Hinter Louvisa von Vernell verbarg sich eine Frau mit vielen, beängstigenden Talenten. So betrug die Zeit, die sie benötigte, um ihren Bogen zu spannen, einen Pfeil zu zücken und mitsamt der Waffe in den Händen loszurennen, etwa zwei bis drei Sekunden. Die Ungenauigkeit in der Zählung rührte daher, dass Elin nach Viggos Ruf etwa ähnlich geschockt gewesen war wie Louvisa.
Sie brauchte allerdings einen Moment länger, um sich zu fassen – und dieser Moment genügte ihrer Begleitung, um (gefolgt von ihrem Drachen) in die endlose Dunkelheit des Kerkers zu stürmen.
Kopflos; das war das Wort, welches Elin verwenden würde, wenn man sie darum bitten würde, Louvisas Aktion zu beschreiben. Doch dafür würde sie keine Gelegenheit haben, weil sie ihrer Freundin sofort folgte, sobald die Bewegungsfähigkeit in ihre Glieder zurückkehrte.
Ylvis rasiermesserscharfer Schweif schlang sich um den Brustpanzer ihrer Rüstung, als Elin einen durchdringenden Pfiff ausstieß und ihrem Klingenpeitschling damit das Signal gab, sich in die Luft zu erheben. Ihr gebrochenes Bein verließ den Boden, und der kühle Flugwind linderte den pochenden Schmerz.
„Hast du den Verstand verloren, Selland?"
Verglichen mit Ylvis lautlosem Flug und Louvisas schnellem Sprint klang Kirans atemloses Keuchen wenig eindrucksvoll. Seine Stiefel schleiften über den Boden, die Hand musste er sich gegen die Rippen pressen, um sein Seitenstechen abzumildern. Strähnen seines kastanienbraunen Haares fielen ihm wirr in die Stirn, seine hellgrünen Augen blitzten.
„Du wirst dir noch den zweiten Fuß brechen."
„Indem ich fliege?" Elin verdrehte die Augen und lehnte sich nach rechts, damit Ylvi Abstand zwischen sie und den Heiler brachte. „Außerdem, was weißt du schon? Du klingst, als hättest du dir beide Lungenflügel verrenkt."
Kiran geriet ins Stolpern, als er aufgrund ihrer Aussage die Stirn runzelte. „Dir ist bewusst, dass das eine anatomische Unmöglichkeit ist, oder?", fragte er. Eine erschöpfte Heiserkeit schlich sich in seine Stimme, als er das Rennen wiederaufnahm – doch obwohl er rannte und Elin flog, konnten sie beide nicht mit Louvisas Tempo mithalten.
„Es sollte genauso unmöglich sein, so verdammt schnell zu rennen", murmelte Elin und warf Kiran einen finsteren Blick zu. „Du bremst mich aus, Heiler."
„Wie bitte?"
Empört blieb Kiran erneut stehen, und Elin legte unter lautem Fluchen eine Vollbremsung hin.
„Du tust es schon wieder!", beschwerte sie sich, ehe sie den jungen Mann ohne Umschweife am Kragen packte. Ylvi stieß ein protestierendes Kreischen aus, als sich das Gewicht unter ihren Flügeln verdoppelte, doch sie hielt sich tapfer.
„Gutes Mädchen", lobte Elin ihren Drachen, während Kiran unter ihr zappelte.
„Böses Mädchen", hielt er dagegen und reckte dem Klingenpeitschling warnend den Zeigefinger entgegen. „Sag ihr, sie soll mich herunterlassen."
Elin schlug Kirans Hand weg, bevor Ylvi sie mit einem zweiten Frühstück verwechselte.
„Spinnst du?", fauchte sie. „Wir wären viel schneller, wenn du nur..."
Ihre folgenden Worte gingen in einem schrillen Kreischen unter, als sie gegen die Kehrseite eines Sturmschneids prallten.
In einem Gewühl aus Flügeln, Armen und Beinen landeten sie auf dem kalten Steinboden. Büschelweise goldblondem Haares fielen Ylvis Krallen zum Opfer, als sie sich zu befreien versuchte, Elin stürzte mit dem Gesicht voran auf Kirans Brustkorb und Varias Schwanzsegel verpasste jedem von ihnen eine tadelnde Ohrfeige.
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Forget-me-nots
FanfictionEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
