Kapitel 31: Einbrecher

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"Du kannst schonmal in mein Zimmer vorgehen.", sagte ich zu Jonas, als wir mein Haus betrachten. "Du weißt ja, wo das ist."

Jonas nickte lachend und lief die Treppe nach oben, während ich mich auf den Weg in die Küche machte, um meine Mutter zu fragen, ob ich heute mit den anderen bei Tom übernachten durfte. Nachdem sie mir viel Spaß gewünscht hatte, ging ich ebenfalls die Treppe nach oben, wo mir im Flur ein ängstlicher Ben begegnete.

"Mia!", flüsterte er aufgeregt. "Da ist ein Einbrecher!"

"Ein Einbrecher? Wo das denn?", fragte ich in normaler Lautstärke und sah mich im Flur um.

"Schhhhh, Mia du musst leise sein! Sonst hört er uns noch und entführt uns. Er ist in deinem Zimmer.", warnte mein kleiner Bruder mich und da ging mir langsam ein Licht auf.

"Achsoooo, das ist doch kein Einbrecher. Das ist Jonas, ein Freund von mir. Komm mit.", forderte ich ihn auf und öffnete meine Zimmertür.

"Ben, das ist Jonas. Jonas, das ist mein kleiner Bruder Ben.", stellte ich die beiden vor.

Jonas ging auf meinen Bruder zu und hielt ihm die Hand entgegen: "Hallo, Ben. Ich bin Jonas. Mia hat mir schon viel von dir erzählt."

Mein kleiner Bruder kaute unsicher an seinen Fingernägeln und sah Jonas zweifelnd an. "Bist du auch wirklich kein Einbrecher?"

Jonas sah mich verwirrt an, bevor er lachte und sagte: "Nein, nein. Ich bin kein Einbrecher. Nur ein Freund von Mia."

Nun schien Ben zufrieden zu sein und ergriff Jonas' hingehaltene Hand. Doch ins Gespräch kamen die beiden nicht, denn meine Mutter rief von unten und wollte Ben mit zum Einkaufen nehmen, also rannte er schnell in die Küche.

"Du musst es den anderen endlich mal sagen.", meinte Jonas zu mir.

"Was soll ich ihnen denn sagen? Dass mein Vater nicht nur Mama, Felix und mich im Stich gelassen hat, sondern auch noch eine andere Frau und sein drittes Kind? Wer weiß, vielleicht hab ich ja noch mehr Geschwister, von denen ich nichts weiß und meine Mutter kann bald ein ganzes Kinderheim aufmachen, weil der liebe Herr Arschloch von Vater sich zu fein ist, seinen eigenen Sohn, dessen Mutter gestorben ist, bei sich aufzunehmen und lieber seine Exfrau die ganze Arbeit machen lässt, die er schon mit zwei kleinen Kindern sitzengelassen hat? Ne, tut mir leid, Jonas. Aber das werde ich denen bestimmt nicht erzählen."

"Sie sind deine Freunde.", sagte er. "Mia, dein Vater sagt nichts über dich aus. Rein garnichts."

"Ich sags irgendwann, versprochen. Aber noch nicht jetzt. Ich kann das noch nicht.", antwortete ich.

Jonas schien zwar nicht begeistert, aber überließ mir die Entscheidung, wofür ich ihm sehr dankbar war. Ich brauchte diese Zeit einfach.

"Das kann dauern, ich muss mich noch schminken.", erklärte ich. "Die sind da bestimmt alle mega aufgedresst, dann dürfen Greta und ich nicht auffallen."

"Dass ihr euch auch immer schminken müsst. Die eine Hälfte der Mädchen ist eh schon hübsch genug und bei der anderen rettet selbst Schminke nichts mehr.", stöhnte Jonas genervt.

"Tja, kann man nichts machen.", antwortete ich amüsiert und begann mir irgendwelches Zeug ins Gesicht zu schmieren.

"Umdrehen!", befahl ich Jonas, als ich mit dem Make-Up fertig war und mich umziehen wollte.  Ausnahmsweise gehorchte er sogar mal und drehte seinen Kopf brav in Richtung Wand.

"Kannst wieder gucken.", sagte ich, als ich die Shorts und ein rotes Top angezogen hatte. Ich griff nach meiner Tasche und war schon auf dem Weg zur Tür, als Jonas mir von hinten etwas zurief: "Umdrehen!"

