Kapitel 91: nachts

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Die nächsten Tage flogen nur so an mir vorbei und mittlerweile war sogar schon die Schule wieder angefangen. Bald würden wir auch die Ergebnisse fürs Vorabi bekommen und obwohl ich mir eigentlich sicher war, dass es zum Großteil gar nicht mal so schlecht gelaufen sein konnte, hatte ich ein wenig Bedenken. Das einzig Gute, dass dieser Kontaktabbruch mit Jonas mit sich gebracht hatte, war, dass ich in den darauffolgenden Wochen unendlich viel gelernt hatte, um mich von meinen Gedanken abzulenken. Mich richtig zu konzentrieren war mir jedoch ziemlich schwer gefallen.

Dass ich mich damals wegen eines so dummen Missverständnisses verrückt gemacht hatte, verunsicherte mich schon ein wenig. Doch vor allem fragte ich mich, wie dumm und ignorant ich gewesen war, die Sache mit der Freundin irgendwie hinzudichten, obwohl niemand auch nur eine Sekunde davon gesprochen hatte. Es waren wohl einfach mein verletzter Stolz und meine Verlustangst gewesen, die meinen Verstand hatten aussetzen lassen.

Doch da wollte ich eigentlich gar nicht weiter drüber nachdenken, denn zum Glück war diese Zeit nun vorbei und sobald ich die Noten meiner Vorabiklausuren bekommen haben würde, würde ich endlich gänzlich damit abschließen können. Ich stöhnte genervt auf, als ich daran dachte, dass ich mich bald schon mit der Vorbereitung fürs Abitur im Frühling beschäftigen musste. Natürlich wollte ich ein gutes Abi schaffen, auch wenn meine Motivation fürs Lernen sich dann auch schon wieder in Grenzen hielt, sobald ich an die unendlich scheinenden Stunden vor dem Schreibtisch denken musste.

Wie viel Druck und vor allem Stress das für Jonas bedeuten musste, der neben dem ganzen Training auch noch auf seine Noten achten musste, konnte und wollte ich mir nur schwer vorstellen. Gerade saß ich wieder einmal dort und versuchte eine halbwegs vernünftige Gedichtanalyse zu verfassen, die wir zu morgen in Deutsch aufgehabt hatten. Zwar war es mittlerweile schon fast elf Uhr abends, doch mir fehlte immer noch die verhasste Interpretation der rhetorischen Figuren. Da kam es mir mehr als gelegen, dass mein Handy aufleuchtete.

"Rate mal, wer Samstag Bundesliga spielt", las ich dort und griff augenblicklich zu meinem Handy. Sofort breitete sich ein aufgeregtes Grinsen auf meinem Gesicht aus.

Meine Finger flogen geradezu über die Tastatur.

"NEIN"

"Das ist nicht dein Ernst"

"😍😍😍😍😍"

"Oh doch😉" Ich musste grinsen. Das war wieder einmal so typisch Jonas. "In der ersten Mannschaft ist einer der Stürmer ausgefallen"

"Und dann haben die einfach dich gefragt, ob du am Wochenende spielen kannst?", ich konnte meine Euphorie kaum verbergen.

"Ist halt das Auftaktspiel nach der Winterpause, das ist schon ziemlich kacke, wenn da der Top-Stürmer ausfällt. Vielleicht brauchen sie mich auch nur für die Bank und ich spiel' gar nicht erst, aber ich habe morgen wieder mit der Mannschaft Training und nicht mit den Jungs aus dem Internat. Ich denk mal, da wird der Trainer mir dann sagen, was er sich für Samstag gedacht hat."

"Aber alleine, dass sie dich aussuchen, zeigt doch schon, dass du ja wahrscheinlich ganz gut Fußball spielst"

"Natürlich tu ich das😉"

"Dass du das überhaupt in Frage stellst, ist ja schon absolut unverschämt. Ich glaub dir muss mal jemand wieder zeigen, wo es langgeht. Jetzt, wo ich nicht da bin." Ich musste leicht schmunzeln. Jonas dachte wohl, ohne ihn würde hier gar nichts mehr laufen.

"Krieg alles schon bestens alleine hin, mach dir da mal keine Gedanken", holte ich ihn auf den Boden der Tatsachen zurück, obwohl das nur der halben Wahrheit entsprach.

"Ach, vermisst du mich so sehr?", las ich prompt seine Antwort.

