Heute war Freitag. Der Tag, an dem Jonas wieder zurück ins Internat fuhr. Und obwohl ich wusste, dass ich wenigstens hätte versuchen sollen mit ihm zu reden, während er noch hier war, hatte ich mich schlichtweg nicht getraut. Ich wusste, dass ich sowieso nicht die richtigen Worte gefunden hätte. Dass es falsch war, das als billige Ausrede zu benutzen, wusste ich selbst, aber etwas gegen meine Feigheit tun, konnte ich aus irgendeinem unerklärlichen Grund auch nicht. Also verbrachte ich den gesamten Vormittag wieder in meinem Bett, so wie ich es die letzten Tage auch schon getan hatte.
Meine Freunde hatten regelmäßig in der Gruppe gefragt, ob wir etwas gemeinsam unternehmen wollten, doch ich hatte einfach vorgegeben krank zu sein. Ich wollte sowieso nicht unter Menschen sein gerade, weil ich mich selbst schon fast nicht ertrug, wie sollten andere das dann? Und noch viel weniger wollte ich Jonas begegnen.
Ich sah mir gerade irgendeinen merkwürdigen Film an, als ich auf einmal bekannte Stimmen auf der Treppe vernahm und noch bevor ich diese zuordnen konnte, öffnete sich die Tür zu meinem Zimmer und Lina und Greta traten herein.
"Was macht ihr denn hier?", fragte ich verblüfft und musste aussehen wie jemand, der gerade ein Ufo oder irgendetwas in diese Richtung gesehen hatte. "Du bist nicht krank.", erklärte Lina wissend, ohne auf meine Frage einzugehen, und lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen an den Türrahmen.
Greta hingegen lief mit besorgtem Gesichtsasusdruck auf mich zu und setzte sich zu mir ans Bett. "Wir sind deinetwegen hier. Warum denn sonst? Was ist passiert? Irgendwas war da. Du sagst, du bist krank oder hast keine Zeit, wenn wir was unternehmen wollen und Jonas war die ganzen letzten Tage so schlecht drauf und ständig abwesend und jetzt bist du nicht einmal gekommen, um ihn wieder zu verabschieden."
Ich zuckte nur ratlos die Schultern und merkte wie mir unweigerlich wieder Tränen in die Augen stiegen. "Hey Mia.", meinte Greta besorgt und zog mich in eine Umarmung. "Wir machen uns Sorgen um dich, okay?" Ich begann zu schluchzen. "Ich hab das gar nicht verdient."
"Oh nein Mia, was war denn los? Rede mit uns.", forderte Greta mich in ihrem mitleidigen Tonfall auf. "Du kannst uns alles sagen, ja?", sagte nun auch Lina, die ebenfalls ans Bett heran getreten war und mich behutsam ansah.
Natürlich wusste ich, dass ich meinen besten Freundinnen vertrauen konnte, aber ich hatte trotzdem Hemmungen so offen mit ihnen über das zu sprechen, was zwischen Jonas und mir vorgefallen war. So schuldig wie ich mich noch fühlte, fiel es mir wirklich nicht leicht. Ob Jonas unbedingt wollte, dass die beiden alles darüber erfuhren, wusste ich auch nicht und irgendwo tief in mir drinnen hatte ich auch noch diese leise Angst vergraben, dass meine Freundinnen mich anschließend hassen würden und ich würde es ihnen nicht einmal übel nehmen können.
Doch ich raffte mich trotzdem auf und erzählte ihnen die ganze Geschichte, vielleicht würde es ja sogar gut tun mal mit jemandem zu reden, obwohl ich daran zu zweifeln schien. Meiner Mutter war noch gar nicht aufgefallen, dass ich kaum noch mein Bett verließ und wenn überhaupt, auch nur so kurzangebunden wie möglich redete. Sie arbeitete eben viel, so war das schließlich immer schon gewesen, doch trotzdem fand sie immer Zeit für Felix und mich. Aber irgendwoher musste im Endeffekt auch das Geld kommen. Das Haus musste abbezahlt werden und zwei, mittlerweile drei, waren auch nicht gerade günstig. Seitdem Ben bei uns eingezogen hatte meine Mutter generell noch mehr zu tun, schließlich waren Felix und ich mittlerweile schon ziemlich selbstständig, was man von eienm Achtjährigen jetzt wirklich nicht erwarten konnte.
"Oh Gott, Mia", sagte Greta noch immer ziemlich mitleidig, nachdem ich mit der Geschichte geendet hatte. "Ich wusste ja gar nicht, dass das zwischen euch beiden so ernst ist."
"Wusstest du nicht?", fragte Lina nun verblüfft. "Bist du die letzten Monate blind gewesen?"
Ich warf ihr einen verwirrten Blick zu.
"Mensch Mia", begann sie wie selbstverständlich. "Das war eigentlich schon ziemlich offensichtlich." Augenblicklich lief ich leicht rot an, obwohl das jetzt wahrscheinlich nicht der richtige Zeitpunkt war.
