bild zeigte Jonas und mich im Zieleinlauf des Color Runs, an dem wir vor einiger Zeit teilgenommen hatten und wie ich daraufhin freudestrahlend auf seinen Rücken gesprungen war und ihm verkündet hatte, dass er mich für den Rest des Tages zu tragen hatte. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass in diesem Moment jemand ein Foto gemacht hatte. Trotzdessen sah ich so bedingungslos glücklich aus. Kein Wunder, immerhin hatte ich Jonas zumindest gerade bewiesen, dass ich mit seinem wirklich beachtlichen Tempo locker mithalten konnte. Mittlerweile würde mir das bei dem harten Training, das er nahezu täglich zu absolvieren hatte, sicherlich nicht mehr ganz so leicht von der Hand gehen. Seit diesem Foto hatte sich so viel verändert. Auch Jonas' Lachen, das auf diesem Foto noch so natürlich wirkte, kam mir längst nicht mehr so ungezwungen vor. So weit ich das überhaupt noch beurteilen konnte.

Achtsam faltete ich das Foto wieder zusammen, steckte es wieder in die Tasche der Jacke und lief mit dieser in meiner Hand bestimmt los und drängelte mich durch die Menge. "Mia!", hörte ich auf einmal jemanden nach mir rufen. Ich drehte mich um und sah Lina in der Menge stehen, die mich eindringlich ansah. Vielleicht sogar ein wenig enttäuscht. Ich erwiderte ihren Blick kurz, nickte dann und führte bestimmt meinen Weg fort.

Ich sah Leo, der mit einer Bierflasche in der Hand und der Schulter an die Wand gelehnt dastand und mit irgendeinem Mädchen flirtete. Ohne weiter zu überlegen, packte ich ihn bestimmt an der Schulter und drehte ihn zu mir herum. „Wo ist Jonas?", fragte ich selbstsicher, ohne große Umschweife.

Die Blondine, die Leo soeben noch schmachtende Blicke zugeworfen hatte, richtete diese jetzt an mich. Nur dass diese nun nichts mehr an sich hatten, was auch nur annähernd an schmachten erinnern könnte, sondern eher wirkte sie so, als würde sie mich auf der Stelle mit ihnen erdolchen wollen. Aber das sollte mich jetzt nun wirklich nicht interessieren. Zumal ich ihr Leo ganz sicher nicht ausspannen würde. Alleine der Gedanke war lächerlich.

Leo stellte sich jedoch nicht als große Hilfe heraus. Er sah mich nur verblüfft aus großen Augen an und war generell mit der ganzen Situation überfordert.

Doch dann entdeckte ich Tom, der ein paar Meter weiter hinten stand, aber wohl immer noch in Hörweite. Er sah mich an und nickte mit dem Kopf in Richtung der Haustür.

Ich verstand, überließ Leo wieder der Tusse, die mir weiterhin Todesblicke zuwarf, nickte Tom dankend zu und drehte mich um, um bestimmt zur Tür laufen. Es würde nun wieder kalt werden, aber das war mir gerade egal.

Und ich sollte recht behalten, denn als ich mit Nachdruck erneut die schwere Tür in die dunkle Kälte aufstieß, kam mir ein eisiger Wind entgegen, der mich sofort umhüllte. Nun gab es eh kein Zurück mehr.

Während meines Versuchs einen einigermaßen kühlen Kopf zu bewahren, begann ich den Garten nach Jonas abzusuchen, was jedoch nicht einmal nötig war, da ich ihn nur einen Augenblick später an der Hauswand lehnen sah. Er saß dort einfach nur auf dem Boden und schien in irgendwelche Gedanken versunken.

Ohne weiter drüber nachzudenken, ging ich auf ihn zu und setzte mich wortlos neben ihn, wobei er jede meiner Bewegungen mit seinem Blick verfolgte.

„Weißt du", begann er ruhig „Manchmal habe ich irgendwie das Gefühl, ich passe hier nicht mehr hin."

Er hatte den Blick nun von mir abgewendet und stur geradeaus gerichtet. Fast so, als würde er vermeiden wollen, mir in die Augen zu sehen. Ich hatte meinen Kopf trotzdem in seine Richtung gedreht und studierte sein Profil: die definierten Wangenknochen und diese Augen, die selbst im Dunkeln noch so blau funkelten.

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