Die Luft vibrierte vor Spannung – und ausnahmsweise war diese Aussage ganz und gar wörtlich gemeint. Über den Boden zuckten Blitze, deren zahllose Verästlungen sich wie ein hellblaues Spinnennetz von dem dunklen Stein abhoben. Wann immer Viggos Stiefel sie streiften, loderte eine Stichflamme auf und der Geruch von Rauch erfüllte den Gang, bis er den neuen Brandherd hastig austrat und die Tatsache verfluchte, einen Skrill gezähmt zu haben.
Doch wenigstens lag dieser Teil seines Weges klar und deutlich vor ihm – die richtige Richtung wurde ihm mit einem Lichtsignal ausgewiesen.
Selbst ein Leuchtender Fluch hätte nicht auffälliger sein können.
„Wo waren Möglichkeiten wie diese, als ich auf der Suche nach einem Skrill beinahe mein Leben verloren hätte?", murmelte Viggo, während er um die Ecke bog und die fehlenden Meter bis zum letzten Käfig des Ganges eilig überwand. Ein überraschtes Keuchen entkam ihm, als er hineinsah.
„Ah, scheinbar hat jegliche Intelligenz gemeinsam mit mir die Branche verlassen."
In mehr als einem Jahrzehnt der Drachenjagd und einer beinahe ebenso langen Zeitspanne in der Führungsposition waren Viggo bereits viele Dummheiten untergekommen – einige davon waren seine Schuld, andere unterlagen nicht seiner Verantwortung. Doch selbst wenn er sie zusammen in einen Topf werfen und die größte Idiotie aller Zeiten darauf formen würde, so käme diese Mixtur noch immer nicht ansatzweise an die Torheit heran, die hier begangen wurde.
Um es zu erklären, würde Viggo langsam vorgehen:
Man entzog einem gefangenen Drachen sofort jegliche Verteidigungsmöglichkeiten – nicht nur Zähne und Krallen, sondern vor allem der Feuerkraft.
Feuerkraft, nun, das war eine elegante Überleitung zu seinem nächsten Punkt. Wenn es einem gelang, einen Skrill einzusperren und den Prozess zu überleben, setzte man den verdammten Drachen in ein Wasserbecken.
Und wenn man schon nicht genug an seinem Leben hing, um ihn seiner tödlichen Blitze zu berauben, dann war man doch wenigstens nicht so blöd, zwei dieser Bestien in denselben Käfig zu sperren.
Im Gegensatz zur allgemeinen Überzeugung der Drachenreiter gab es einige spezielle Vertreter dieser geflügelten Echsen, die sich nicht zu einem geselligen Leben auf einer Insel hinreißen ließen, sondern es bevorzugten, ihre Zähne tief in die Schuppen ihrer Artgenossen zu schlagen und zuzubeißen, bis diese mit dem Zappeln aufhörten.
Der Skrill war ein besonders eindrucksvolles Beispiel.
Als Einzelgänger, der riesige Territorien für sich beanspruchen und jeden unerwünschten Eindringling mit einem einzigen Blitz vom Himmel holen konnte, hatte er selbst den Respekt eines Nachtschattens erlangt – kein Wunder, dass Viggo ausgerechnet diese Drachenart gewählt hatte.
Der Skrill verdankte seinen Ruf allerdings nicht nur seiner speziellen Feuerkraft, sondern auch seiner berüchtigten Geschwindigkeit und unglaublichen Stärke. Gemeinsam mit seiner Intelligenz ergab das einen Drachen, den man nicht zum Feind haben wollte. Besonders, weil der Skrill die nützliche Eigenschaft hatte, sich die Gesichter derjenigen zu merken, die sich mit ihm angelegt und es überlebt hatten.
Das dunkelblaue Weibchen stieß ein tiefes Knurren aus, als sie Viggo erkannte. Die Seile, die ihre gewaltigen Flügel zusammenhielten, spannten sich und knarzten, als sie den Kopf senkte und ihr Gegenüber genauestens in Augenschein nahm. In ihren sonnengelben Augen zuckten Blitze.
Wäre der Maulkorb nicht, so würde sie Viggo binnen eines Wimpernschlages in ein Häufchen Asche verwandelte – genauso, wie sie es bereits einmal versucht hatte. Die Narbe auf seinem Hals brannte bei der bloßen Erinnerung.
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Forget-me-nots
FanfictionEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
