Blut quoll aus einer ausgefransten Wunde, dunkelrote Sprenkel zierten blasse Haut wie Rosenblüten weißen Schnee. In der Schnittstelle lag das Fleisch völlig bloß, glänzend in dem schwachen Licht, das durch die milchigen Fenster drang. Der Anblick war verstörend, doch zugleich konnte man den Blick nicht abwenden. Die Schwertspitze des Fremden war tief in Viggos Oberschenkel eingedrungen und hatte ein Chaos aus zerfetzten Muskeln hinterlassen, zwischen denen das blanke Weiß eines Knochens aufblitzte.
Und doch konnte Lova nur daran denken, wie sie sich vor wenigen Stunden noch mit diesem Mann das Bett geteilt hatte - überglücklich, dass sie ihn wiedergefunden hatte, und ohne einen Gedanken daran, wie schnell all das wieder kippen konnte.
Alles war friedlich gewesen, beinahe perfekt, bis ein einziger Augenblick diesen Frieden in Stücke gerissen hatte. Es hatte nur eine Sekunde gedauert, Viggos Fleisch bis auf den Knochen zu durchtrennen. Länger würde es nicht dauern, um ihn zu töten.
„Wir schweben in größerer Gefahr, als es uns bewusst war." Viggo sprach aus, was sie dachte. Beinahe riss er seine Hand aus Lovas, weil er nie stillsitzen konnte, sobald die Lage sich zuspitzte. Er verlor nicht die Kontrolle über seine Emotionen, doch seine Gesten verrieten ihn immer – je schneller er seine Worte mit den Händen begleitete, desto dringlicher war sein Anliegen. „Und ich bin mir sicher, dass das Überleben einer weiteren Vernell einen zusätzlichen, unkalkulierbaren Risikofaktor darstellt."
Taran, der zu den Füßen seines Reiters lag, knurrte zustimmend. Obwohl der Skrill vermutlich kaum die Hälfte des Gesagten verstand, würde er Viggo wohl immer beipflichten. Ein netter Bonus dieser treuen Ergebenheit war deren bedrohliche Wirkung – sobald der Drache mit gefletschten Zähnen durch die Tür gestürmt war, hatte der Wirt ihnen seine Taverne bereitwillig überlassen.
„Nun, meinetwegen waren die Kopfgeldjäger nicht hier", sagte Nella vom anderen Ende des Tisches. Bewusst hielt sie den größtmöglichen Abstand von Viggo, auch wenn das bedeutete, ebendiesen Abstand auch zu ihrer Schwester zu wahren.
Seit Lova den Pfeil aus der Stirn des toten Kopfgeldjägers gezogen und seine Leiche aus der Taverne geschleift hatte, bevor die Fliegen ihn holten, hatte Nella ihr nicht mehr ins Gesicht gesehen. Lova war sich nicht sicher, ob das an ihr oder dem Mann neben ihr lag.
„Das könnten sie aber sein, sobald sie von deiner Existenz erfahren." An Viggos Kiefer zuckte ein Muskel, doch davon abgesehen verriet nicht die leiseste Veränderung seines Gesichtsausdrucks das Ausmaß der Emotionen in seinem Inneren. Lova bemerkte es nur, weil seine Atmung sich verändert – schnell und flach zauste die warme Luft ihr Haar, während sie sich um seine Wunde kümmerte.
„Illian wird großes Interesse an dir zeigen, sobald er deine Identität kennt."
Dumpf knallten Nellas Handflächen auf die Tischplatte. Hellrosafarbene Blütenblätter rieselten auf das dunkle Holz und ließen ihren Kranz in mattem Grün zurück. „Warum sollte er das tun?", fragte sie, doch eher verwirrt als hitzig. „Ich kenne ihn nicht."
Lova erstarrte, Kälte kroch ihre Glieder hinauf. Einzig Viggos Blick brannte auf ihrem Nacken, da sie es nicht wagte, ihn anzusehen. Ihre Augen blieben stur auf die blutverschmierte Wunde gerichtet, weil auch das Gesicht ihrer Schwester keine Alternative darstellte.
Die Gewissheit, die in ihr hochstieg, hatte viel mit Angst gemein.
„Du hast ihr nichts von ihm erzählt?" Viggos Stimme drang an ihre Ohren; gedämpft und drängend zugleich. Seine Hand legte sich auf ihre, als sie nach den Verbandstüchern greifen wollte. „Sie weiß nicht, dass ihr Geliebter noch am Leben ist?"
Bildete Lova es sich ein, oder schwang da eine unüberhörbare Andeutung in seinen Worten mit? „Versuch nicht, mir ein schlechtes Gewissen einzureden", zischte sie. „Ihre und meine Situation sind völlig unterschiedlich." Wenigstens erlaubte der Abstand zu Nella es ihnen, sich ungehört auszutauschen.
DU LIEST GERADE
Forget-me-nots
FanfictionEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
