Kapitel 80 - Louvisa

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Rostbraune Flecken zogen sich die Hauswände entlang und über den dunklen Pfützen lag ein glänzender Film. Zwischen den engen Gassen war die Luft faulig und abgestanden, sodass Lova Metall auf ihrer Zunge schmecken konnte, wann immer sie einatmete. Kein Kinderlachen, kein Gesang, nicht einmal das Feilschen eines Händlers war zu hören. Einzig zwielichtige Gestalten in dunklen Umhängen tauschten im Flüsterton Botschaften aus, und hinter den beleuchteten Fenstern der Tavernen grölten und jubilierten die Betrunkenen.

Nach der ausgelassenen Schönheit des Festplatzes entsprach dieser Teil des Händlerdorfes viel eher den Erinnerungen, welche Lova an die Marktinseln hatte.

„Ich weiß, du wirst mir wieder sagen, dass ich abwarten soll, aber..." Die blassen Flecken kehrten auf Nellas Wangen zurück, als sie sich näher an ihre Schwester schmiegte und erschauderte, als sie eine Gruppe junger Männer passierten. Der Gestank nach saurem Wein haftete an ihnen, unterlegt von einer metallischen Süße. An den rostigen Schneiden ihrer Dolche klebte Blut.

„Warum sind wir ausgerechnet hier?"

Nella schien zwischen den engen Gassen einzugehen wie eine Blume ohne Sonnenlicht. Selbst die Primeln auf ihrem Haupt ließen gemeinsam mit ihr die Köpfe hängen. Die Dunkelheit saugte die Farbe aus ihrem Gesicht, und das fröhliche Funkeln in ihren Augen war gemeinsam mit der Musik verschwunden. Es war offensichtlich, dass Nella sich unwohl fühlte.

Louvisa dagegen... sie konnte nicht leugnen, dass sich dieser Teil ihrer Reise nach einer Heimkehr anfühlte. Zwischen Mörder und Diebe passte sie besser als in ein fröhliches Fest mit Blumenkränzen und Gesang. Das Kämpfen lag ihr mehr als jeder Tanzschritt.

„Wir sind hier, weil wir einen Drachenjäger suchen." Lovas Hand ruhte an ihrem Dolch. Der lederne Griff schmiegte sich weich wie Seide an ihre Haut, und bisher war das silberne Metall sauber und glänzend. Niemand hatte es gewagt, sie zu behelligen – noch nicht.

„Wenn wir irgendwo Antworten finden, dann hier."

Es war nur eine Frage der Zeit, bis man auf sie aufmerksam werden würde und die ersten Männer zu ihnen krochen, weil sie auf einen großen Fang hofften. Frauen, die nichts zu verkaufen hatten, verschlug es selten in diesen Teil der Marktinseln.

Der Trick war, schneller zu sein als die Auffassungsgabe einfacher Diebe, und zu verschwinden, bevor einer der wirklich gefährlichen Männer Interesse an ihnen fand. Was bei ihrem letzten Versuch nicht sonderlich gut funktioniert hatte...

„Aber musst du deine Antworten wirklich ausgerechnet hier finden?", fragte Nella. Sie stolperte beinahe über die Überreste eines zerbrochenen Glases und verzog das Gesicht, als sie in die dazugehörige Pfütze trat. Zu ihrem Glück war es lediglich Alkohol – ranziger zwar, doch um einiges besser als die Blutpfützen, die sie bereits passiert hatten.

„Ich meine, möchtest du wirklich einen Menschen treffen, der sich an solchen Orten herumtreibt?"

„Ich sage nicht, dass Viggo hier ist." Im Vorbeigehen riss Lova einen Zettel von der Wand. Das alte, bereits verblichene Pergament raschelte zwischen ihren Fingern, als sie es zusammenrollte und in dem Geldbeutel des Händlers verstaute. „Natürlich könnte es sein, aber das muss es nicht."

„Warum bist du dann hier?" Nella war von ihrer Umgebung derartig abgelenkt, dass sie das Pergament in Lovas Händen nicht einmal bemerkt hatte. Krause Strähnen ihres langen Haares hingen vor ihrem Gesicht, doch auch das schien völlig an ihr vorbeizugehen. „Wenn er nicht hier ist, warum sollte irgendjemand auf diesen Inseln wissen, wo er sich aufhält?"

Ein Schatten huschte durch die Gassen, unter einer einer dunklen Kapuze blitzte ein Streifen schneeweißer Haut auf. Unwillkürlich packte Lova den Dolch fester, ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern. „Weil jeder im verdammten Archipel Viggo Grimborn kennt", zischte sie ihrer Schwester zu, ehe sie ihren Arm aus Nellas Griff wand. „Und Geheimnisse fließen durch diese Gassen wie edler Wein – wenn er noch lebt, wissen es die Kopfgeldjäger."

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