23. Dezember, der Tag vor Weihnachten. Als ich kleiner war, konnte ich an diesem Tag nie einschlafen und war viel zu aufgeregt gewesen, um zu schlafen. Dieses Jahr würde ich wohl auch nicht so furchtbar früh in mein Bett kommen, doch das lag wohl weniger daran, dass ich aufgeregt auf die Geschenke war, die am nächsten Tag, dem Heiligen Abend, hoffentlich unter dem Tannenbaum auf mich warten würden und auch nicht an dem Zauber, den Weihnachten immer für mich ausgestrahlt hatte. Von dem hatte ich in diesem Jahr nicht einmal so viel, bis eigentlich gar nichts mitbekommen, da ich ziemlich beschäftigt mit den Klausuren um dem im Januar bevorstehenden Vorabi gewesen war und sonst ziemlich viel meinen Problemen und Gedanken nachhing. Ich kam also nicht wirklich dazu, in der Adventszeit anzukommen und mich in Ruhe auf Weihnachten vorzubereiten.
Obwohl ich mir einredete, dass ich dieses Jahr nicht aufgeregt war, verrieten meine zittertenden Hände mich, die wie verrückt schlotterten, ob ich wollte oder nicht. Doch auch das lag nicht an dem bevorstehenden Weihnachtsfest morgen sondern viel mehr daran, dass ich heute das erste Mal Jonas wiedersehen wurde, nach unserem Streit vor mittlerweile mehr als zwei Monaten. Natürlich hatte ich mir vorgenommen, ihm so gut es ging aus dem Weg zu gehen und auf gar keinen Fall mit ihm zu sprechen, sondern geradewegs vor ihm wegzulaufen und so wie ich Jonas kannte, wurde er wohl das selbe tun. Naja, vorausgesetzt er konnte sich überhaupt noch an mich erinnern oder hatte sich in diesen zwei Monaten nicht komplett verändert. Wer weiß, was so ein paar Wochen in einem Profiinternat aus jemanden machten. Gerade jetzt, wo er in die Bundesligamannschaft aufgestiegen war. Okay, jetzt wurde ich fies. Das traute ich Jonas eigentlich beim besten Willen nicht zu.
Es war eigentlich fast zu 100 Prozent sicher, dass ich Jonas heute wenigstens aus der Ferne sehen würde. Schließlich hatten wir immer noch den selben Freundeskreis und der wurde sich ganz bestimmt nicht teilen, nur weil Jonas und ich Probleme miteinander hatten und das könnte und vor allem wollte ich auch gar nicht verlangen. Ich war vollkommen einverstanden damit, wenn die anderen heute Abend oder generell die ganzen Ferien um Jonas herumwuselten und Dinge mit ihm unternahmen, schließlich war er nur alle paar Monate mal für ein bis zwei Wochen hier und mich sahen sie fünf mal die Woche in der Schule und auch am Wochenende hingen wir meist zusammen rum. Ich hatte mir also für diesen Abend vorgenommen am besten einfach so viel wie möglich zu trinken, um gar nicht daran zu denken, dass ich Freunde hatte, sondern einfach nur irgendwie im Moment zu leben. Dieser Plan hörte sich ja auch nur erbärmlich und ganz sicher nicht nach etwas an, das auch nur jemals etwas werden und funktionieren konnte.
Doch meine Aufregung war nicht das einzige, das ich mir nicht einmal selbst eingestehen wollte. Ich trug heute wieder das rote Top, das, was ich auch getragen hatte, als wir diese dumme Aktion mit Alex gestartet hatten. Hatte im Endeffekt eben so wenig gebracht, wie mein Versuch mich bei Jonas zu entschuldigen, indem ich bei ihm anrief. Ich musste kurz sarkastisch auflachen. Mein Leben war doch wirklich eine einzige Katastrophe. Obwohl ich mir selbst vorzumachen versuchte, das ich genau dieses Top nur gewählt hatte, weil dessen rote Farbe so gut zu Weihnachten passte (was im Endeffekt ja nun wirklich keinen juckte), wusste ich wohl selbst gut genug, dass die Art wie Jonas mich angesehen hatte und die Erinnerungen an den Abend, an dem ich das Oberteil das letzte Mal getragen hatte, wohl der eigentliche Grund waren, warum ich, als ich scheinbar kopflos in den Kleiderschrank gegriffen hatte, ohne zu zögern das rote Top herausgezogen hatte.
Den Weg zu Toms Haus musste ich dieses Mal alleine zurücklegen. Eigentlich hatte Felix zugesagt, wieder mitzukommen, weil auch er auf diesen Partys jede Menge seiner Freunde traf. Gerade jetzt zu Weihnachten würden sicherlich jede Menge der Leute zuhause sein, die im Sommer nach dem Abitur zum Studieren weggezogen waren. Und das waren ja nun genau die, die in Felix' Jahrgang gewesen waren.
