Greta, die mächtig rot wurde, schüttelte energisch den Kopf. Ebenso wie Tom, der peinlich berührt lachte, schien nicht sehr begeistert von der Idee zu sein.
"Och menno, na dann eben nicht.", Lina ließ niedergeschlagen die Schultern hängen und sah dabei aus wie ein kleines bockiges Kind, was uns alle zum Lachen brachte.
Wir hatten auch den Rest des Abends noch jede Menge Spaß und ich war glücklich, so tolle Freunde zu haben. Am Ende hatte ich sogar vergessen, dass wir Lina eigentlich noch etwas sagen mussten. Mir war es erst aufgefallen, als ich die Haustür hinter meinen Freunden geschlossen hatte, die sich nun alle auf den Heimweg machten.
Etwas besudelt von dem Alkohol, den ich getrunken hatte, beschloss ich einfach morgen mit den anderen einen neuen Plan zu entwickeln. Oder es Lina einfach gleich zu sagen. Am Ende siegte immer die Ehrlichkeit, wie ich heute hatte feststellen müssen.
Dass ich Ben meinen Freunden regelrecht verschwiegen hatte, war für sie nun abgehakt. Ich glaubte, dass sie das Thema nun ruhen lassen würden. So wie sie es auch mit meinem Vater taten. Einmal hatte ich es ihnen erzählt und seitdem hatte ich nie wieder darüber gesprochen, also taten sie es auch nicht. Ich wusste nichtmal, ob sie mich einfach nur nicht verletzen wollten und Angst hatten, vielleicht etwas falsches zu sagen, oder ob es ihnen schlichtweg egal war. Schließlich war ich Mia und nicht mein Vater, der eh nichtmal richtig zu mir gehörte, da er sich selbst dazu entschieden hatte, keinen Platz in meinem Leben einzunehmen.
"Mia?", hörte ich meine Mutter leise aus dem Wohnzimmer rufen. Überrascht davon, dass sie noch wach war, lief ich zu ihr und setzte mich neben sie auf das Sofa. Als ich mich schließlich in das weiche Polster zurückgelehnt hatte und mit müden Augen den schwarzen Bildschirm des ausgeschalteten Fernsehers betrachtete, indem sich die erleuchtete Stehlampe spiegelte, begann meine Mutter zu sprechen. So leise, dass ich es gerade noch so hören konnte. "Ben hat den ganzen Abend geweint. Obwohl es ihm im Zoo so gut gefallen hat. Er denkt, dass du ihn nicht magst, weil du deinen Freunden nichts von ihm erzählt hast. Er weiß, wie wichtig sie dir sind. Er ist enttäuscht von dir, Mia." Sie sah mich nicht an, als sie mit mir sprach.
Alarmiert blickte ich in ihre Richtung: "Was? Das hat er gesagt?", fragte ich geschockt. "Wie kann er sowas nur denken?"
Mama atmete einmal tief durch, bevor sie nun endlich den Kopf hob und mir erklärte: "Er ist jung und musste schon so viel durchmachen. Er ist schon so oft enttäuscht worden."
Nun konnte ich die Tränen, die sich aufgestaut hatten, nicht mehr zurückhalten. Sie liefen mir stumm die Wangen herunter. Ich machte mir garnicht erst die Mühe, sie wegzuwischen. Als meine Mutter sie bemerkte, kam sie etwas näher und zog mich in eine Umarmung. Beruhigend strich sie mir über den Kopf und drückte mich näher an sich, sodass ich mich für einen Moment wieder wie ein kleines Kind fühlte, das nichts brauchte als ein paar tröstende Worte seiner Mutter, um alle Probleme der Welt zu vergessen.
"Warum hast du es ihnen nicht erzählt?", fragte Mama mich ruhig ohne mich zu verurteilen.
"Wegen Papa. Ich glaube, ich wollte einfach verdrängen, was er gemacht hat.", gab ich leise schluchzend zu.
"Er wird schon seine Gründe gehabt haben.", versuchte sie ihn in Schutz zu nehmen. Warte, verteidigte sie da gerade wirklich den Mann, der sie mit zwei kleinen Kindern völlig allein gelassen und ihr nun noch ein drittes, für sie vollkommen fremdes Kind aufgebunden hatte?
"Wie kannst du das?", fragte ich sie verwundert. "Was?" "Naja", meinte ich. "Wie schaffst du es nicht wütend auf ihn zu sein, bei allem, was er dir angetan hat?"
"Er ist immer noch euer Vater und er hat mir das geschenkt, was ich im Leben am liebsten habe. Meine Kinder. Natürlich bin ich furchtbar sauer auf ihn, dass er einfach so gegangen ist und das mit Ben ist natürlich noch der Gipfel der Unverschämtheit. Aber ich kann es nicht ändern und ich will es auch garnicht ändern. Vielleicht hat dir und Felix manchmal der Vater gefehlt, aber ganz sicher keiner, der eh nicht bei seiner Familie bleiben wollte.", versuchte sie mir zu erklären und genau in diesem Moment, war meine Mutter eine noch viel größere Heldin, als sie es ohnehin schon war. Sie war die stärkste Frau, die ich kannte. Meine Mutter war mein Vorbild, in jeder Hinsicht. Ich hatte so unfassbar viel von ihr gelernt und verdankte ihr noch viel mehr. Sie war Felix und mir Mutter und Vater gleichzeitig, hatte gearbeitet wie eine Verrückte, damit wir das Haus behalten und sie ihren Traum von einer Karriere leben konnte. Und trotzdem hatte sie nicht das Bedürfnis, den Menschen umzubringen, der ihr das Leben so viel schwerer gemacht hatte, als es hätte sein müssen. Und selbst jetzt, wo ihre Kinder fast erwachsen waren und eigentlich alles hätte entspannter für sie werden sollen, ihr aber trotzdem wieder ein Strich durch die Rechnung gemacht worden war, nahm sie die Situation einfach so hin ohne sich zu beschweren. Ich hätte das zu sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht gekonnt.
"Mareike? Ich kann nicht schlafen.", sagte Ben leise, der in seinem bunten Schlafanzug die Treppe heruntergeschlichen war. Sofort drehte meine Mutter sich um und lächelte ihn liebevoll an. "Soll ich dir noch eine Geschichte vorlesen?", fragte sie ihn, woraufhin er unsicher nickte.
Kurzerhand hatte ich einen Entschluss gefasst. Ich war aufgestanden, zu Ben gelaufen und hatte mich zu ihm herunter gebückt, damit er mir besser in die Augen gucken konnte. "Weißt du eigentlich, dass ich dich ganz doll lieb habe?", fragte ich ihn. Ein strahlendes Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit und er blickte mich ungläubig an. "Wirklich?"
"Na klar, du bist doch mein Bruder.", sagte ich lächelnd, bevor ich ihn an mich drückte und er glücklich seine kleinen Arme um mich schlang.
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Der letzte Sommer
Jugendliteratur"Du bist so wunderschön, wenn du glücklich bist.", hatte er gesagt und dabei in die Ferne geguckt. So, als würde er garnicht mit mir reden, sondern mit dem Universum, dem Himmel oder der ganzen restlichen Welt. Für Mia und ihre Freunde steht das le...
