Kapitel 74 - Elin

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Mit dem Kopf auf Louvisas Schulter erwachte Elin aus ihrer Ohnmacht, als ihr der beißende Geruch von Rauch und Feuer in die Nase stieg. Dunkelbraune Locken wippten im Takt vor ihr auf und ab, eine schier endlose graue Höhlenwand zog an ihnen vorbei. Unter Louvisas schnellen, hektischen Atemzüge mischte sich das kratzende Schaben von Krallen und das drohende Knurren von Drachen.

Drachen.

Elin blinzelte verschlafen, ein schmerzhaftes Pulsieren ging von ihrem Hinterkopf aus. Dem feuchten, klebrigen Gefühl von Blut in ihrem Haar nach zu urteilen, hatte sie sich den Kopf angeschlagen. Sie konnte noch immer einige weiße Flecken sehen, die flimmerten wie ziemlich erbärmliche Sterne.

„Du bist wach." Louvisas Stimme klang belegt, als sie zu Elin heruntersah. Ihre Augen waren verdächtig gerötet und ihr Haar zerzaust, doch ihre Wangen waren trocken – falls sie geweint hatte, war es bereits eine Weile her. An ihrer Kleidung haftete der strenge Geruch nach verbranntem Fleisch. „Gut. Ich habe mir schon Sorgen gemacht."

„Um mich?" Elin schnaubte, während sie sich den Schlaf aus den Augen rieb und dabei beinahe aus Louvisas Armen rollte. Die Wikingerin hielt sie gerade noch rechtzeitig auf, bevor Elin einen äußerst uneleganten Fall hinlegte. „... wie albern."

„Ja." Louvisas Mundwinkel zuckten verdächtig, doch zu einem Lachen reichte es nicht. „Ich weiß gar nicht, wie ich auf die Idee kommen konnte."

„Vorsicht", gab Elin zurück und gähnte, bevor sie weitersprach. „Dein Sarkasmus beißt."

„Oh, haha", sagte Louvisa kopfschüttelnd. Ihre Schritte beschleunigten sich und sie hob den Blick, doch die Andeutung eines Lächelns verblieb auf ihren Lippen. „Das habe ich von dir."

Elin musste sich strecken, um Louvisa auf die Schulter zu klopfen. „Jetzt stell dir einmal vor, wir würden diese geballte Menge Ironie gegen Grimborn einsetzen."

Es sollte nur ein Scherz sein, doch Louvisas Lächeln hätte nicht schneller in sich zusammenfallen können, wenn man es in Brand gesetzt hätte. „Viggo?", fragte sie, als gäbe es noch einen weiteren Drachenjäger mit diesem Nachnamen, dem Elin liebend gern auf die Nerven ging. „Ich glaube, das ist eher deine Aufgabe als meine."

„Nur noch auf kurze Zeit", erwiderte Elin. „Ich gehe zurück auf die Flügelmädcheninsel, aber du bleibst doch sicher bei ihm. Ihr habt euch in den letzten Wochen schließlich gut verstanden." Wenn man den Beiden beim Pläne schmieden zugesehen hatte, war es schwer gewesen, nicht anzunehmen, die Beiden wären tatsächlich verlobt. „Nachdem du ihn nicht mehr umbringen wolltest, natürlich."

„Ja..." Louvisa richtete den Blick stur geradeaus, doch ihre Schritte verloren ein wenig an Schwung. „Ich nehme an, das war hilfreich."

„Glaubst du?", fragte Elin, ehe sie den Kopf reckte und Louvisa mit der plötzlichen Bewegung ein dumpfes Ächzen entlockte. „Apropos Viggo, wo ist er eigentlich?", hakte sie nach. „Und was ist mit diesem nervigen Heiler?"

„Die Drachenjäger, die uns im Waffenlager überwältigt haben, haben ihn genauso wie dich bewusstlos geschlagen." Lova beschleunigte ihre Schritte, bis sie zu einem jungen Mann mit kastanienbraunem Haar aufholte – Kiran. Er lächelte Elin zu, als er sie sah.

„Guten Morgen, Selland", begrüßte er sie, begleitet von einem schiefen Lächeln. Blutverkrustete Strähnen fielen ihm in die Stirn und bedeckten den Großteil einer dunkelblauen Beule, doch das verminderte Kirans gutes Aussehen kaum. „Wie es aussieht, war ich vor dir wach."

„Ich habe völlig vergessen, wie selbstgefällig du bist." Elin war auf Louvisas Hilfe angewiesen, um Kiran überhaupt ansehen zu können – mit einem gebrochenen Fuß und dröhnendem Schädel fiel es ihr bereits schwer genug, eine bequeme Schlafposition zu finden. Gymnastikübungen, während sie von einer Frau durch einen Kerker getragen wurde, waren definitiv keine Option.

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