Der Nachhall von Lovas Schreien vermischte sich mit Elins verträumten Summen und Kirans raschelnder Geschäftigkeit. Das Rauschen des Windes und das Prasseln des Regens woben sich von selbst hinein, wie Musikinstrumente in die Noten des Gesangs. Und in einem Zelt auf einem sturmumtosten Kliff kamen Viggos Gedanken inmitten eines Gewitters endlich zur Ruhe.
Es war lange her, seit seine Gedanken zuletzt geschwiegen und ihn der Stille überlassen hatten – eine Stille, nur durchbrochen von seinen und Lovas ruhigen Atemzügen, die einander fanden wie die Sonne den Horizont. Immer zu denken, stets zu planen und allen, besonders sich selbst, jederzeit einen Schritt voraus zu sein, lag in Viggos Natur. Aber die Dinge, die in der Natur eines Menschen lagen, besaßen ein besonderes Talent dafür, ebendiesen Menschen zu zermürben.
Genau aus diesem Grund war Viggo dankbar für die Ruhe, die in seinem Kopf einkehrte, während er den Kopf gegen den Bettpfosten lehnte und Kiran beobachtete.
Die bestimmte, aber doch strukturierte Geschäftigkeit, mit welcher der junge Mann Louvisas Wunden versorgte, sprachen von jahrelanger Erfahrung. Er hatte denselben, konzentrierten Gesichtsausdruck wie Adaja, wenn er Verletzungen betrachtete und einordnete, ohne ihr Aussehen und ihren Ursprung zu bewerten. Heiler dachten und agierten ohne Werte.
Weder Widerwillen noch Sorge zeichneten sich auf Kirans Gesicht ab, während er mit Nadel und Faden die tiefen, blutroten Wunden auf Lovas Rücken in hellrote, mit schwarzem Garn zusammengenähte Schnitt verwandelte. Auf dem Boden zu seinen Füßen lag ein Haufen zerknüllter, blutverschmierte Leinen, das Wasser in einer seiner Schüsseln war dunkelrot und trüb.
Aber weil Kiran zwar schnell, aber nicht hektisch arbeitete, bewahrte auch Viggo die Ruhe. Solange er Lova sehen konnte – sie und ihren Rücken, der sich unter tiefen, regelmäßigen Abständen hob und senkte – würde sich daran auch nichts ändern.
Louvisa befand sich in einem empfindlichen Zustand zwischen Schlaf und Bewusstlosigkeit. Sie atmete zwar so tief und regelmäßig, als würde sie schlafen, doch das hin und her Huschen ihrer Augen unter ihren flatternden Lidern fehlte, genau wie ihr unverständliches Murmeln, wenn sie träumte. In ihrem blutleeren Gesicht fand sich keine einzige Regung. Ihre Lippen, aufgesprungen und rissig, waren leicht geöffnet, ein leises Pfeifen begleitete ihre Atemzüge.
Elin hatte Louvisas Haar gekämmt, bevor sie hinter Viggo auf dem Bett eingeschlafen war, mit einem Kamm und einer weiteren Wasserschüssel bewaffnet. Sie hatte behauptet, Lova würde sich darüber freuen, sobald sie aufwachte – für Viggo war das nur ein weiterer Stich gewesen, genau dort, wo sein Herz unaufhörlich schlug und erst mit seinen Gedanken zur Ruhe kam.
Tausende dieser Kleinigkeiten waren einst seine gewesen; kleine, gestohlene Besitztümer, die das Schicksal ihm gerade lange genug gewährt hatte, damit Viggo sie vermissen konnte.
Er war es gewesen, der neben Lova schlief, ihre Verletzungen versorgte oder ihr Haar kämmte, weil er wusste, dass sie diese Aufgabe nicht leiden konnte. Wenn sich ihre Locken, schwer und dunkel vom Wasser, wie ein Fächer über den Kissen ausbreiteten, hatte Viggo ihr neckend vorgeworfen, dass sie ihn wohl loswerden wollte. Und Lova hatte ihn kopfschüttelnd an sich gezogen, ihr schlagendes Herz an seinem. Herzen, die einander gehörten.
Was für ein erbärmlicher Gedanke, dachte Viggo, während er einen Ring aus Silber zwischen den Fingern drehte. Der andere lag auf dem kleinen Tischchen neben Lovas Bett, damit sie selbst entscheiden konnte, ob sie ihr Versprechen einlösen wollte – ihren Antrag, der nicht vielmehr als eine Verzweiflungstat gewesen war.
Holz schlug klirrend gegen Holz, als Kiran seine Utensilien stapelte und sich mit den Händen voller Schüsseln umdrehte. Blut und grüne Kräuterpaste klebten an seinen Händen und auch an seiner Stirn, als er sich den Schweiß und die kastanienbraunen Strähnen aus der Stirn strich.
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Forget-me-nots
FanfictionEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
