Ohne groß drübernachzudenken trugen meine rennenden Beine mich nach draußen in die eiskalte vorweihnachtliche Dezemberluft. Sofort spürte ich die Kälte an meinen Armen, da ich natürlich nicht daran gedacht hatte, meine Jacke aus Toms Zimmer zu holen. Doch zunächst störte es mich nicht einmal. Die Kälte half mir meinen hitzigen Kopf herunter zu kühlen, mich etwas zu beruhigen und wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Ich rannte ein paar Blocks und hoffte, dass es mir dabei helfen würde, wieder herunterzufahren.
Nach ein paar Minuten blieb ich endlich stehen. Ich hatte nicht einmal darauf geachtet, wo ich lang gerannt war und brauchte eine kurze Zeit, um mich zu sammeln und herauszufinden, wo ich war. Ich stützte meine Hände auf die Oberschenkel und atmete erst einmal tief durch, um wieder Luft zu bekommen. Doch die Eiseskälte brannte in meinem Rachen und raubte mir beinahe mehr Luft, als sie mir gab.
Ich blickte auf und schaute herum. Ich war nicht oft in dieser Gegend der Stadt, da Tom ziemlich weit weg von mir entfernt wohnte. Deswegen wusste ich auch nicht auf Anhieb, wo ich mich befand. Zumal es nun auch noch dunkel war und ich Probleme hatte, mich zu orientieren. Die niedrigen Temperaturen machten es auch nicht gerade besser und die Tatsache, dass ich bei diesen nichts weiter als ein Top trug, auch nicht besonders. Meine Orientierungslosigkeit ließ kurz gewisse Panik in mir aufsteigen, aber ich versuchte mich trotzdem zusammen zu reißen. Ich sprang ein wenig auf und ab, um mich warm zu halten, denn anders wäre es in dieser Kälte eh nicht auszuhalten gewesen und versuchte nach etwas Bekanntem zu suchen. Auf einmal fiel mir dieses eine Haus ins Auge, das ich aus meinen Erinnerungen kannte. Eine Freundin aus der Grundschule hatte hier früher gewohnt, bevor sie weggezogen war. Ich wusste nicht einmal mehr wohin, weil es schon lange her war.
Das einzige, woran ich mich noch erinnern konnte, war wie Sarah, so lautete ihr Name, und ich von ihrem Haus oft zu Tom gelaufen waren, um mit ihm zu spielen. Wir waren so oft zu ihm gegangen, dass ich den Weg nach einer Zeit so ziemlich im Schlaf abgehen konnte und ich war mir ziemlich sicher, dass ich es jetzt auch noch hinkriegen müsste. Also machte ich mich auf den Weg zurück zur Hausparty. Was genau mich dort erwarten würde, wusste ich zwar noch nicht und ob ich dort überhaupt bleiben würde, oder ob ich mich einfach von Felix abholen und nach Hause fahren lassen würde, konnte ich auch noch nicht sagen. Gerade war mir nur klar, dass ich langsam aber sicher ziemlich fröstelte und ein warmes Haus, indem es außerdem auch noch Glühwein geben würde, nach einem wahrhaftigen Traum klang.
Ich konnte mich gerade nur nicht so wirklich darauf einigen, ob ich froh war heute bis jetzt noch nicht so viel getrunken zu haben, oder ob ich mich eher darüber ärgerte. Einerseits hatte ich so mit vernünftigen Argumenten Tom erklären können, warum die Sache mit Jonas und mir so aussichtslos war und warum ich absolut keinen Bock mehr hatte, darüber nachzudenken oder mich generell damit zu beschäftigen. Außerdem war ich mir nicht sicher, ob ich betrunken noch so gut den Weg zurück zu Toms Haus gefunden hätte, wie ich es jetzt konnte, aber das einzige, was mich gerade wirklich interessierte, war, wie verdammt kalt es hier draußen war und ich war mir ziemlich sicher, dass ich mit mehr Alkohol intus sicherlich nicht so frieren würde.
