Kapitel 82

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Über seinem Bettpfosten hing ein Blumenkranz. In dunklem Violett leuchteten Krokusse inmitten von blassgrünem Gras und weißen Birkenzweigen, und zwischen den Frühlingsblumen fanden sich Kleeblätter mit ihren glockenförmigen Blüten. Im Licht des Morgens hoben sich die sanften Farben von dem Holz des Bettpfostens ab, genau wie sie es am Abend zuvor in einem Schopf aus dunkelbraunen Locken getan hatten.

Ebenjene Locken, die ihn bei jedem von Lovas Atemzügen in der Nase kitzelten.

Falls in ihm noch der leiseste Zweifel bestanden hatte, dass sie real war, so war dieser spätestens in diesem Augenblick verschwunden. Es gab Dinge, die sich selbst sein Verstand nicht einbilden konnte – besonders jetzt nicht mehr, wo sich der Nebel des Alkohols gelichtet hatte und ihn mit dröhnenden Kopfschmerzen und einer stummen Gewissheit zurückließ.

Denn die Frau, die neben ihm lag, war ohne jeden Zweifel seine Louvisa.

Durch das Fenster fiel goldenes Sonnenlicht, sodass ihre Wimpern lange Schatten auf ihre Wangen warfen. Ihr dunkles Haar ruhte, ausgebreitet wie ein Fächer, auf seinem Kissen. Zwischen den gelockten Strähnen hatten sich Blütenblätter verfangen. Helle Sommersprossen tanzten auf ihrer Nasenspitze, die mit dem Voranschreiten wieder deutlicher hervortraten als noch bei ihrem letzten Treffen zwischen Wind und Schnee. Die ersten, kleinen Sonnenflecken erstreckten sich sogar über ihre Schultern, die unter der Bettdecke hervorlugten, oder kreisten um das Muttermal auf ihrem Nacken. Aufgrund der zahllosen Küssen der vergangenen Nacht lag eine verräterische Röte auf ihren Lippen. Durch ihren leicht geöffneten Mund drangen tiefe Atemzüge, und ein friedlicher Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.

Lova schlief.

Sie hatte schon immer einen tiefen Schlaf gehabt. Kaum etwas konnte sie wecken, sobald sie einmal eingeschlafen war – und wenn man sie nicht unterbrach, konnte sie schlafen, bis die Sonne zur Mittagszeit ihren höchsten Punkt erreichte.

Es sollte also ein Leichtes sein, sich von ihr zu lösen und das Bett zu verlassen – zumindest in der Theorie. Denn in der Praxis hielten sie sich einander fest, als hätten sie Beide befürchtet, der jeweils andere würde sich in Luft auflösen, wenn sie ihn losließen.

Viggo hatte den Arm um ihre Hüfte gelegt, seine Hände auf ihren Oberschenkeln. Die Hitze, die ihre Haut ausstrahlte, war für ihn überdeutlich spürbar, weil Lova die Beine noch immer um ihn geschlungen hatte. Jeder ihrer Atemzüge strich über seinen Hals und bescherte ihm eine Gänsehaut, die bis hinab zu seinem Schlüsselbein reichte.

Was hatte er getan?

Es verstand sich von selbst, dass das eine rhetorische Frage war. Viggo wusste sehr genau, was er getan hatte – was sie getan hatten. Betrunken oder nicht, so tief war er nicht gesunken. Er konnte sich an jede Kleinigkeit der vergangenen Nacht erinnern, überdeutlich und detailreich, weil sich all das regelrecht in seinen Verstand eingebrannt hatte. Das hatten Fehler so an sich.

Und Lova wieder an sich heranzulassen, war ein großer Fehler gewesen. Angesichts seines Zustandes, seiner Situation... Er hätte sie nicht einmal berühren sollen.

Langsam und sorgfältig darauf bedacht, sie nicht zu wecken, löste Viggo seinen Arm von ihrer Taille. Lovas Lider flatterten und er hielt inne, doch eigentlich hätte er sich keine Sorgen machen müssen – sie brummte nur verschlafen, ehe sie die Nase tiefer in seinem Kissen vergrub.

Selbst als Viggo sich aus der Bettdecke schälte, rührte sie sich nicht von der Stelle. Der Saum der Decke kam auf der Höhe ihres Bauchnabels zum Erliegen, doch Viggo wagte es nicht, ihn wieder über ihre Schultern zu ziehen. Allzu sehr sollte er sein Glück nicht überstrapazieren.

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