Mein Bruder hatte im Gegensatz zu seinen Freunden nach dem Abi nicht wirklich einen Plan gehabt, was er mit sich anfangen wollte. Eigentlich hatten er und seine mittlerweile Exfreundin Emma schon Jahre vor dem Schulabschluss beschlossen, dass sie eine Zeit lang nach Australien wollten, um dort Work and Travel zu machen, bevor sie mit dem Studium anfingen. Die Entscheidung für den Studiengang hatte Felix immer auf die Zeit in Australien verschoben, wenn man ihn danach fragte. Er wollte sich wohl erst selbst finden und dann seinem Beruf oder irgendwie So etwas.
Naja, da das mit Emma nun aber eben längst Geschichte war und die jetzt mit Felix bestem Kumpel, ihrem neuen Freund nach Australien gereist war, Felix aber irgendwie zu beschäftig war, sich einen Plan B zu überlegen, arbeitete er nun seit dem Abi Vollzeit bei McDonalds. Mein Bruder war also als absoluter Loser aus der ganzen Sachen hervorgegangen, womit ich ihm ziemlich gern aufzog. Zwar nicht mit der Sache mit Emma und Tobi, das war mir dann irgendwie doch zu fies, weil ich wusste, wie sehr ihm das vor ein paar Monaten noch zu schaffen gemacht hatte. Mittlerweile war er, glaubte ich zumindest, ganz gut über die Sachen hinweg.
Den Job bei der besagten Fastfood Kette hatte er jedenfalls keineswegs freiwillig angetreten. Eigentlich hatte er vorgehabt einfach weiter zuhause zu chillen und gelegentlich mal hier und da etwas feiern zu gehen, Freunde treffen, erstmal nichts machen und dann vielleicht irgendwann, wenn ihm die Nase danach stand mal damit zu beginnen irgendetwas mit seinem Leben anzufangen.
Diese Rechnung hatte er nur leider ohne unsere Mutter gemacht, die Felix zwar immer wieder aufgefordert hatte, sich doch bitte für eine Ausbildung, ein Studium oder sonst etwas zu entschieden. Als er dann selbst kurz vor seinem Abi noch keine einzige Bewerbung abgeschickt hatte, hatte meine Mutter Nägel mit Köpfen gemacht und ihm angedroht, ihn rauszuwerfen, wenn er nicht begann irgendetwas zu machen. Seitdem musste er meiner Mutter jeden Monat Wohngeld bezahlen und die Zeiten des Taschengeldes waren auch Geschichte. An das extra für ihn angelegte Sparbuch hatte er ebenfalls keinen Zugriff, weil meine Mutter das Geld für seine Ausbildung zurückgelegt hatte und da er offensichtlich nichts in diese Richtung begann, konnte er sehen, wie er seinen Lebensunterhalt bestritt.
Widerwillig hatte er dann den erstbesten Aushilfsjob, den er kriegen konnte, annehmen müsse, und dieser war eben beim Restaurant zur goldenen Möwe gewesen. Was eine tragische Geschichte.
Nachdem er heute wie jeden Tag nach billigem Pommesfett stinkend nach Hause gekommen war, hatte er erst einmal geduscht und war dann schlecht gelaunt und genug von allen Menschen jeglicher Art habend in sein Zimmer verschwunden. Die Zeit nach seinem Abi hatte er sich sicherlich auch anders vorgestellt. Als ich dann hatte loslaufen und ihn aus seinem Zimmer abholen wollen, hatte er mir verschlafen und ziemlich grummelnd ein Kissen an den Kopf geworfen und mit nach gerade freundlichem Tonfall erklärt, dass er heute nirgendwo mehr hingehen würde. Ihn dazu zu bringen, dass er mich zur Party fuhr, hatte ich gar nicht erst versucht, das wäre eh zwecklos gewesen. Aber in der eiskalten Dezemberkälte mitten in der Nacht und wie ich mich kannte höchstwahrscheinlich auch mit ziemlich viel Alkohol intus durch die halbe Stadt ganz alleine zurück nach Hause zu laufen, wollte ich nun wirklich nicht. Es war ja jetzt schon seit Stunden stockdunkel und außerdem arschkalt draußen. Und es war gerade einmal kurz vor neun. Deshalb bettelte ich meinen großen Bruder an, dass er mich wenigstens heute Nacht abholte.
Mein Bruder war wohl der gleichen Meinung gewesen, was das mitten in der Nacht alleine nach Hause gehen anging. Mit den ziemlich angepisst klingenden Worten: „Ruf mich an.", hatte er mich aus seinem Zimmer bekommen, aber Felux wäre nicht Felix, wenn er nicht noch ein „Wird echt Zeit, dass du dir langsam mal nen Freund anschaffst.", hinterhergelegt hatte.
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Der letzte Sommer
Teen Fiction"Du bist so wunderschön, wenn du glücklich bist.", hatte er gesagt und dabei in die Ferne geguckt. So, als würde er garnicht mit mir reden, sondern mit dem Universum, dem Himmel oder der ganzen restlichen Welt. Für Mia und ihre Freunde steht das le...