Schon nach der Hälfte des nichtmal allzu langen Weges zu Toms Haus war ich komplett durchgefroren. Einfach wegzurennen war in der Tat keine gute Idee gewesen. Erstmal hatte ich so in Eiseskälte durch die dunklen Straßen den Weg hier her zurück finden müssen. Und außerdem hatte ich nun zwar eigentlich Tom aus dem Weg gehen sollen, weil es mir schon ein wenig unangenehm war, dass ich einfach so abgehauen war, aber mittlerweile war es mir eigentlich sogar fast egal.
Das einzige, von dem ich mir ganz sicher war, war, dass ich definitiv keinen Alkohol mehr trinken würde heute. Nicht einen Tropfen. Die Lust auf Party war mir eindeutig vergangen. Es wurde nur Zeit, dass ich endlich wieder ins Warme kam, an meinen Arme würden bald schon Eisklötze entstehen, wenn das noch lange so weiterging.
„Mia.", hörte ich auf einmal eine mir bekannte Stimme und ich spähte erschrocken die Augen auf. Ich hoffte einfach nur mich wollte niemand umbringen. Ich blieb stehen und wartete einen Moment ab. Auf einmal schoss mir das Blut wieder durch den Körper und mir wurde beinahe wieder so etwas wie warm. Alleine in diese Dunkelheit zu gehen, war nun wirklich die schlechteste Idee dieses bald zu Ende gehenden Jahres gewesen, und ich hatte dieses Jahr viele schlechte Ideen gehabt. Was, wenn mich nun wirklich jemand umbringen, entführen oder vergewaltigen wollte? Oder alles drei zusammen?
„Hallo.", fragte ich nach einer Weile mit unsicher bebender Stimme. Ich spürte, wie mir mein Herz aufgeregt in der Brust schlug. Ich hatte schon oft Angst gehabt, das gerade grenzte fast eher an eine Panikattacke, aber aus irgendeinem Grund war ich mir geradezu sicher, dass mir nichts passieren würde. Hatte ich diese Stimme denn nicht irgendwoher gekannt?
„Hier bist du.", hörte ich die Stimme nun sagen. Und mittlerweile war ich mir ganz sicher, dass mir niemand etwas antun würde. Doch es war noch zu dunkel, um zu sehen, wem sie gehörte, obwohl ich es ganz genau wusste.
Ich hatte eigentlich schreien und erneut wegrennen sollen, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund war ich auf einmal ganz ruhig und irgendwie war mir auch viel zu kalt, um hier nochmal einen großen Aufstand zu machen.
Gerade war ich einfach nur froh, dass mich irgendjemand gefunden hatte und ich nicht mehr alleine in dieser Kälte und dieser Dunkelheit war.
„Was machst du denn hier?", fragte ich leise. Eigentlich hätte ich wohl sauer oder genervt klingen sollen, aber das würde sich gerade einfach nur falsch anfühlen.
Ich sah im bedeckten Licht der Straßenlaterne, wie Jonas nur die Schultern zuckte und nur: „Die Frage ist wohl eher, was du hier machst.", antwortete.
„Ach, ich geh nur ein bisschen spazieren.", sagte ich und verschränkte meine nackten Arme vor der Brust, in der Hoffnung, dass mir so wärmer werden würde.
„Achso, ja klar.", sein Gesicht verzog sich zu einem amüsierten Lächeln. „Du gehst am 23. Dezember mitten in der Nacht im Top spazieren."
Hilflos zuckte ich nur unsicher die Schultern und sah ihn an. Er wusste sowieso, dass alles, was ich ihm auftischen würde, eine Lüge wäre.
Wie ich da so stand musste anscheinend ziemlich lustig aussehen, zumindest verwandelte sich Jonas' amüsiertes Lächeln langsam in ein breites Grinsen. „Gott, hab ich dich vermisst, Mialein.", meinte er nur.
Mir wurde kurz warm ums Herz und ich musste unweigerlich Lächeln, als er wie gewohnt den alten Spitznamen verwendete. Es klang so normal, so vertraut. Fast, als wäre nie irgendetwas gewesen.
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Der letzte Sommer
Novela Juvenil"Du bist so wunderschön, wenn du glücklich bist.", hatte er gesagt und dabei in die Ferne geguckt. So, als würde er garnicht mit mir reden, sondern mit dem Universum, dem Himmel oder der ganzen restlichen Welt. Für Mia und ihre Freunde steht das le...
