Das Spiel lief nicht gut für Jonas' neue Mannschaft. In der ersten Halbzeit verspielten sie viele Chancen und schienen nicht konzentriert bei der Sache. Die Anspannung im Stadion, aber auch bei uns, stieg.
„Das kann doch nicht sein, schon wieder Foul!", stöhnte Leo, der von Minute zu Minute unruhiger zu werden schien.
Auch ich merkte, wie mein Puls immer unruhiger schlug. Ich wusste, dass der Trainer Jonas nicht einwechseln würde, wenn die Mannschaft weiterhin 2:0 zurück liegen würde. Er würde es sich nicht leisten können, jemand Neuen und so Unerfahrenen wie Jonas auf den Platz zu lassen, wenn das Team eigentlich schon sicher am verlieren war. Das Risiko würde ein Trainer niemals eingehen. Für Jonas wünschte ich mir aber so sehr, dass er heute seine große Chance bekam.
Es folgte eine Auswechslung und wir hielten allesamt die Luft an. Ich merkte, wie sich alles in mir anspannte. Nervös blickte ich wie gefesselt auf den Bildschirm, doch es war nicht Jonas, der da eingewechselt wurde. Enttäuscht stöhnend ließ ich mich also wieder auf die Couch zurücksinken.
Ich merkte, dass mich jemand beobachtete. Lina, die bis vor kurzem noch selbst wie gefangen am Bildschirm geklebt hatte, sah mich nun mit breitem Grinsen an.
Ich zog die Stirn kraus und warf ihr einen verwirrten Blick zu. Sie grinste nur noch breiter. „Es ist schon süß, wie du mitfieberst."
Ich sah sie nur noch verwundert an, doch kam gar nicht dazu, die Bedeutung ihrer Worte zu hinterfragen, geschweige denn, etwas zu erwidern. Wie aus dem Nichts, schlug Greta mir mehrmals aufgeregt gegen den Arm.
„Er pfeift, er pfeift. Der Schiedsrichter pfeift.", rief sie unruhig. „Ob da nochmal gewechselt wird?"
Ich schmunzelte. Es war fast niedlich, wie wenig sie sich mit Fußball auskannte. Auch Leo konnte sein Amüsement nicht verbergen. „Es ist Halbzeit, Gretalein.", meinte er lachend und schlug ihr sanft gegen den Kopf, woraufhin sie kurz schmollte. „Woher soll man das denn jetzt noch wissen?"
Die zweite Halbzeit verlief schon um einiges besser als die erste. Der Trainer hatte nach der Pause noch einen Wechsel vorgenommen, Jonas war jedoch wieder nicht dabei gewesen.
Nach circa einer Viertelstunde konnte die Mannschaft den Rückstand von 0:2 auf 1:2 verringern. Zwar lagen sie immer noch zurück, doch sie spielten wesentlich offensiver und selbstbewusster als in der ersten Halbzeit. Eine halbe Stunde vor Schluss, sah ich wie sich auf dem Bildschirm wieder etwas tat und hielt kurz die Luft an.
"Seh ich das jetzt richtig?", fragte Greta ungläubig, in die Stille hinein, in der wir alle wie gebannt auf den Fernseher starrten.
"Ja, Jonas kommt rein.", sprach Leo nun das aus, was wir alle dachten und gerade auch live mitverfolgen konnten.
Irgendwie brachte es mich total aus dem Konzept, zu sehen, wie er auf den Platz joggte und zu seiner Position lief. Jonas spielte wie immer im Sturm und auf einmal war es so surreal für mich, ihn wirklich bei einem Spiel der Bundesliga im Fernsehen zu sehen. Jonas schien in dem Moment jedoch gar nicht bewusst zu sein, dass so viele Kameras und Augenpaare auf ihn gerichtet waren. Er wirkte konzentriert und professionell wie immer während eines Spiels.