"Ganz schrecklich und jeden Tag mehr" Zwar hatte ich den ironischen Unterton mit Absicht gewählt und auch bewusst übertrieben, aber ich konnte nicht leugnen, dass Jonas mir wirklich fehlte. Gerade an Silvester war es mir wieder aufgefallen, wie sehr ich mir manchmal doch wünschte, dass er nie gegangen wäre. Obwohl ich mich langsam daran gewohnt hatte, dass wir meistens nur noch zu fünft waren und Jonas' Platz in der Schule seit ein paar Monaten leer blieb, ertappte ich mich immer wieder, wie ich im Unterricht manchmal gedankenverloren auf ihn schaute und mir vorstellte, wie es wohl wäre, wenn Jonas doch noch dort sitzen würde. Aber wissen musste er davon ja nichts.

"Das und nichts anderes will ich hören"

"Geh schlafen, du Idiot!", tippte ich lächelnd, während ich kurz die Augen verdrehte.

"Wieso bist du überhaupt noch wach?", schickte ich die nächste Nachricht direkt hinterher, da er morgen vor der Schule wieder Training hatte.

"Wieso noch? So spät ist es jetzt auch noch nicht."

"Hast du mal auf die Uhr geguckt? Es ist gleich schon nach zwölf"

"Stimmt😅, ist mir gar nicht aufgefallen, hab bis eben noch trainiert."

"Um die Zeit noch?", ich wunderte mich, dass man ihm neben dem Training mit der Mannschaft und dem Schulstress so spät noch eine extra Einheit antat.

"Ja, der Trainer hat mich nach dem Abendessen nochmal rausgeholt, damit wir meine Ballführung nochmal verbessern konnten."

"Euer Pensum ist doch krank" Wieder einmal schüttelte ich innerlich den Kopf über den bis auf die letzte Minute durchgeplanten Tagesablauf von Jonas. In letzter Zeit fiel mir immer wieder von neuem auf, wie viel diese Struktur von ihm abverlangen musste.

"Wenn man krank gut Fußball spielen will, muss man auch krank viel trainieren🤷🏼‍♂️"

Kurz musste ich über seine Ausdrucksweise schmunzeln. "Krank scheint ja dein neues Wort zu sein"

"Wenn du damit anfängst😉"

Kurz musste ich grübeln. Irgendwie war ich überfordert, denn ich wusste nicht, wie ich Jonas sagen sollte, dass er aufpassen sollte, dass ihm das alles nicht zu viel wurde, ohne wie seine Mutter zu klingen, die versuchte ihm alles vorzuschreiben. Ich wusste schließlich, dass zu so einem Ziel eben viel Training gehörte und ich vertraute Jonas, dass er wusste, was er dort tat und all das nicht durchhalten würde, wenn es nicht genau das wäre, was er machen wollte. Trotzdem machte ich mir Gedanken darüber und hatte Angst, dass ihm das alles nicht zu viel werden würde. Und ich wollte, dass er sich dessen bewusst war. Ich wollte ihm klarmachen, dass er mit mir über alles reden konnte, wenn er wollte.

"Pass lieber auf, dass du nicht krank wirst, bei deinem Trainingsplan"

"Solange du die Krankenschwester bist😏" Ich verdrehte die Augen, konnte jedoch nichts gegen das leichte Kribbeln in meinem Bauch tun.

"Und wovon träumst du nachts?", entgegnete ich möglichst cool.

"Willst du das wirklich wissen😏?"

"Wenn du hier wärst, würdest du jetzt längst nicht mehr so frech grinsen", drohte ich und deutete damit an, dass ich ihn wieder einmal auf den Arm gehauen hätte. Manchmal bedauerte ich schon, dass sowas beim Schreiben eben nicht möglich war. Eigentlich war ich auch nicht wirklich der Typ, der gerne mit Menschen schrieb. Für gewöhnlich mochte ich es lieber, mich persönlich zu unterhalten, weil beim Schreiben so leicht Missverständnisse auftauchten und man die Gestik und Mimik der Person eben nicht deuten konnte, nicht einmal die Stimme hörte man.

"Da würde ich was ganz anderes machen, wenn ich jetzt bei dir wäre.", las ich auf dem Bildschirm und spürte, wie mir auf einmal ganz heiß wurde.

"Was denn?😇", wollte ich nun ganz unschuldig wissen.

"Vielleicht solltest du mich mal besuchen kommen, damit ich es dir zeigen kann"

Meinte er das jetzt wirklich ernst, oder wollte er mich gerade eh nur wieder verarschen?

Der letzte SommerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt