„Werden wir ihn töten?" Nellas Kopf lag schwer auf Lovas Schulter, die Arme um ihre Schwester geschlungen. Ihr Körper strahlte eine angenehme Wärme aus, die dem Flugwind die schneidende Kälte nahm. Bei jedem von Varias Flügelschlägen schlug der Köcher voller Pfeile klappernd gegen Lovas Oberschenkel.
„Ich weiß es nicht", antwortete Lova ehrlich. Ihre Fingerspitzen strichen über die schneeweißen Schuppen ihres Drachens, die ebenso fest und unnachgiebig waren wie die Rüstung auf ihren Schultern. Wann immer Varias Klauen die glatte Meeresoberfläche durchschnitten, sprühte Meeresschaum in die Höhe. Das Sonnenlicht fing sich in den hellen Flocken und ließ sie golden funkeln. „Willst du das denn?"
Nella schnaubte. „Habe ich denn eine Wahl?"
Ihre düsteren Worte passten kaum zu dem traumhaften Wetter. Der Himmel über ihren Köpfen war so strahlend und blau, dass selbst das Meerwasser einige Nuancen heller schimmerte. Selbst die vereinzelten Wolkenfetzen waren so weiß, so unschuldig, dass sich dieser Tag nicht für einen Tod zu eignen schien. Es wäre ein Jammer, den ersten, milden Frühlingstag zu verpassen. Doch an den Ort, an den sie flogen, würde es keinen Frühling geben.
„Selbstverständlich hast du eine Wahl." Lova löste eine Hand von Varias Schuppen, um stattdessen die ihrer Schwester zu ergreifen. Die harten, unnachgiebigen Muskeln, die das jahrelange Reiten auf einem Drachenrücken ihr eingebracht hatten, hätten sie nicht einmal abstürzen lassen, wenn sie mit weit ausgebreiteten Armen geflogen wäre.
Nella dagegen geriet ins Schwanken, als sie Lovas Händedruck erwiderte, und klammerte sich enger an ihre Schwester. „Ich kann nicht glauben, dass du mir nichts davon erzählt hast."
Dieses Thema... Bisher hatten sie es gemieden, doch eigentlich war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Nella es ansprach. Darauf zu antworten war, als würde man einen vereisten See betreten – nie konnte man wissen, welcher Schritt einen ins eiskalte Wasser stürzen ließ.
„Es tut mir leid", sagte Lova – mit einer Entschuldigung konnte sie nichts falsch machen. „Ich wusste nie, wie ich anfangen sollte. Dein Geliebter ist ein wahnsinniger Mörder wäre wohl nicht sonderlich angebracht gewesen."
„Aber passend." Lova konnte spüren, wie Nella den Kopf schüttelte. Strähnen ihres dunkelbraunen Haares kitzelten die bloßliegende Haut an ihrem Nacken. „Ich kann einfach nicht begreifen, dass Narvik... dass er und Illian dieselbe Person sein sollen. Narvik hätte doch niemals... "
Etwas feuchtes, warmes rann Lovas Hals hinab, als Nella sich haltsuchend an sie schmiegte. Wie damals, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Nella mochte sich vielleicht verteidigen können, doch sie war keine Kämpferin.
„Ich will ihn nicht töten", murmelte sie in Lovas Halsbeuge. Ihr Drache, die kleine Sóley, stieß ein mitfühlendes Gurren aus, welches ein wenig wie ein Niesen klang. Die Schwanzspitze des Klingenpeitschlings schlang sich wie Stacheldraht um die beiden Schwestern.
„Eigentlich möchte ich nicht einmal, dass er überhaupt stirbt."
„Vielleicht muss er das auch nicht", sagte Lova, obwohl sie selbst nicht daran glaubte. Der Irrgarten aus Narben, der sich über ihren gesamten Rücken erstreckte, brannte wie Feuer. Eine stete Erinnerung daran, dass Narvik in den Flammen ihrer Heimatinsel zurückgeblieben war. Der Mann, der aus Ruinen und Asche entkommen musste, war bereits ein anderer gewesen – Illian.
„Wir können mit ihm reden", fuhr Lova eilig fort, bevor die Lügen ihre Zunge zu Staub zerfallen ließen. „Immerhin hat er keinen Grund mehr, Rache zu nehmen."
Nella versteifte sich, als sie diese Worte hörte. „Unsere Insel wurde abgebrannt", sagte sie. „Gibt ihm das nicht allen Grund, sich zu rächen?"
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Forget-me-nots
FanfictionEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
