Über Tyrs Klippen tobte ein Unwetter, welches dem Finale einer Theateraufführung würdig gewesen wäre. Sturmwolken türmten sich am Himmel auf, an den Spitzen so dunkel wie Rabenfedern. Blitzte zuckten über die Decke aus unendlichem Grau, Donner folgte nach nur wenigen Sekunden. Das Gewitter befand sich direkt über ihnen, unter ihnen wartete das Meer mitsamt der Wellen, die scharf wie Messerschneiden gegen die Klippen brandeten. Dazwischen lag nur das Kliff, bestehend aus rauem Stein und losen Kieselsteinen – ein Felsbrocken, inmitten eines unbarmherzigen Ozeans. Der Sturm oder die Wellen, unter einem von beiden würde es zerbrechen.
Hinsichtlich der Szenerie konnte dieses Theaterstück nur das Ende einer Tragödie finden.
Illian musste denselben Gedanken gehabt haben, als er seinen Männern die entscheidenden Befehle gab. Sie waren nach kaum fünf Minuten wiedergekommen, Seile in den Händen und gefolgt von einem Mann, der sein Gesicht hinter einer Kapuze verhüllte.
Der Mann wartete mit einigem Abstand, während Regentropfen über seinen Umhang perlten und eine silbrige Spur hinterließen, die mit den Waffen an seinem Gürtel um die Wette schimmerte.
Viggo hatte versucht, die Messer und Dolche zu zählen, wurde jedoch bald zum Aufgeben gezwungen. Er war gerade bei dreizehn angelangt, als einer der Drachenjäger ihn zum Thron schleifte und zu Illians Füßen auf die Knie zwang. Jeder Versuch, sich zur Wehr zu setzen, wurde zwecklos, als ein weiterer Mann Viggos Handgelenke hinter seinem Rücken fokussierte und mit geübten Bewegungen eines der Seile darum schlang.
Doch damit war es nicht genug.
Illian hatte Ivar auffordernd zugenickt, damit er auch Lova zu ihm brachte. Sie hatte sich heftiger gewehrt als Viggo; es dauerte weitere fünf Minuten, bis es dem Mann gelang, Louvisa ebenfalls in die Knie zu zwingen und sie zu fesseln. Eine tiefe Bisswunde auf Ivars Handrücken zeugte von ihrer Gegenwehr. Ein selbstgefälliges Grinsen hatte auf ihren Lippen gelegen, als hellrote Bluttropfen vor ihr die Steine befleckten.
Dieses Grinsen war jedoch schnell verschwunden, als der Drachenjäger das dritte Seil erst um ihre, dann um Viggos zusammengebundene Handgelenke schlang und sie damit aneinanderfesselte.
Ihre Wirbelsäule presste sich gegen seine Narben, als sie sich gegen die Seile stemmte und Ivar Flüche entgegenwarf, die selbst die Götter erbleichen lassen würden.
Viggo hätte ihr für ihren Mut gern seine Bewunderung ausgesprochen, doch die stechenden Schmerzen in seinem Rücken schnürten ihm den Atem ab. Wenn Lovas Knochen gegen die alten Wunden stießen, fühlte es sich an, als steckten die Pfeilspitzen erneut tief in seiner Haut.
Es kostete ihn sämtliche Selbstbeherrschung, keinen einzigen Laut von sich zu geben.
„Du bist plötzlich so still." Illian beugte sich von seinem Thron zu Viggo herunter. Regentropfen rannen seine Wangen herab und hinunter zu seinem Hals, bis sie schließlich im Kragen seines Hemdes versiegten. In seinen grünen Augen funkelte grausame Belustigung. „Und so blass."
Illians Blick glitt zu Lova, die sich noch immer gegen die Fesseln wehrte. Ihre Wut verlieh ihr Kräfte, die Viggo unfreiwilligerweise aus nächster Nähe miterleben musste. Ein saurer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus, gefolgt von dem altbekannten Gefühl der Übelkeit, doch er drängte es mühsam zurück. Vor Illian durfte er es sich nicht erlauben, Schwäche zu zeigen.
„Ist es dein angegriffener Stolz oder die erste vernünftige Einsicht?"
„Keines von Beidem." Viggos Stimme klang selbst in seinen eigenen Ohren belegt und rau, doch offenbar war es schlimmer, als er selbst ahnte – Illians Augen weiteten sich überrascht, und selbst Lova hielt inne. Das ermöglichte es ihm, durchzuatmen und sich zu festigen. „Eine alte Verletzung, nichts weiter."
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Forget-me-nots
Fiksi PenggemarEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
