Kapitel 20: Idiot

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"Es war scheiße.", seufzte Jonas nun niedergeschlagen. Er hatte nichts mehr von dem selbstbewussten Kerl von eben, sondern wirkte eher wie ein kleiner Junge.

"Was?", fragte ich ernst und blickte auf die Schaukel neben mir, auf der Jonas jetzt saß.

"Das ganze Wochenende.", sagte er, bevor er nach einer kurzen Pause hinzufügte: "Ne, nicht alles. Das Training war genial. Ge-ni-al. Alle waren richtig motiviert und konnten Fußball spielen wie sonst was. Ich war echt begeistert von den Jungs da. Einige waren echt cool drauf und alle richtig talentiert. Wahnsinn. Ich frag mich teilweise echt, was ich da zwischen all den guten Spielern gemacht hab." Er sprühte quasi vor Begeisterung und Glück, als er vom Fußball schwärmte.

"So so, du warst also begeistert von den Jungs da. Interessant, interessant.", merkte ich an, während ich verschwörerisch mit den Augenbrauen wackelte.

"Doch nicht so, wie du denkst, Mia.", warf Jonas mir schmunzelnd entgegen.

"Wieso war es denn scheiße? Klingt ja eigentlich voll gut.", sah ich ihn nun wieder ernst an.

Jonas zuckte bedauernd die Schultern: "Es waren halt nur einige Jungs cool drauf. Wir waren alle Konkurrenten, ganz logisch und ein paar haben das halt total raushängen lassen und waren richtig unfreundlich zu allen anderen. Die zwei Typen in meinem Zimmer waren beide karrieregeile Arschlöcher, haben nicht viel geredet und wenn, dann kam meistens nur Lästern über irgendeinen aus unserer Gruppe raus. Ich meine, dieses Wochenende war 'ne riesige Chance für uns, wir standen sicherlich alle unter Druck und den ganzen Tag Training, und was für ein Training, war echt hart, das verstehe ich alles. Aber es geht hier doch immer noch um Fußball, um den Sport. Und den lieben wir doch alle, sonst wären wir doch nicht da gewesen."

Ich nickte verständnisvoll.

"Und das war nichtmal alles. Ich war echt noch nie im Urlaub, meine Eltern haben einfach nicht das Geld dazu. Deswegen dachte ich immer, Heimweh würde mir nichts ausmachen und auf Klassenfahrten, hab ich das auch nie gehabt, aber wenn alle gegen einen sind, man den ganzen Tag nichts anderes als Training im Kopf hat und man eine einzige ruhige Minute findet, vielleicht vorm Einschlafen, und sich vorstellt, was seine Familie und seine Freunde heute gemacht haben und weiß, dass man nicht dabei war, dann fühlt man sich echt einsam.", gab er zu.

Ich nickte wieder. "Jedes Mal, wenn Mama, Felix und ich in den Urlaub fahren, will ich eigentlich schon wieder nach Hause, bevor wir losgefahren sind. Ich hatte schon fast bei unseren Campingausflug Heimweh. Wenn man sich vorstellt, wie das Leben zuhause ist, was man gerade in diesem Moment machen würde, wie das Haus aussieht, wie es riecht, dann ist es egal, ob man zwei oder zweitausend Kilometer von zuhause weg ist, ob man eine Nacht oder ein Jahr nicht da ist, man will nachhause. Jetzt. Aber manchmal muss man das Heimweh überwinden. Wäre ich nicht mit zum Campen gekommen, hätte ich einen der besten Abende meines bisherigen Lebens verpasst. Für einige Dinge lohnt sich dieser Schmerz. Aber nur, wenn sie so toll sind, dass die Freude größer ist als der Schmerz. Hat es sich gelohnt?"

Jonas überlegte einen Moment, bevor er antwortete. "Ja, ich glaub schon. Fußball ist einfach das, was ich am meisten liebe. Mir kann nichts besseres passieren, als den ganzen Tag trainieren zu dürfen, um mich zu verbessern."

Ich lächelte.

"Mia?", hörte ich Jonas sagen, ich blickte zur Seite und sah ihn an.

"Ich glaube ich habe mich entschieden.", erzählte er.

"Wofür?", ich blickte verwirrt zu ihm.

"Ich hab das Probetraining bestanden. Ich könnte auf dieses Internat gehen. Der Trainer fand mich gut, glaub ich.", überbrachte er die glückliche Nachricht und sah dabei ziemlich nervös aus. Oder war sie eher traurig?

"Das ist doch toll.", ich lächelte immer noch, doch konnte mich nicht mehr richtig bewegen.

Er nickte.

"Also gehst du?", fragte ich. Noch immer lächelte ich, doch langsam merkte ich, wie meine Augen langsam glasig wurden. Hoffentlich konnte Jonas das nicht sehen. Zum Glück war es dunkel.

Er sah mich an und nickte langsam.

Ich lächelte immer noch wie versteinert, doch merkte wie mir eine kleine Träne die Wange herunterrann. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Hör auf damit, Mia! Jetzt! Sofort!

"Das ist doch toll.", wiederholte ich-unfähig irgendetwas anderes zu sagen.

Jonas nickte. Nun lächelte auch er. "Du weinst ja.", bemerkte er, stand von seiner Schaukel auf und ging auf meine zu.

"Du doch auch.", stellte ich fest, als er näher kam. Er lächelte und zog mich in seine Arme.

"Ich freu mich nur so für dich.", beteuerte ich, um mein letztes bisschen Würde zu retten.

Ich spürte Jonas' sarkastisches Kopfnicken. "Du wirst mich vermissen.", sagte er neckend und drückte mich näher an sich. Er war gerade so groß, dass er seinen Kopf auf meinen legen konnte, als er mich umarmte.

"Werde ich garnicht.", erklärte ich leicht eingeschnappt. "Warum heulst du eigentlich?", versuchte ich von mir abzulenken.

"Weil ich dich vermissen werde.", antwortete er.

Hatte Jonas das jetzt wirklich gesagt oder hatte ich es mir eingebildet? Wahrscheinlich hatte ich es mir eingebildet. Natürlich hatte ich das. Sowas würde der doch nie sagen.

"Warum musst du auch so gut Fußball spielen!", hörte ich mich anklagend sagen.

"Ich bin halt toll.", sagte Jonas von sich selbst zu sehr überzeugt.

"Mhhh, ganz toll.", schniefte ich sarkastisch.

"Sag' ich ja", grinste Jonas zufrieden.

"Idiot.", schimpfte ich schmunzelnd.

"Was? Das hab' ich jetzt aber nicht gehört!", rief er gespielt empört.

"Idiot", sagte ich nun etwas lauter.

"So nennst du mich?", Jonas schüttelte entsetzt den Kopf.

"Ja", antwortete ich grinsend.

Kurzerhand nahm er mich hoch, warf mich wieder über seine Schulter und setzte sich in Bewegung.

"Jetzt geht das wieder los", ich versuchte übertrieben genervt zu klingen, obwohl ich es eigentlich recht lustig fand.

"Du wirst dich schon noch wundern.", drohte Jonas lachend.

"Du wirfst mich aber nicht ins Wasser, oder?", ich hoffte man konnte die leichte Panik, die in mir aufkam, nicht heraushören. Warum hatte ich eigentlich so Angst? In dieser Gegend war weder ein Teich noch ein See in der Nähe.

"Nein.", sagte Jonas, setzte mich vor sich ab und grinste mir ins Gesicht: "Ich wollte dir nur einen kleinen Schrecken einjagen."

"Vollidiot", lachte ich und schlug gegen seinen Arm.

Der letzte SommerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt