Und obwohl es mich auch augenblicklich daran erinnerte, dass sehr wohl etwas zwischen uns vorgefallen war, weswegen wir eigentlich kein Wort mehr miteinander redeten, versuchte ich diese Tatsache so gut wie möglich auszublenden und irgendwie gelang es mir auch augenblicklich um einiges besser als bisher gedacht.
Ich lächelte Jonas kurz müde zu, als er das mit dem Vermissen gesagt hatte, bevor ich meinen Blick dem Boden zuwendete. Ich wusste schließlich gut genug, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Das traurige an der Sache war nur, dass er mir gefehlt hatte und mir auch immer noch fehlte, ob ich mir das nun eingestehen wollte, oder nicht.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen diesen Moment so in Erinnerung zu behalten, wie er jetzt war. So friedlich und irgendwie auch melancholisch, aber trotzdem so schön. Und ziemlich kalt, um ehrlich zu sein.
„Du siehst irgendwie ein bisschen so aus, als wäre dir kalt.", schmunzelte Jonas, der daraufhin seine dicke Winterjacke auszog, an die er, im Gegensatz zu mir, gedacht hatte.
Ich sah wieder auf und wendete meinen Blick vom Boden ab. Unter normalen Umständen hätte ich Jonas' Jacke nicht einfach so akzeptiert, aber gerade feierte ich einfach viel zu sehr, um zu protestieren.
Sofort umhüllte mich diese angenehme Wärme, die ich mehr als bitter nötig hatte. Die Jacke war mir natürlich viel zu groß, aber gerade hätte sie nicht groß genug sein können. Und sie roch nach Jonas. Das heißt ich würde nicht nur mit Wärme umhüllt, sondern auch mit seinem Geruch, den ich die letzten Monate mehr als nur vermisst hatte.
„Danke.", sagte ich leise und sah ihn dabei ehrlich an, damit er wusste, dass ich es ernst meinte.
Er lächelte. „Steht dir."
Ich erwiderte nur ein müdes Lächeln. „Müssten wir nicht eigentlich streiten, oder so?", fragte ich in die langsam auftretende Stille und wusste nichtmal, ob die Frage an Jonas gerichtet war, oder ob ich mich nur selbst wunderte, wieso ich ihn nicht einfach ignoriert hatte, um frierend aber immerhin mit Stolz direkt an ihm und seinem sicherlich verblüfften Gesicht auf direktem Weg nach Hause zu marschieren.
Jonas zuckte als Antwort nur die Schulter.
„Oder macht man das nur mit Menschen, die einem wichtig sind?", fragte ich so leise, dass eigentlich nur ich es gehört haben könnte, in die Stille Dezembernacht hinein.
Doch Jonas schien mich anscheinend doch verstanden zu haben und schien nicht gerade so begeistert und längst nicht mehr so friedlich wie eben noch zu klingen.
„Du hast es immer noch nicht kapiert, oder Mia?", er war wieder so unendlich enttäuscht, dass es mir unweigerlich einen Stich ins Herz versetzte. Ich könnte die Enttäuschung förmlich in seiner Stimme hören und es schien fast so als würde sie geradewegs meinen Körper erschüttern.
„Oh, ich hab sehr wohl kapiert, Jonas.", erklärte ich vielleicht eine Spur zu pampig, aber ich ließ mir sicher nicht schon wieder sagen, dass ich zu schlecht von ihm
dachte, denn offenbar hatte er sehr wohl bewiesen, dass ich Recht hatte.
Jonas sah mich ein wenig verblüfft an, aber noch viel mehr mittlerweile wieder ziemlich genervt. „Wieso ziehst du dann so nen Scheiß ab?", fragte er erhitzt und mit leicht erhobener Stimme.
Ich zuckte ein wenig zusammen. Ich könnte erkennen, dass Jonas es ernst meinte, das, was er da sagte. Aber ich könnte mir einfach nicht vorstellen, was er damit sagen wollte. Oder wieso er jetzt wieder so tat, als wäre es wichtig. Vielleicht war es das für mich, aber anscheinend ja ganz sicher nicht für ihn.
