Es war nicht die Mittagssonne, die Lova weckte, wie sie es gewohnt war, sondern die Kälte eines Frühlingsmorgens. Frost funkelte auf dem Bettpfosten, die Krokusse in ihrem Blumenkranz ließen die Köpfe hängen. Licht fiel in einem dunklen Gold durch die weit geöffneten Fenster, und die Wolken über der Taverne glühten in einem sanften Violett.
Die Sonne ging gerade erst auf, und sie war allein.
Selbst für Viggo, der einen äußerst fragwürdigen Schlafrhythmus hatte, war diese Uhrzeit eigentlich viel zu früh. Vielleicht wäre er schon wach, doch er würde neben ihr liegen bleiben, bis die letzten, goldenen Strahlen den Horizont verließen. Das war eine stumme Regel zwischen ihnen gewesen, und Lova konnte sich nicht vorstellen, dass Viggo diese brechen würde.
Dabei hatte der Viggo, den sie gestern getroffen hatte, kaum wie er selbst gewirkt.
Aber das Bett war leer, obwohl an den Laken noch ein kläglicher Rest von Viggos Körperwärme haftete. Er konnte noch nicht lange weg sein, doch die kühle Morgenluft hatte seinen Geruch bereits vertrieben. Einzig der Alkohol stach weiterhin in ihre Nase, betäubend und bitter.
Ebenjenen Alkohol spürte Lova auf ihren Lippen brennen, obwohl sie keinen einzigen Schluck getrunken hatte. Dennoch lag ein nebliger Schleier über ihren Erinnerungen an die letzte Nacht, als hätten Viggos Küsse ausgereicht, um sie den Verstand verlieren zu lassen.
Ein stechender Schmerz fuhr durch ihre Brust, traf sie mitten ins Herz und brachte sie ins Schwanken, obwohl sie auf der Bettkante saß. Er sollte hier sein, damit er sie erneut um den Verstand bringen konnte – eine Entschädigung für all die Tage, die sie getrennt gewesen waren.
Lova wollte all die versäumten Küssen nachholen, bis sie ihre Feigheit wiedergutgemacht hatte.
15 Monate – das war die Zeit, die sie ihretwegen verschwendet hatten. Wenn sie dann an all die Nächte dachte, die sie miteinander hätten verbringen können, wenn damals nur ein wenig mutiger gewesen wäre...
Was, wenn Viggo ihr im nüchternen Zustand nicht so einfach verzieh?
Lova fuhr hoch, obwohl ihre Beine noch immer zitterten. Sie musste sich am Bettpfosten abstützen, um nicht umzukippen. Der Blumenkranz zerfiel unter ihren Händen, und ein Regen aus dunkelgrünen Blättern und violetten Krokussen ging auf den fleckigen Dielenboden nieder.
„Großartig", murmelte Lova, während sie ihre Kleidung von dem Kopfbrett nahm und sich zurück in ihre Lederhose zwängte. Es war zu früh am Morgen, um Kampfmontur zu tragen.
Ein tiefes Brummen antwortete ihr, gefolgt von einem Knurren. Der scharfe Gestank von Rauch erfüllte die Luft, und mit leisem Knistern zuckten Blitze über die Schnauze des Drachens. Der Skrill hielt einen Knochen zwischen den Krallen, an dem noch die Fleischfetzen hingen, doch der Sorge nach zu urteilen, die in seinen gelben Augen glühte, war ihm wohl der Appetit vergangen.
„Taran", begrüßte Lova ihn und konnte ein Gähnen nicht zurückhalten. Sie klemmte sich beinahe die Finger ein, als sie versuchte, ihren Gürtel zu schließen. „Hat Viggo dich wieder reingelassen?"
Allein der Name seines Reiters genügte, damit sich Tarans Augen weiteten. Ein schneeweißer Rand erschien um das grelle Gelb und die Nase des Skrills zuckte, als würde er Witterung aufnehmen. Das Knurren, welches daraufhin tief in der Kehle des Drachen grollte, erweckte in Louvisa den ursprünglichsten ihrer Instinkte. Es kostete sie all ihre Selbstbeherrschung, an Ort und Stelle zu verharren, obwohl das Adrenalin durch ihre Adern rauschte.
„Geht es Viggo gut?", fragte Lova. Ihre Stimme bebte, weil sie sich nur flache, oberflächliche Atemzüge erlaubte, damit sie nicht doch noch die Flucht ergriff. „Weißt du, wo er ist?"
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Forget-me-nots
FanfictionEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
