Kapitel 68 - Elin

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Elin Selland zerrte an ihren Fesseln, obwohl das Seil bereits hellrote Striemen um ihre Handgelenke hinterlassen hatte. Man hatte sie in das Drachenjägerlager gebracht, nachdem Ivar sie vor seiner Tür erwischt hatte. Von dem, was mit Viggo und Louvisa geschehen war, hatte sie nichts mitbekommen. Sie hoffte nur, dass die Schreie, die der Wind von den Klippen bis in ihr Zelt trug, nicht die ihrer Begleitung waren.

„Ist es üblich bei euch, eure Patienten an ihr Bett zu fesseln?" Elin konnte sich einen schnippischen Unterton nicht verkneifen, als sie sich an den jungen Mann wandte, der neben eben erwähntem Bett saß. Er hatte sie empfangen, als die Wache sie in das Zelt getragen hatte, und sofort in einem ruhigen, aber bestimmten Ton den Befehl erteilt, sie sollte sich hinlegen.

Elin hatte sofort erkannt, dass er ein Heilkundiger war – auch, wenn sie nicht gewusst hatte, dass Männer ein solches Amt überhaupt ausführen konnten. Da, wo sie herkam, übernahmen Frauen allerdings jedes Amt, also wäre sie über einen männlichen Koch ebenso überrascht gewesen.

„Bei den Drachenjägern ist einiges üblich." Der Mann sah zu ihr, eine Schlüssel mit einer undefinierbaren, dunkelgrünen Paste in den Händen. Der scharfe Geruch nach Kräutern ging davon aus, doch eigentlich roch es im ganzen Zelt danach. Selbst der Mann roch danach, auch wenn sie bei ihm eine honigsüße Note einschlich. „Aber das bedeutet meistens, dass ich dieses Vorgehen für eine brutale oder überholte Praxis halte."

„Entschuldige bitte, was?" Elin richtete sich unter erstickten Fluchen und Ächzen auf, obwohl ihr gebrochener Fuß pulsierende Schmerzenswellen durch ihren Körper sandte. Als sie sich in eine sitzende Position zwang, wanderten die Augenbrauen des Mannes in die Höhe. Sie verschwanden unter den kastanienbraunen Locken, die sich auf seiner Stirn kräuselten.

„Ich meine damit, dass das..." Er nickte zu ihren Fesseln herüber. „... nicht meine Entscheidung war. Ich befolge lediglich Illians Befehle."

Elin schnaubte. „Illian."

Die Augenbrauen des Mannes hoben sich noch weiter, falls das überhaupt möglich war. „Du klingt nicht sonderlich begeistert", gab er zurück. In seinen hellgrünen Augen lag ein amüsiertes Funkeln.

Elin reckte das Kinn, um ihre Schmerzen zu überspielen. „Du aber auch nicht."

Der Mann hob die Hände, ohne sich von ihr beeindrucken zu lassen. „Erwischt."

Misstrauisch kniff Elin die Augen zusammen. „Du bist freiwillig hier", sagte sie. „Ich nicht."

„Ansichtssache", entgegnete der Mann. „Mein Vater hat Schulden bei Illian – ich bin sein Pfand." Er zuckte die Schultern. „Und was ist mir dir?"

„Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort." Sie deutete auf ihren gebrochenen Fuß. „Zweimal."

Der Mann lachte. „Nichts, was ich nicht wieder hinkriegen würde", sagte er und hielt ihr die Hand entgegen – mit Absicht die linke, sodass sie seine trotz ihres gefesselten Armes schütteln konnte. „Mein Name ist Kiran."

„Elin."

Sie wollte seine Hand gerade ergreifen, als es im Eingangsbereich des Zeltes erneut raschelte. Zwei breitschultrige Drachenjäger schoben sich ins Innere – Elin erkannte ihre Umrisse durch den Vorhang, der die Betten vom Rest des Zeltes abtrennte.

Kiran erhob sich von seinem Platz neben ihrem Bett, bevor Elin überhaupt einen einzigen, klaren Gedanken fassen konnte. In der einen Sekunde saß er noch neben ihr, in der nächsten war er bereits aufgesprungen und redete auf die beiden Jäger ein.

„Noch mehr Verletzte?", fragte Kiran. Durch den Vorhang konnte Elin sehen, dass er sich durch die Haare fuhr. „Ich muss einen Bruch behandeln, bevor..." Seine ruhige Bestimmtheit verlor sich, als zwei weitere Gestalten das Zelt betraten – wenn man denn von betreten sprechen konnte. Einer trug den anderen, obwohl er mit jedem Schritt mehr ins Wanken geriet.

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