Schneller als ich erwartet hatte, war es Samstagmorgen. Der Tag von Jonas' Abreise. Eigentlich hatten wir noch vorgehabt, wenigstens eine kleine Abschiedsparty für ihn zu veranstalten. Dass er sich so vehement dagegen gewehrt hatte, hätte mich zwar nicht abgehalten, aber es hatte zeitlich einfach nicht mehr hingehauen.
Greta, Lina, Leo, Tom und ich standen mit versammelter Mannschaft am Samstagmorgen vor Jonas' Haustür und warteten darauf, dass er mit seinen Eltern und seiner Schwester Marie herauskommen würde, damit wir ihn überraschen konnten.
Lina und Leo befanden sich noch im Halbschlaf, es war immerhin noch ziemlich früh und die beiden waren eh allseits bekannte Morgenmuffel. Vor allem Lina. Wahrscheinlich hätte ich mich Ihnen normalerweise auch angeschlossen, aber heute war ich aus irgendeinem Grund hellwach.
Die Tür öffnete sich und Marie trat heraus, die uns sofort bemerkte. „Jonas, hier warten tausend Leute auf dich.", rief sie ins Haus, ohne uns weiter zu beachten. Entspannt lehnte sie sich an den Türrahmen und wartete auf ihren Bruder, welcher kurze Zeit später mit seinem unverschämten Lächeln in der Tür stand. Seine Haare hatte er nicht gemacht, sodass sie total zerzaust von seinem Kopf abstanden. „Was macht ihr denn hier?", fragte er etwas ungläubig.
„Denkst du wir lassen dich gehen, ohne uns von dir zu verabschieden?", fragte Greta grinsend. Jonas schaute immer noch total perplex.
"Er hat wirklich gedacht, er kann einfach so abhauen.", stellte Tom kopfschüttelnd fest.
"Mensch Jonas.", bemerkte ich tadelnd, wobei man mir zu sehr hoher Wahrscheinlichkeit anhören konnte, dass es nicht ganz ernst gemeint war.
"Mensch Mia.", antwortete er im selben Tonfall und betrachtete mich grinsend, indem er den Kopf schief legte. Anscheinend tat er dies ein bisschen zu lange, denn Greta räusperte sich nach einiger Zeit, sodass Jonas und ich erschrocken den Blick voneinander abwandten. Oh Gott, was war das denn nun schon wieder gewesen?
Ich warf einen leicht beschämten Blick zu Marie, neben der mittlerweile auch ihre Mutter aufgetaucht war. Die beiden warfen sich wissende Blicke zu. Oh nein, das kann doch jetzt echt nicht sein.
„Wir dachten, wir verabschieden uns nochmal vernünftig.", fing Greta nun an.
„Greta dachte das.", grummelte Leo verschlafen, was Jonas beinahe ein Lächeln entlockte.
„Wir haben auch noch was kleines für dich.", erklärte Lina nun, die wohl schlagartig aufgewacht war.
„Mia?", kam es von Tom, der mich damit anscheinend auffordern wollte, Jonas das Geschenk zu überreichen, das ich in den Händen hielt. Ich ging ein paar Schritte auf ihn zu und streckte ihm das Päckchen entgegen.
„Für dich.", sagte ich, bevor ich mich wieder zurückzog und alle anderen gespannt auf Jonas starrten, der sich nicht sicher zu sein schien, ob er es auspacken sollte, oder nicht.
„Willst du nicht wissen, was drin ist?", fragte Greta.
„Oh man, jetzt mach schon. Wir haben nicht ewig Zeit für dieses ganze Rumgeheule hier. Mach schon auf.", stöhnte Leo genervt.
Jonas schmunzelte kurz, bevor er Leos Aufforderung folgte und begann, das Geschenk auszupacken. Als er es in der Hand hielt, fing er an zu lachen. „Ihr seid doch bekloppt.", erklärte er. „Wer hat das überhaupt gemacht?"
