Kapitel 38: raus mit der Sprache

120 12 32
                                        

"Lina!", rief ich aufgeregt, als ich sah, wer dort an der Tür geklingelt hatte und fiel meiner besten Freundin freudig um den Hals. "Schön, dass du wieder da bist."

"Übertreib mal nicht gleich, ich war doch nur eine Woche weg.", lachte sie, bevor sie ins Haus lief und ich nun auch Greta und Tom umarmte, die hinter ihr auftauchten.

"Jonas ist im Garten und versucht gerade den Grill anzukriegen, aber ich glaub nicht, dass er das hinbekommt.", informierte ich die drei.

"Das hab ich gehört!", schrie Jonas von draußen, woraufhin ich nur lachte. "Ich geh mal gucken, ob er Hilfe braucht.", erklärte Tom, während Greta, Lina und ich in der Küche das Brot schnitten, die Salate nach draußen brachten und den Terassentisch deckten. Ich legte gerade das Besteck an seinen Platz, als ich einen Blick auf Jonas und Tom warf, die mit ihren Bierflaschen am Grill standen und sich über irgendetwas unterhielten. Augenblicklich fragte ich mich, ob es in zwanzig Jahren vielleicht immer noch so sein würde: ein schöner Sommertag und wir trafen uns alle zum Grillen. Vielleicht hatten wir alle ja auch Kinder, die dann über den Rasen tobten und mit ihrem fröhlichen Geschrei den Garten erfüllten.

Schnell schüttelte ich den Kopf. Das war nur eine Traumwelt, in die ich gerade abdriftete. Eigentlich wusste mein gesunder Menschenverstand, dass es in spätestens einem Jahr, nach dem Abi, eh vorbei wäre mit unserer Freundschaft. Dann würden wir uns vielleicht einmal im Jahr sehen, wenn wir alle zu Weihnachten unsere Familien besuchten, fünf Minuten nach dem Gottesdienst am Heiligabend in Erinnerungen an die guten alten Zeiten schwelgten und bedauerten, dass wir schon so lange nichts mehr voneinander gehört hatten. Also würden wir uns vollkommen mitgenommen vom Weihnachtszauber versprechen, dass wir uns von nun an öfter mal melden würden, aber am Ende würden wir es eh nicht tun, wenn der Alltag wieder jeden Funken Weihnachtsmagie weggepustet hatte und der Terminplan keine Zeit für Nostalgie ließ. So traurig wie es klang, wir sollten uns nichts vormachen, denn genau so würde es aussehen, wenn wir erstmal erwachsen und langweilig waren und mit beiden Beinen im Leben standen.

Doch ich sollte mir nicht so viele Gedanken um die Zukunft machen, denn die kam sowieso, ob man wollte oder nicht. Die einzige Zeit, die ich gerade in diesem Moment wirklich beeinflussen konnte, war die Gegenwart und die war schon kompliziert genug. Automatisch musste ich an den Kuss mit Jonas von vorhin zurückdenken. Er hatte sich danach nervös den Hinterkopf gekratzt, mich entschuldigend angesehen und "T-Tut mir Leid, i-ich wollte nicht...", gestammelt, doch weiter war er nicht gekommen, weil ich seinen Kopf wieder zu meinem runtergezogen hatte. Meine leise Befürchtung, dass es zwischen uns danach irgendwie komisch sein würde und wir nicht mehr richtig miteinander sprechen konnten, hatte sich glücklicherweise nicht bestätigt. Im Großen und Ganzen war alles wie immer gewesen, wofür ich mehr als dankbar war. Natürlich hatte er mich damit aufgezogen und mich selbstgefällig angegrinst, aber das war ja nichts ungewöhnliches.

"Wo ist Leo eigentlich schon wieder?", holte Greta mich in die Realität zurück und stellte einen Korb mit frisch geschnittenem Brot auf den Tisch.

"Was weiß ich", sagte ich und zuckte mit den Schultern. "Vielleicht hat er kurzfristig beschlossen, dass er lieber mit irgendwelchen Leuten feiern gehen will, oder er hat ganz vergessen, dass wir uns überhaupt treffen wollten."