Auch wenn ich es gewollt hätte, wäre es mir die nächsten Minuten nicht möglich gewesen, meine Augen von dem Bildschirm abzuwenden. Ich wartete immer wieder gespannt darauf, dass Jonas im Bild erschien. Er schlug sich ziemlich gut und mir fiel auf, wie viel er in den letzten Monaten trainiert haben musste, denn er spielte definitiv um einiges besser, als ich es sonst von ihm gewohnt war.
In der zweiten Halbzeit dominierte Jonas' Mannschaft dann klar. Obwohl mir klar war, dass das natürlich nicht nur an Jonas lag, bildete ich mir ein, dass das eigentlich der einzige Grund dafür sein konnte. Auf einmal sah das Team neue Chancen, spielte wesentlich offensiver und arbeitete sich Stück für Stück weiter nach vorne. Und doch verschossen sie mehr als einmal ihre Torchancen, sodass jedes Mal ein verzweifeltes Raunen durchs Wohnzimmer ging.
Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass sie wenigstens noch den Ausgleich schaffen würden, doch anscheinend hatte ich mich getäuscht. Mittlerweile war es gute fünf Minuten vor Schluss und obwohl Jonas' Team deutlich besser spielte, als die gegnerische Mannschaft, war bis jetzt noch zweites Tor gefallen. Aber immerhin hatten sie auch keinen weiteren Gegentreffer kassieren müssen. Ich hatte gerade mit dem Gedanken abgeschlossen, dass sie vielleicht doch noch das Spiel für sich entscheiden konnten, als ich sah wie einer von Jonas' Teamkollegen in rasanter Geschwindigkeit in Richtung Tor unterwegs war, jedoch war prompt ein Gegenspieler zur Stelle, der vorhatte, ihm den Ball abzunehmen.
Doch Jonas' Mitspieler reagierte blitzschnell und passte ihm den Ball zu. Jonas hatte noch einige Meter bis zum Tor vor sich, doch ließ sich auch von den Verteidigern nicht abbringen, die versuchten, den Ball für sich zu gewinnen. Doch auf einmal bauten sich zwei von ihnen direkt vor ihm auf und versuchten zu intervenieren. Jonas war eigentlich noch zu weit weg vom Tor, um treffen zu können. Er ließ sich auch von den beiden zunächst nicht beeindrucken, bis sie von den Seiten auf ihn zudrängten, sodass sie Jonas die möglichen Laufwege versperrten. Ein fester Schuss, der Ball flog in hohem Bogen in Richtung Tor und ich merkte, wie ich erneut die Luft anhielt und sich alles in mir anspannte. Ich hatte das Gefühl, dass ich das, was hier gerade passierte, noch gar nicht richtig fassen konnte. Jonas hatte den Ball mit ziemlicher Kraft und Genauigkeit getroffen und traf genau in die linke Ecke.
Augenblicklich begannen Lina, Greta und ich zu schreien. Auch Tom und Leo jubelten und auf dem Bildschirm konnte man erkennen, wie Jonas' Teamkameraden aufgeregt auf ihn zu liefen und ihn quasi umrannten. Ich konnte gar nichts gegen das Grinsen tun, das sich auf mein Gesicht geschlichen hatte. Als ich die Szenen im Fernsehen sah, wünschte ich mir auf einmal so sehr, ich könnte gerade auch wie Jonas' Mannschaft auf ihn zurennen, ihn umarmen und zu seinem Tor gratulieren. Selbst durch die Kameras löste Jonas' Strahlen im Gesicht noch ein sanftes Kribbeln in mir aus. Doch gerade konnte ich mich nicht einmal daran, denn ich war viel zu stolz auf Jonas und freute mich viel zu sehr für ihn.
DU LIEST GERADE
Der letzte Sommer
Ficção Adolescente"Du bist so wunderschön, wenn du glücklich bist.", hatte er gesagt und dabei in die Ferne geguckt. So, als würde er garnicht mit mir reden, sondern mit dem Universum, dem Himmel oder der ganzen restlichen Welt. Für Mia und ihre Freunde steht das le...
