Obwohl ich wusste, dass es nicht wahr war, dass Jonas auch ohne mich sein großes Ziel Fußballprofi zu werden, erreichen würde, musste ich kurz lächeln, als er sagte, dass er es ohne mich nicht schaffen würde. Irgendwie war es doch schön zu wissen, dass er zumindest daran glaubte, dass ich ihm, was das anging, wenigstens irgendwie zur Seite stehen konnte.
Doch dann, als er vom Rest erzählte, als er mir sagte, wie schlecht es ihm momentan ging und wie viel Druck er momentan ausgesetzt war, fühlte ich mich auf einmal so unfassbar schwer. Denn nur weil ich die ganze Zeit zu stolz war, um nachzudenken und mich so furchtbar kindisch verhalten hatte, gedacht hätte, ich könnte Jonas einfach nur eifersüchtig machen. Ich hatte ja nie vorgehabt, ihm wirklich wehzutun. Womöglich hatte ich verloren in dem Versuch mich selbst nicht verletzen zu lassen, selbst jemanden verletzt. Und dass es dann gerade Jonas sein musste, jemand, der mir so wichtig war, wie wenige sonst, zeigte ja nur mal wieder, was für ein Trottel ich doch eigentlich war.
Irgendwie wusste ich aber auch nicht, wie ich Jonas erklären sollte, dass es mir die letzten Monate eigentlich durchweg scheiße gegangen war und ich nur irgendwie so gut wie möglich versucht hatte den Schein des perfekten Lebens aufrecht zu erhalten, ohne mich komplett lächerlich zu machen. Andererseits war ich ihm aber schon so etwas wie eine Erklärung schuldig. Alleine schon wenn ich daran dachte, wie viel Stress ich gehabt hatte mit all den Vorabiklausuren und dem ständigen Gedanken an das, was zwischen Jonas und mir vorgefallen war. Wenn man dazu jetzt noch zweimal täglich Fußballtraning auf Profiniveau und Druck von allen Seiten obendraufrechnete, war es eigentlich nahezu ein Wunder, dass Jonas nicht längst zusammengebrochen war.
"Jonas?", fragte ich ihn nun und hatte auf einmal einen so furchtbar optimistischen Klang in meiner Stimme, dass ich mich selbst schon fast fragte, wo dieser denn auf einmal hergekommen sein sollte. Ich lächelte, ohne, dass ich es wirklich kontrollieren konnte. "Du schaffst das sowieso.", verkündete ich bestimmt. Und ich glaubte daran. Ich glaubte nicht nur daran, ich wusste, dass Jonas seinen großen Traum irgendwann wahr machen würde. "Alleine, dass du das jetzt schon die ganze Zeit durchhältst und nicht aufgibst, immer weiter kämpfst, zeigt doch, wie sehr du es willst und dass du es verdienst. Wenn jemand verdient zu schaffen, was du da gerade machst, dann bist das du."
Jonas lächelte schwach. "Danke."
"Das ist aber noch nicht alles.", erklärte ich leise und ein bisschen weniger überzeugt als zuvor.
"Was soll denn jetzt noch kommen?", fragte Jonas, der neugierig den Kopf schräg gelegt hatte und mich fast schon belustigt ansah, als würde er ahnen, was nun kommen würde.
"Ich weiß, dass du es auch ohne mich schaffen kannst, aber eigentlich will ich gar nicht, dass du es ohne mich schaffst.", merkte ich fast schon schüchtern an, obwohl das normalerweise wirklich nicht zu mir passte. Ich merkte wie Jonas' Arm, der noch immer um mich lag, mich noch weiter Stück weiter an ihn heranzog.
Irgendwie erwartete ich eine Antwort von Jonas, doch dass die erst einmal nicht kommen sollte, konnte ich nicht wissen, bis ich auf einmal ein ziemlich betrunken klingende Greta hörte, die meinen Namen zu riefen schien.
"Mia!", lallte sie durch den Vorgarten, während sie höchstwahrscheinlich im nächsten Moment über irgendeinen Grashalm stolperte, da sie so sehr torkelte.
Wie elektrisiert stand ich auf und ließ Jonas zunächst, im wahrsten Sinne des Wortes, sitzen, um aufgebracht auf meine beste Freundin zuzustürmen. "Greta, oh Gott, was machst du denn? Wie viel hast du denn getrunken, sag mal?"
"Jaja, Mama.", verdrehte sie nun die Augen und da sie das bei diesem Pegel nicht mehr konnte ohne ihren gesamten Kopf mitzubewegen, musste ich sie stützen, aus Angst, dass sie sonst auf einen der Pflastersteine fiel, die den Weg vom Gartentor zur Haustür markierte.
"Sach ma, ward ihr hier am knutschen oder wad?", bemerkte sie, als sie Jonas erblickte, der nun hinter mir auftauchte und ihren anderen Arm und die rechte Körperhälfte griff, da er anscheinend zu bemerken schien, dass ich alleine mit der linken schon meine Probleme hatte.
„Leider nicht", antwortete Jonas mit einem unverschämten Lächeln auf ihre Frage. Ich warf ihm nur einen strengen Blick zu, spürte aber auf einmal ein angenehmes Kribbeln auf meinen Lippen.
"Jonas, du musst glaub ich mal reingehen und gucken, dass keiner stirbt.", hauchte sie ihm mit ihrem Schnapsatem so verführerisch sie noch konnte, entgegen und ging gar nicht erst auf seine Antwort ein.
"Da stirbt schon keiner.", versuchte Jonas sie mit sanfter Stimme zu beruhigen. "Doch.", widersprach sie jedoch sogleich. "Entweder Alex oder Leo und ich will nicht, dass es Leo ist.", erklärte sie ihm nun, woraufhin Jonas sie nur verblüfft ansah, bevor er mir einen fragenden Blick zuwarf, den ich nur mit einem Nicken erwiderte.
Ich festigte meinen Griff um Greta, bevor Jonas sie losließ und ins Haus lief, um nachzusehen, was dort drinnen vor sich ging. Die Rufe waren bis hier draußen zu hören und der Aggression in den Stimmen nach zu urteilen, hatte Greta wohl nicht ganz Unrecht gehabt, wenn sie um das Leben jemandes fürchtete.
Ich war mir ziemlich sicher, dass ich Greta in diesem Zustand nicht alleine zu sich nach Hause bekommen würde. Also wägte ich meine Möglichkeiten ab, wie ich uns beide bestmöglihst aus dieser Situation herausbekam. Das einfachste und auch das einzige, zu dem ich mich im Stande fühlte, war wohl, sie einfach irgendwie ins Haus zu bekommen und für heute kurzerhand bei Tom einzuquartieren. Das würde morgen auf jeden Fall ein interessantes Weihnachten für sie werden.
Zusammen torkelten wir irgendwie zur Haustür und ich versuchte Greta so gut wie möglich an der Prügelei vorbei zu schleusen, die im Wohnzimmer wohl gerade ihren Höhepunkt zu finden schien. Ob die vielen Leute, die mittlerweile gegangen sein mussten, weil es im Haus immer leerer wurde, vor der angespannten Stimmung auf der Party oder einfach der immer später werdenden Uhrzeit und dem Gedanken an einem Heiligabend über der Kloschüssel und den damit verbundenen mitleidig bis kritischen Blicken jeglicher entfernter Verwandte geflüchtet waren, konnte ich nicht sagen.
Mir sollte es zumindest lieb sein, denn so konnte ich Greta immerhin einigermaßen unbeschadet in Toms Zimmer manövrieren. Während ich sie mit einer Hand noch versuchte einigermaßen aufrecht zu halten, drehte ich mit der anderen den Schlüssel im Schloss um, damit ich Greta aus den Klamotten helfen konnte. Ich öffnete Toms Kleiderschrank und griff nach der ersten Jogginghose und dem ersten T-Shirt, das ich finden konnte. Gerade so eben gelang es Greta in die Klamotten zu kommen, bevor sie hinten über kippte und auf dem Bett landete.
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Der letzte Sommer
Jugendliteratur"Du bist so wunderschön, wenn du glücklich bist.", hatte er gesagt und dabei in die Ferne geguckt. So, als würde er garnicht mit mir reden, sondern mit dem Universum, dem Himmel oder der ganzen restlichen Welt. Für Mia und ihre Freunde steht das le...