Abwartend blickte er in die Runde und wartete darauf, dass jemand ihm erklärte, wie das Foto zustande gekommen war, das er gerade in der Hand hielt. Irgendjemand hatte es beim Abiball geschossen. Ich hatte mich auch nicht mehr dran erinnern können, bis Greta auf einmal mit dem Bild angekommen war. Es musste schon etwas später gewesen sein. Wir standen draußen im Dunkeln und ich saß auf Jonas' Schultern, wie auch immer ich das in meinem langen Ballkleid geschafft hatte. Greta und Lina standen nebeneinander und sahen sich an, während sie sich scheinbar über Jonas und mich amüsierten. Leo, der zu diesem Zeitpunkt schon gut angeheitert war, schaute, anders als alle anderen, nicht in die Kamera, sondern starrte auf Gretas Schulter, an der er sich festhielt. Anscheinend hatte er sich wohl darauf konzentrieren müssen, nicht zu kotzen. Gewundert hätte mich das nicht. Tom stand auf der anderen Seite neben Jonas und mir und lachte in Richtung von Greta und Lina. Im Großen und Ganzen beschrieb das ganze Bild uns einfach perfekt. Mein Favorit war ja immer noch, wie ich mein Gesicht panisch verzogen hatte, weil ich dachte ich würde jeden Moment herunterfallen. Jonas jedoch lachte in die Kamera.
„Keine Ahnung, wer das Bild gemacht hat.", erzählte Greta lächelnd. Ich habs am nächsten Morgen einfach auf meinem Handy gefunden. Vielleicht war's Felix oder so, weiß ich nicht."
„Das ist cool.", meinte Jonas und hebte seinen Blick gar nicht erst von dem Foto.
„Jonas, ich will jetzt nicht die Stimmung kaputt machen. Aber wir müssen langsam wirklich los.", erklärte seine Mutter zähneknirschend. Er nickte verstehend, drückte seiner Schwester den Bilderrahmen in die Hand und ging auf Lina zu, die er zuerst umarmte.
Anschließend verabschiedete er sich von Greta, dann Leo und später Tom. Als er sich von Tom löste, bemerkte ich Gretas unterdrücktes Schluchzen.
„Komm schon Greta, heul nicht rum. Der kommt doch wieder.", murrte Leo missmutig, der neben ihr stand. Greta nickte, während sie ihr Gesicht verzog und sich aufeinmal ruckartig zu Leo drehte und Rotz und Wasser heulte. Dieser stand vollkommen überfordert da, als sie sich an ihn lehnte. Unbeholfen tätschelte er ihr den Rücken und ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Da bemerkte ich, dass Jonas seinen Blick von Greta und Leo abgewandt hatte und nun auf mich zukam. Natürlich, ich fehlte schließlich noch, wenn es ums Verabschieden ging.
„Tschüss, Miachen.", sagte er und lächelte, bevor er mich umarmte.
Dann kam er einen weiteren Schritt auf mich zu und ich schmunzelte: „Tschüss, Jonilein.", gegen seine Schulter, obwohl ich kurz davor war, mich Greta anzuschließen und ebenfalls loszuheulen, aber ich befürchte noch mehr emotionale Ausbrüche am frühen Samstagmorgen hätte der arme übermüdete Leo nicht vekraftet.
„Wenn du das mit deinem Fußball nicht durchziehst und verkackst, bin ich sauer, okay?", machte ich ihm noch einmal leicht lächelnd klar, obwohl ich wirklich kurz davor war gleich in Tränen auszubrechen. Na das fehlte ja noch.
Jonas musste kurz lachen, bevor er antworte. „Ist verstanden.", sagte er und drückte mich noch einmal kurz enger an sich. Okay, wenn der nicht bald aufhört kann ich nicht mehr dafür garantieren, dass meine Augen hier trocken davon kommen.
Doch auf einmal quälte mich eine Frage, die ich noch unbedingt stellen musste, bevor er abreiste.
Nachdem wir uns aus der Umarmung gelöst hatten, senkte ich den Blick und schaute unsicher auf meine Finger, damit ich ihn nicht anschauen musste. So leise, dass nur Jonas es hören konnte, fragte ich: „Wir vergessen uns nicht, oder?" Anschließend hob ich hoffnungsvoll meinen Kopf und schaute direkt in sein Gesicht, welches sich zu einem leichten Lächeln verzog. „Oh Mia, wirst du da etwa schüchtern?", stichelte er und sah mich belustig an. Ich wollte gerade zu einem Schlag gegen seinen Arm ausholen, als sich plötzlich etwas in seinem Gesichtsausdruck veränderte und ich automatisch innehielt.
Sein Blick konzentrierte sich auf meine braunen Augen, die er geradezu anstarrte, so intensiv musterte er sie.
„Dich kann ich gar nicht vergessen, Mia.", erklärte er mit rauer Stimme, bevor er sich ruckartig abwandte und ins Auto stieg.
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Der letzte Sommer
Novela Juvenil"Du bist so wunderschön, wenn du glücklich bist.", hatte er gesagt und dabei in die Ferne geguckt. So, als würde er garnicht mit mir reden, sondern mit dem Universum, dem Himmel oder der ganzen restlichen Welt. Für Mia und ihre Freunde steht das le...