Widerwillig drehte ich mich zu ihm und schaute ihn genervt an: "Und was soll das jetzt?", fragte ich.

"Du willst doch so nicht vor die Tür geschweige denn auf eine Party gehen?", sah Jonas mich geschockt an.

"Warum? Was ist denn?", fragte ich und blickte an mir herunter. Ich konnte mir nicht erklären, was an meinem Outfit nicht in Ordnung sein sollte.

"Wenn wir auf die Spannerparty von diesem Alex gehen, kannst du da doch nicht so auflaufen. Die Kerle legen dich ja schneller flach, als dass du "Nein" sagen kannst.", erklärte er mir und sah mich ein bisschen verärgert an.

"Und warum soll ich da nicht so 'auflaufen'?", ich verschränkte die Arme vor der Brust, ging einen Schritt auf Jonas zu und sah ihn abwartend an.

"Ganz einfach", begann er und kam mir ebenfalls einen Schritt entgegen. "Wenn dich irgendein Typ so sieht, kann der sich nicht zusammenreißen, gerade wenn er voll ist."

"Wie sieht? Und selbst wenn, du kannst dich doch auch noch 'zusammenreißen', obwohl du mich 'so' siehst.", meinte ich genervt.

"Glaub mir, wenn du da so stehst, fällt es mir schwer. Und ich hab nichtmal was getrunken.", erklärte er mir mit fester Stimme und ließ dabei keine Sekunde lang die Augen von meinen.

"Wie sieht?", wiederholte ich die Frage von eben und verleihte ihr dieses Mal eine größere Festigkeit, ohne auf seine Bemerkung von eben einzugehen. Ich hätte eh nicht gewusst, was ich hätte sagen sollen ohne rot anzulaufen.

Jonas atmete tief aus, bevor er antwortete: "Ich sags nochmal langsam und so, dass die trotteligen Mias auf den billigen Plätzen es auch verstehen: Mit diesem Ausschnitt verlässt du das Haus nicht."

"Ich kann doch wohl noch selbst entscheiden, wie ich das Haus verlasse und wenn ich das 'mit diesem Ausschnitt' tun möchte, dann mache ich das.", ich ließ mich doch von Jonas nicht einschüchtern. Ich konnte wohl tragen, was ich wollte.

"Es ist dann aber nicht meine Schuld, wenn irgendwelche perversen Kerle über dich herfallen. Ich hol dich nicht aus dem Schlamassel raus. Das kannst du mir glauben.", meinte er genervt.

"Darauf kann ich dann auch verzichten.", entgegnete ich gereizt. Wer gab ihm denn das Recht mir vorzuschreiben, wie ich mich anzuziehen hatte? Ich marschierte durch meine Zimmertür hinaus auf den Flur und wollte gerade die Treppe herunterlaufen, als ich die Stimme meines großen Bruders hinter mir hörte, die rief: "So willst du rausgehen?"

Bevor ich die Gelegenheit hatte, mich umzudrehen und Felix mit meinem Todesblick kaltzumachen, hatte Jonas schon geantwortet: "Genau das hab ich sie auch gefragt, aber sie wollte mir ja nicht glauben, dass ihr die Typen nur reihenweise verfallen werden."

Felix stand mit verschränkten Armen vor der Brust in dem Türrahmen seines Zimmers und sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. "Jonas?", fragte er.

"Felix.", antwortete dieser.

"Pass' auf meine Schwester auf."

"Nichts lieber als das, Bruder."

"Ja! Genau so will ich rausgehen! Und wenn mich irgendwelche perversen Mistkerle anpöbeln, ist das verdammt nochmal nicht euer Problem, sondern meins. Oder eher das der Gesellschaft, denn in der, in der wir leben schreiben Jungs Mädchen vor, was sie zu tragen haben, damit sie nicht von Jungs angegrabscht werden. Anstatt, dass sich mal in der allgemeinen Einstellung ändert. Egal wie viel jemand getrunken hat, und egal, was das Mädchen trägt. Niemand wird einfach so ohne Grund angetoucht. Nein heißt Nein und niemand hat das Recht sich einem Nein zu wiedersetzen. Also lasst mich anziehen, was ich will!", schrie ich dazwischen und verließ wütend das Haus. Das war ja mal ein Abgang. Innerlich klopfte ich mir dafür stolz auf die Schulter.

Der letzte SommerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt