Stunden, Minuten, Sekunden – all das verschwamm ineinander, solange der Alkohol in seiner Kehle brannte. Musik, oder zumindest der Abklatsch dessen, was man auf den Marktinseln darunter verstand, dröhnte in Viggos Ohren und machte ihn unempfänglich gegenüber den Gesprächen um ihn herum. Auch seine üblichen Sinne waren stark eingeschränkt, denn nicht nur war das Flackern der Kerzen die einzige Lichtquelle, sondern die Luft auch drückend und schwer. Der Gestank, der in der Taverne herrschte, würde noch mehrere Wochen in Viggos Kleidung hängen.
Das lag allerdings vor allem daran, dass er jeden Tag aufs Neue hierher zurückkehrte und dass sich das Zimmer, in welchem er schlief, im oberen Stockwerk befand.
Es war ein gefährliches Spiel, welches Viggo spielte, doch in den letzten Monaten war es gutgegangen. Insofern gut bedeutete, dass er mit seinem Schwert in der Hand schlief und damit die Anzahl der Kopfgeldjäger auf den Marktinseln deutlich dezimiert hatte. Ein wenig schmeichelhaft war es ja, dass man sich noch immer an sein Gesicht erinnerte, doch Viggos Verstand war zu benebelt, um genauer darüber nachzudenken. Vielleicht würde er es am nächsten Tag tun, oder am übernächsten, oder auch niemals, was am Wahrscheinlichsten war.
Einst war das Denken seine stärkste Waffe gewesen, und vermutlich war dem noch immer so, solange er die Hände vom Alkohol ließ. Doch genau dort fand sich das Problem; denn dazu war Viggo nicht in der Lage.
Er hatte es versucht, dutzende Male, das hatte er wirklich. Aber all seine Wege trieben ihn zurück vor den Tresen, den Kopf schwer auf die Arme gestützt und den Blick auf ein volles Glas gerichtet, welches sich im Laufe des Abends leerte und füllte, leerte und füllte, bis seine Erinnerungen aussetzten. Die schwarze Leere, in der es Viggo zurückließ, war ihm mehr als willkommen.
Natürlich könnte man ihm Vorwürfe machen, könnte ihn faul nennen oder feige, aber wie lauteten seine Alternativen? Sein Leben war auseinandergefallen, das war es schon vor einer ganzen Weile. Viggo hatte sich nur eine sehr lange Zeit lang einreden können, dass dem nicht so war.
Doch was war von ihm übrig geblieben – von ihm und der glamourösen Zukunft, die er sich selbst versprochen hatte? Sein Name war nicht vielmehr als eine unliebsame Erinnerung an eine blutige Vergangenheit, sein Geschäft und sein Gold waren ebenso untergegangen wie der erbärmliche Rest seiner Familie. Vielleicht hätte Viggo mit ihm sinken sollen.
Stattdessen hatte er sich eingeredet, eine Zukunft zu haben. Hatte geglaubt, besser zu sein und klüger als sie alle – das war keine Lüge, doch wann hatte Talent einen Menschen jemals vor dem Fall bewahrt? Viggo hatte all seine Figuren gesetzt, und er hatte verloren.
Nun war es seine Bestimmung, vom Spielfeldrand zuzusehen.
Und er wurde poetisch... Viggo schnaubte, ehe er dem Mann hinter dem Tresen auffordernd zuwinkte und sein Glas zu ihm herüberschob. Ein letzter Rest einer goldgelben Flüssigkeit schwappte am Grund, die Viggo süß und bitter zugleich auf seiner Zunge schmecken konnte.
Rostige Kupfermünzen wanderten über den Tresen, ehe Viggos Verstand auch diese Feststellung in irgendeine Tiefgründigkeit verdrehte. Es wurde Zeit, das Vergessen zu beschleunigen.
~
Die Zeit verging, und der orangerote Abend wurde von der dunklen Nacht abgelöst. Das silberne Mondlicht brach durch die milchigen Fenster. Um die Laternen auf dem Tresen kreisten die Motten, doch ihr Flattern wurde vom Gläserklirren übertönt.
Es war spät, und es würde noch weitaus später werden, ehe Viggo seinen Platz verließ. Das Glas in seinen Händen war noch halbvoll, doch er drehte bereits die nächsten Kupfermünzen zwischen den Fingern. Bald würde Viggo den Punkt erreichen, an dem sein Verstand den Dienst versagte und es ihm erlaubte, die Erbärmlichkeit seines Aufenthalts zu vergessen.
DU LIEST GERADE
Forget-me-nots
FanfictionEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