„Was für nen „Scheiß" abziehe?", fragte ich protestierend und mit dem ironischstem Tonfall, den ich zu bieten hatte.
Er hob seinen Arm und deutete auf mich. „Na sieh dich doch mal an zum Beispiel. Ich glaub echt, du willst mich verarschen. Erst so tun, als würdest du mir nichts bedeuten. Du verhältst dich ja fast so, als würde ich dich hassen. Und dann lässt du mich einfach so wieder fahren, postest sonst was für krasse Partybilder auf Instagram und man kann sogar in die Bundesliga aufsteigen und dir ist es scheißegal. Und dann seh ich dich nach Ewigkeiten wieder und da stehst da in diesem roten Top, in dem du eh viel zu gut aussiehst, und zu allem Überfluss machst du auch noch halb mit irgendeinem Typen rum. Mia, ich glaub eher, ich bin derjenige, der dir egal ist."
„Gut, dass dich das alles nicht interessieren muss.", entgegnete ich ziemlich angesäuert. Auf einmal tat er wieder so, als würde ihm das ganze so furchtbar viel bedeuten und ich ihm wichtig sein, aber ich würde garantiert nicht von Jonas für meine Habdlungen und mein Verhalten verurteilen lassen, denn immerhin war er derjenige, der sich hier lächerlich aufführte.
„Sag mal, Mia. Was ist eigentlich los mit dir? Ich hab irgendwie das Gefühl, ich kenne dich garnicht mehr.", antwortete mir Jonas nun und das brachte das Fass damit wirklich fast zum Überlaufen.
„Achso, du kennst mich also nicht. Ja, Jonas. Vielleicht kennst du mich auch gar nicht mehr. Vielleicht hab ich mich einfach verändert. Genau so wie du dich verändert hast."
„Das einzige, was sich in den letzten Monaten verändert hat, ist meine Schule und ich hoffe mal wie gut ich Fußball spielen. Ich bin immer noch ich. Aber du bist nicht mehr du, glaub ich.", mutmaßte er.
„Woher willst du denn jetzt auf einmal wissen, wer ich überhaupt bin.", bluffte ich ihn nahezu an. Er war immerhin derjenige, der sich aus dem Staub gemacht hatte. Nun gut, immerhin für einen guten Grund. Deswegen wollte ich ihm das auch nicht vorwerfen.
„Weil ich dich kenne.", sagte er eindringlich und mir lief ein Schauder den Rücken herunter. „Weil ich dich kenne, Mia.", hörte ich seine Worte noch immer in meinem Kopf kursieren. Fast so, als hätte sie sich dort festgesetzt und eingebrannt. Denn, egal wie sehr ich wollte, dass es nicht so war, er hatte recht.
Es würde nichts bringen, wild um mich zu schreien und es abzustreiten. Jonas wusste, wie ich wirklich war. Er kannte mich, aber irgendwie kam es mir so vor, als würde ich ihn nicht kennen. Und das war, was mich so fertig machte.
Ich hatte einfach nicht verletzt werden wollen, indem Jonas mir zu wichtig und er dann aber doch gehen würde. Ich ließ Menschen nie zu nah an mich ran. Nahm immer an, dass man alles realistisch zu betrachten hatte. Freundschaften hielten nicht ewig. Irgendwann würde sich jeder auseinander leben.
Doch ich hatte einfach nicht wahrhaben wollen, dass ich einfach niemanden so sehr vermissen wollte und mir von niemanden so sehr weh tun lassen wollte wie von meinem Vater, der sich einfach aus dem Staub gemacht hatte.
Er hatte mir zwar nie bei irgendetwas gefehlt, aber selbst wenn meine Mutter ihr bestes versucht hatte, beide Elternteile darzustellen. Einen wirklichen Vater könnte doch niemand ersetzen.
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Der letzte Sommer
Teen Fiction"Du bist so wunderschön, wenn du glücklich bist.", hatte er gesagt und dabei in die Ferne geguckt. So, als würde er garnicht mit mir reden, sondern mit dem Universum, dem Himmel oder der ganzen restlichen Welt. Für Mia und ihre Freunde steht das le...