"Ist das denn schon öfter mal passiert?", fragte Greta nun neugierig und sah mich ziemlich erwartungsvoll an. Ich legte die Stirn in Falten. "Was?", fragte ich ratlos.
"Na, ich meine, habt ihr euch schon öfter geküsst?", erklärte sie nun und lächelte fast schon aufgeregt.
Lina lachte selbstbewusst. "Na, so rot wie du wirst, ist die Antwort ja schon klar."
"Ein, zwei mal vielleicht.", brachte ich schüchtern heraus.
"Echt?", meinte Greta nun verblüfft und stieß ein leises piepsiges Kreischen aus, das auch nicht mehr wirklich gesund klang. "Wann denn? Also das eine Mal wissen wir ja eh schon, aber was war da noch?", wollte sie nun ganz interessiert wissen.
"Ist doch egal jetzt, Jonas will höchstwahrscheinlich eh nichts mehr von mir wissen.", holte ich meine beste Freunde auf den Boden der Tatsachen zurück.
"Da wäre ich mir nicht so sicher.", merkte meine andere beste Freundin nun an. Auf meinen fragenden Blick reagierte sie mit einem Schmunzeln. "Ach Mia, nur weil ihr euch einmal gestritten habt, wenn Jonas das alles, was er da gesagt hat, wirklich ernst gemeint hat, kann ich mir nun wirklich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er jetzt auf einmal nichts von dir wissen will."
"Ich hab ihn schon ziemlich verletzt. Oh Gott, ich bin so dumm. Er denkt jetzt bestimmt ich halte ihn dür das größte Arschloch überhaupt, dabei hab ich das doch nur gemacht, um mich selbst zu schützen. Ich hatte einfach Angst verletzt zu werden. Doch jetzt hab ich das eigentlich selbst gemacht, und weil es ja noch nicht genug ist, mir selbst wehzutun, muss Jonas gleich mit dran glauben. Ich bin so eine wandelnde Katastrophe.", ich vergrub den Kopf verzweifelt in meinem Schoß und wollte am liebsten augenblicklich wieder in das nächste Loch verschwinden, das sich im Boden für mich auftat. Schade nur, dass ich darauf wahrscheinlich lange warten konnte.
"Mia, es kann nicht immer alles gut sein.", versuchte Lina mich aufzuheitern. "Na klar, das was du gemacht hast, war scheiße, aber wenn du es ihm erklärst und dich vernünftig entschuldigst, wird bestimmt wieder alles gut zwischen euch. Du kennst Jonas doch, er ist einfach nicht der Typ dafür nachtragend zu sein."
"Ne, das wäre wohl eher Leos Job.", lachte Greta makaber.
Lina sah mich nun inständig an und redete mir gut zu: "Und selbst wenn das mit euch beiden nichts mehr wird, dann kannst du dir wenigstens nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben."
Ich nickte, obwohl ich immer noch nicht wirklich begeistert war, doch ich wusste, dass sie Recht hatte. So oder so musste ich das mit Jonas klären.
"Aber jetzt wollen wir erstmal an was anderes denken.", wandte Greta ein und nahm einen verschwörerischen Ton an, während sie mit dem Augenbrauen wackelte. Gleich darauf übernahm Lina, die augenblicklich total vorfreudig aussah und aufgeregt wieder vor die Tür verschwand, um wenig später mit einer riesigen Tasche voller Decken, Kissen und Essen wieder ins Zimmer zu kommen.
Meine Augen begannen zu leuchten und ich warf ihr einen fragenden Blick zu, während ich unwillkürlich anfangen musste zu lächeln. Meine Freundinnen waren einfach die besten. "Was wird das?"
Mittlerweile war auch Greta kurz raus gegangen und kam nun mit einem Stapel Pizzakartons wieder zurück. "Wir waren mal so frei, Pizza zu bestellen.", begann sie und lächelte fast stolz, als sie sah, das auch ich nicht mehr so verzweifelt dreinschaute.
"Und so frei uns für heute Nacht selbst einzuladen, sind wir auch mal gewesen. Dann können wir dich mal auf andere Gedanken bringen.", führte Lina mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht fort und auf einmal spürte ich, dass meine Augen das erste Mal vor Glück feucht wurden.
"Hab ich euch schonmal gesagt, wie sehr ich euch lieb hab?", fragte ich meine besten Freundinnen.
"Aww, Mia nicht weinen.", sagte Greta nun bestürzt, stellte die drei Pizzakartons auf meinen Schreibtisch und kam auf mein Bett zugelaufen, um mich in die Arme zu nehmen.
"Wir haben dich auch lieb, Mia.", meinte Lina, die mich von der anderen umarmte und mir einen Kuss auf den Scheitel drückte.
Womit hatte ich solche tollen Freundinnen verdient?
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Der letzte Sommer
Teen Fiction"Du bist so wunderschön, wenn du glücklich bist.", hatte er gesagt und dabei in die Ferne geguckt. So, als würde er garnicht mit mir reden, sondern mit dem Universum, dem Himmel oder der ganzen restlichen Welt. Für Mia und ihre Freunde steht das le...