"Das kann doch wohl nicht wahr sein.", stöhnte Greta darufhin genervt.

"Was kann nicht wahr sein?", fragte Tom, der gerade mit Jonas im Schlepptau zum Tisch kam.

"Leo ist nicht da und wir fragen uns gerade, ob er überhaupt noch vorhat, uns mit seiner Anwesenheit zu beehren.", erklärte sie, während mir ganz heiß wurde, da Jonas nun direkt neben mir stand. Was war denn jetzt los hier?

"Natürlich hab ich das vor, mein liebes Gretalein.", kam es nun von Leo, der sich gar nicht erst die Mühe gemacht hatte, zu klingeln, sondern gleich in den Garten gekommen war. Mensch, der Junge hatte auch ein Timing. Er überreichte Tom die Packungen mit dem Fleisch, die er mitgebracht hatte und ging geradewegs auf Greta zu: "Ich habe doch geschrieben, dass ich später komme."

"Haben wir dann wohl nicht gesehen.", murmelte sie und blickte dabei schuldbewusst auf den Boden.

"Hauptsache ich bin jetzt da. Was gibts denn zu essen?", erkundigte er sich zur Abwechslung mal fröhlich und Tom begann ihm zu berichten, dass die Würstchen so gut wie fertig wären, das Fleisch aber noch einen Moment brauchen würde.

Jonas, der das Geschehen ebenso wie ich verfolgt hatte, beugte sich nun unbemerkt zu mir runter und wisperte so leise, dass nur ich es verstehen konnte: "Weißt du eigentlich, wie nervös es mich macht, wenn du mich die ganze Zeit so anstarrst wie eben?"

Geschockt drehte ich in sekundenschnelle meinen Kopf in seine Richtung. Was? Er hatte das mitbekommen? Bitte nicht.

"Keine Sorge, Mialein. Das muss dir nun wirklich nicht peinlich sein. Ich kann den Blick auch nie von mir abwenden.", schmunzelte er, woraufhin ich ihn augenblicklich auf den Arm boxte.

"Hey!", rief er laut, sodass sich nun alle unsere Freunde zu uns umdrehten und verdutzt aus der Wäsche schauten.

"Streiten sie sich schon wieder?", fragte Lina grinsend.

"Die beiden machen doch den ganzen Tag nichts anderes.", verdrehte Greta amüsiert die Augen, während Tom uns nur wissend anschaute und Jonas einen Blick zuwarf, den ich nicht deuten konnte. Er hatte Tom doch wohl nicht eben davon erzählt? Das Ganze wurde mir langsam aber sicher viel zu peinlich hier. "Wären wir doch wenigstens besoffen gewesen.", dachte ich ärgerlich. "Dann hätten wir es auf den Alkohol schieben können."

"Ich geh nochmal gucken, ob wir noch Ketchup haben.", verkündete ich, um aus dieser mir unangenehmen Situation enfliehen zu können und einen Moment durchatmen zu können.

"Ich auch", fügte Lina gleich hinzu, die wohl mitbekommen haben musste, dass irgendetwas anders war, als sonst.

"Ich, ähm, helfe den beiden.", sagte nun auch Greta und verschwand hinter Lina und mir im Haus.

"Was war denn das eben?", fragte Lina flüsternd, sodass man draußen nichts hörte, als wir in der Küche angekommen waren.

"Nichts", sagte ich und zuckte mit den Schultern. "Was meinst du denn? Da war doch garnichts."

Beide sahen mich mit Blicken an, die wohl ungefähr so viel bedeuten sollten wie: "Ernsthaft?"

"Mia, du weißt, dass es keinen Sinn hat uns anzulügen. Wir sind deine besten Freundinnen. Wir kriegen mit, wenn irgendwas nicht stimmt.", erklärte Greta.

"Mensch, da ist man mal nur eine Woche nicht da und verpasst gleich alles.", regte Lina sich gespielt auf.

"Jonas und ich haben uns geküsst.", rückte ich leise mit der Sprache raus.

Was eine Neuigkeit, hehe🤓

Was meint ihr wie Lina und Greta darauf reagieren werden? 😏😏

Der letzte SommerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt