Kapitel 97: McDonalds

69 7 12
                                        

Grinsend zückte ich mein Handy und schickte ohne nachzudenken ein Foto der Schlüssel in die Gruppe meiner Freunde und mir. Es dauerte nur wenige Sekunden bis ich die erste Antwort erhielt. Lina hatte einen Emoji mit Herzaugen geschickt und auch Jonas hatte die Nachricht schon gesehen, jedoch nicht geantwortet. Ich versuchte mich davon nicht beirren zu lassen und fragte, noch immer mit diesem breiten Grinsen in meinem Gesicht:

"Hat jemand Lust auf ne kleine Spritztour?"

Gretas reagierte prompt und auch die Antworten von Tom, Leo und Lina ließen nicht lange auf sich warten. Noch immer aufgeregt schnappte ich mir also meine Jacke und lief in die Garage. Jetzt endlich alleine fahren zu dürfen, ohne dass meine Mutter neben mir auf dem Beifahrersitz saß, fühlte sich so sehr nach Freiheit an. Zuerst holte ich Greta und dann Leo ab, die beide in meiner Nähe wohnten. Nachdem auch sie mir gratuliert hatten und sogar Leo für seine Verhältnisse ungewöhnlich gut gelaunt war, machten wir uns auf dem Weg zum riesigen Haus von Toms Eltern. Auch er versprühte eine derartig positive Ausstrahlung, dass ich mich geradezu fragte, was denn heute mit den Jungs los war.

Lina wohnte etwas außerhalb, weshalb wir zu ihr etwas länger unterwegs waren. Sie stand bereits draußen und hatte sich ihre langen, blonden Haare heute zu einem losen Pferdeschwanz zusammengebunden. Früher hatte ich sie manchmal insgesamt für ihr Haar beneidet, weil das Blond ihr einfach schon immer so unfassbar gut gestanden hatte. Doch mittlerweile mochte ich das Braun meiner Haare an mir, da ich mir sicher war, dass Blond einfach nicht zu mir passte.

"Herzlichen Glückwunsch, Mia!", rief sie nach vorne, nachdem sie die Autotür schwungvoll geöffnet hatte und sich zu Greta und Tom auf die Rückband quetschte. Leo, der als erster eingestiegen war, hatte sich den Beifahrersitz sichern können.

"Wohin soll's gehen?", fragte ich und drehte mich mit einem breiten Grinsen nach hinten. Ich hörte nur ein leicht verächtliches Schnauben von Leo neben mir, das mich fast zum Lachen brachte. Erwartungsvoll sah ich an, während er gerade etwas in sein Handy tippte. Dann wandte er seinen Blick zu mir und dieses unwiderstehliche Lächeln, dass er sonst eigentlich nur seinen Eroberungen schenkte, schlich sich auf sein Gesicht. "Dass du das noch fragen musst.", merkte er an und warf einen prüfenden Blick nach hinten zu den anderen, die zustimmend nickten und erst dann verstand ich es. "Gut", schmunzelte ich und startete den Motor erneut. "McDonalds" Sofort johlten die Jungs auf, woraufhin ich ihnen einen belustigten Blick zuwarf.

Nachdem es mir gelungen war, das Auto halbwegs gerade in die Parklücke zu steuern, stiegen wir aus und betraten das Restaurant. Wie jedes Mal, wenn ich bei McDonalds war, was nicht sonderlich oft vorkam, nahm ich einfach nur einen Cheeseburger, mittlere Pommes und eine Cola. Die Bestellung ging mir mittlerweile so leicht von den Lippen, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenken musste.

Während Leo und Tom sich gegenseitig die Verpackung des Strohhalms ins Gesicht pusteten, nahm ich auf dem Stuhl neben Lina Platz und warf einen kurzen, möglichst unauffälligen Blick auf mein Handy. Immer noch keine Nachricht. Ich versuchte meine Enttäuschung so gut es ging zu verbergen und packte mein Handy schnell wieder weg, bevor ich begann, meine Pommes zu essen. Ich konnte mir nicht erklären, warum Jonas sich auf einmal so verhielt. Seitdem wir uns auf der Party an Weihnachten ausgesprochen hatten, war alles wieder normal zwischen uns gewesen und wir hatten eigentlich sogar mehr Kontakt als vor dem Streit. Ich fand beim besten Willen keinen Grund dafür, warum er mir jetzt nicht einmal zum Geburtstag gratulierte, wo er doch genau wusste, dass ich heute 18 wurde. Schließlich hatte er mir vor ein paar Tagen noch geschrieben, dass er es nicht zu meiner Feier schaffen würde. Hatte er es im Stress zwischen Training und der Abiturvorbereitung einfach vergessen? Ich schüttelte den Kopf. Das passte eigentlich gar nicht zu Jonas. Trotzdem versuchte ich weiterhin, es mir einzureden, da dies das Szenario war, das am wenigsten von allen wehtat.

Greta musste bemerkt haben, dass etwas mit mir nicht stimmte, denn sie warf mir einen fragenden Blick zu, den ich einfach ignorierte. Stattdessen nahm ich einen großen Schluck von der Cola und blickte erst wieder auf, als Tom verkündete, dass er uns allen zur Feier des Tages Eis ausgeben würde. Sofort leuchteten meine Augen und ich entschied mich dazu, nicht weiter so betrübt zu sein. Mein gesamter Tag war bis jetzt genau so verlaufen, wie ich mir meinen 18. Geburtstag immer vorgestellt hatte. Ich wollte mir nicht von einer solchen Kleinigkeit die Laune verderben lassen, obwohl ich tief im Innersten wusste, dass es eigentlich gar keine Kleinigkeit für mich war.

Am Nachmittag waren George und Mary vorbeigekommen, die wie jedes Jahr einen Kuchen mitgebracht hatten. Obwohl ich mich über ihren Besuch sehr gefreut hatte und auch die ausgelassene Stimmung am Tisch sehr genossen hatte, war ich mit meinen Gedanken immer wieder bei Jonas gewesen. Was er jetzt wohl machte? Bestimmt trainierte er oder lernte für die Schule. Gut, wahrscheinlich trainierte er eher, so wie ich ihn kannte.

Meine Freunde hatte ich nach unserem kurzen Trip zu McDonalds allesamt wieder zu Hause abgesetzt. Die Jungs hatten am Nachmittag Fußballtraining gehabt, zu dem auch Felix aufgebrochen war, bevor er überhaupt dazu gekommen war, ein Stück von Marys Kuchen zu essen. Am Abend würden wir uns sowieso wiedersehen, da sie alle zum Raclette-Essen vorbei kommen wollten. Obwohl ich meiner Mutter versichert hatte, dass sie deswegen nicht extra das Haus zu verlassen bräuchte, hatte sie mir erklärt, dass siesich eh mal wieder mit einer Freundin treffen wollte, während Felix später noch zu einem Freund wollte und Ben sich schon seit Tagen auf einen Fernsehabend bei Mary und George freute. Es freute mich, dass er so gut mit den beiden klarkam, da sie für mich immer noch so etwas wie meine Großeltern waren. Doch umso mehr freute es mich für meine Mutter, dass sie sich endlich mal wieder mit einer Freundin verabredet hatte, da sie jahrelang zuhause geblieben war, um auf Felix und mich aufzupassen und auch jetzt, wo wir älter waren, ging sie nur selten aus. Umso froher war ich also, dass sie sich, trotz Ben, mittlerweile die Freiheit nahm, etwas zu tun, dass sie glücklich machte.

Der letzte SommerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt