Kapitel 45: Mistkerl

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Nervös stand ich vor Linas Haustür. Ich atmete noch einmal tief durch, bevor ich die Klingel betätigte. Schon ein paar Sekunden später riss eine gut gelaunte Lina schwungvoll die Tür auf und grinste mir breit entgegen. "Komm rein. Die anderen sind auch schon da.", verkündete sie freudig.

Ich versuchte ihre gute Laune mit einem gezwungenen Lächeln zu erwidern. Doch als sie mich erblickte, wandelte sich ihr Gesichtsausdruck und sie schien irritiert zu sein. "Nicht du auch noch. Was ist denn los mit euch heute? Greta ist auch schon die ganze Zeit so komisch."

Ich zuckte nur stumm die Schultern und lief gefolgt von Lina in ihr Zimmer. Sie lebte zusammen mit ihrer Mutter in einem kleinen Haus, das diese nach der Trennung von Linas Vater von ihrem letzten Ersparten gekauft hatte.

Ich betrat ihr Zimmer und warf einen kurzen Blick zu Greta, die wirklich aussah wie ein Häufchen Elend. Sie war eindeutig nicht bereit für das, was gleich passieren würde. Okay, das war keiner, glaubte ich. Wir hatten uns heute alle verabredet, weil es dringend an der Zeit war, Lina zu erzählen, dass dieser elende Alex ein Arschloch war. Sie würde die ganze Geschichte erfahren, schließlich hatte sie das Recht darauf,  alles zu wissen, obwohl unsere jämmerliche Mission schon eine echt dumme Aktion gewesen war.

Ich lehnte mich gegen Linas Schreibtisch, gegenüber von Jonas, der auf ihrem Bett neben Leo und Greta saß. Ob ich wollte oder nicht, ich musste ihn ansehen, doch bevor ich überhaupt die Gelegenheit dazu hatte, spürte ich schon seinen Blick auf mir.

"So Leute, jetzt klärt mich doch endlich mal auf. Hier liegt irgendwas in der Luft, ich merke das doch. Ihr seid schon so komisch seit ich vom Wandern wieder da bin. Und heute ist es besonders schlimm.", forderte Lina uns auf, als wir alle den Weg zu ihrem Zimmer gefunden hatten. Mist, sie hatte mitbekommen, dass irgendwas nicht stimmte. Warum musste sie uns auch so gut kennen?

Es war für einen Moment still, in dem Lina immer ungeduldiger wurde und uns abwartend ansah. Bevor Greta tief durchatmete und den Mut hatte anzufangen. "Okay, Lina. Sei uns bitte nicht böse, denn wir waren echt dumm. Aber wir wollten das wirklich nur für dich machen."

"Jaja, was habt ihr denn gemacht? So schlimm kann das ja nicht gewesen sein.", regte Lina sie an schnell weiterzureden.

"Ich hab Alex gesehen, als du im Urlaub warst und er hat jemanden geküsst.", presste sie so schnell wie möglich heraus.

"Ach, das kann nicht sein. Wahrscheinlich hast du dich verguckt, oder so. Sowas würde er niemals machen. Das war bestimmt jemand anderes.", winkte Lina ab. Doch Tom schüttelte den Kopf.

"Hat sie nicht, leider.", sagte er mit aufrichtigem Bedauern in seiner Stimme und Lina sah noch verwirrter aus als vorher.

"Das glaube ich euch nicht.", verkündete sie fassungslos.

"Das haben wir uns schon gedacht.", seufzte Jonas, was Lina noch mehr irritierte. "Was ist los? Redet mit mir verdammt nochmal!"

"Sei bitte einfach nicht böse auf uns.", bat Greta, während sie schüchtern den Blick gesenkt hatte. Es machte fast den Eindruck als würde sie sich nicht trauen, Lina in die Augen zu sehen.

"Was ist denn jetzt passiert?", drängte Lina uns, nun endlich mit der ganzen Wahrheit rauszurücken.

Plötzlich hob Greta den Kopf und ich konnte in ihr Gesicht sehen, das so voller Emotionen war, dass ich einen Kloß im Hals bekam. Inständig blickte sie mich an und erklärte, dass sie es nicht übers Herz bringen würde. "Mia, ich...ich kann das nicht."

Ich war unfähig etwas zu erwidern, als ich ihre Augen gesehen hatte. Es war zu viel für sie. Es machte sie regelrecht fertig. Greta war nie gut darin gewesen, Gefühle zu verbergen. Jeder wusste, dass sie ein sehr sensibler Mensch war und es am liebsten hatte, wenn all ihre Freunde, ihre Familie und am besten die gesamte Weltbevölkerung sorglos glücklich waren. Doch leider, war das nie der Fall.

Es brauchte einen kurzen Moment, bevor ich nicken konnte. Ich spürte Linas Blick auf mir, die nicht glaubte, was Greta gesehen hatte und nun unbedingt wissen wollte, was hinter unseren Andeutungen steckte. Und ich spürte Gretas Blick auf mir, der so hoffnungslos war, dass es meinen Körper erschütterte. Und natürlich spürte ich auch Jonas' Blick auf mir, dank dem ich mich auf einmal halbwegs sicher fühlte.

Ich atmete tief durch und sah Lina an, bevor ich anfing zu erzählen: "Wir sind zu dieser Party gefahren, auf der er als DJ auflegen sollte. Der Plan war, dass er Greta küssen sollte und Leo sollte ein Foto davon machen, damit du uns glaubst. Komplett bescheuert, wissen wir jetzt auch."

"Ich hab's euch ja gleich gesagt.", entgegnete Leo rechthaberisch und lehnte sich selbstherrlich gegen die Wand.

Lina schien das garnicht gehört zu haben, denn sie wandte sich an wütend an Greta, die gerade dabei war Leo einen scharfen Blick für sein unmögliches Verhalten zuzuwerfen. "Du wolltest meinen Freund küssen? Meinen Freund?", fuhr Lina sie an.

"Oh, sie wollte nicht, sie musste.", erklärte Leo.

Doch Lina ignorierte ihn wieder. "Hast du oder hast du nicht?", wollte sie nun von Greta wissen. Sie schüttelte den Kopf. "Also habt ihr die ganze Aktion abgeblasen?"

"So ähnlich.", führte ich nun meine Erzählung fort. "Wir sind da rein und eigentlich hat alles so funktioniert, wie geplant. Leider. Es war echt ekelhaft, wie er sich an Greta rangeschmissen hat. Aber er hat sie nicht geküsst. Er wollte es."

"Warum sollte er es wollen? Und selbst wenn, wenn er es gewollt hätte, hätte er es gemacht. Ich kenne ihn doch.", Lina schien uns nicht einen Schimmer Glauben zu schenken.

"Er war kurz davor...", begann Greta zögernd. "Aber dann ist Leo auf ihn losgegangen." Beim letzten Teil sah sie Leo an, der neben ihr saß. Sie zeigte ihm damit, wie dankbar sie dafür war. Und er erwiderte ihren intensiven Blick.

"Naja, das hat dann 'ne riesen Prügelei ausgelöst und am Ende sind wir alle rausgeflogen und haben Hausverbot bekommen.", beendete ich die ganze Geschichte. Nun war es für einen Augenblick still und man konnte Greta die Anspannung quasi an der Nasenspitze ablesen. Das war eindeutig zu viel für sie.

"Sagt mal, seid ihr eigentlich noch ganz dicht?", fragte Lina aufgebracht. "Wie kommt ihr auf die beschissene Idee meinen Freund verführen zu wollen? Greta, wie kannst du nur?"

"Wir wussten doch, dass du uns nicht glauben würdest, wenn wir keine Beweise haben.", brachte Greta kleinlaut mit piepsiger Stimme hervor. Sie stand kurz vor den Tränen, das konnte man deutlich hören.

"Beweise? Habt ihr jetzt etwa Beweise? Wenn ihr mir zeigen wollt, dass mein Freund untreu ist, ist das erstbeste, was euch einfällt, loszugehen und ihn abzuknutschen? Was ist denn bei euch falsch gelaufen?", schrie Lina nun schon fast. "Wisst ihr was? Das ist das letzte! Das allerletzte! Alex würde niemals jemand anderen küssen. Er liebt mich. Warum sollte er das also tun?"

"Weil er ein verficktes Arschloch ist.", antwortete Leo trocken.

"Nenn meinen Freund nicht so!", drohte Lina zischend.

"Ich kann den Bastard ja wohl nennen wie ich will. Lina, ich hab mit eigenen Augen wie der sich an Greta rangebaggert hat. Richtig eklig war das und wenn ich das schon sage, muss das schon was heißen. Und jetzt gib nicht Greta die Schuld dafür, dass dieser Typ ein elender Mistkerl ist. Sie wollte dir wirklich nur helfen. Auch wenn es vielleicht die falsche Art und Weise war, sie hat das für dich gemacht. Glaubst du sie hat Spaß daran gehabt sich zu verhalten wie ne billige Schlampe? Garantiert nicht. Das ist nämlich nicht Greta. Ganz und garnicht.", erklärte Leo nun.

"Verschwindet!", sagte Lina leise, aber bestimmt. Und augenblicklich war uns klar, dass wir auf sie hören sollten. Also standen wir stumm auf und gingen nach draußen.

Der letzte SommerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt