Wolkenfetzen zogen über sie hinweg. Schneeweiß jagten sie über den strahlend blauen Himmel, ihre wilde Schönheit nur unterbrochen durch die rußgeschwärzten Ketten, die gesprengt und zerrissen von den Wänden der Arena hingen. Ein Flügel, ebenso weiß wie die Wolken, hatte sich um Lovas Brustkorb geschlungen und verhindert, dass ihre Knochen auf dem Steinboden zerschellten. Doch den Aufprall hatte er nicht verhindern können.
Schwarze Flecken schienen vor Lovas Augen zu tanzen, der Schwindel machte es ihr unmöglich, den Kopf zu heben. Die Sehne ihres Bogens war zersprungen, die Überreste hatten sich in ihrem Haar verheddert. Auch ihre Pfeile hatte sie verloren; in wirren Mustern lagen sie in der Arena verteilt, weil sie bereits vor Lovas unsanftem Aufprall aus ihrem Köcher gefallen waren.
Sie war unbewaffnet.
Nicht, dass das noch etwas bedeuten würde. Selbst wenn Lova ein ganzes Arsenal von Waffen zu ihrer freien Verfügung gehabt hätte, es hätte ihr nicht geholfen. Kein Bogen, keine Axt, kein Feuerschwert... Was immer das Schicksal für sie bereit hielt, Lova war dem hilflos ausgeliefert.
Ihr Zustand war bedauernswert.
Ein unangenehmes Prickeln zog durch ihre Beine, als würde eine ganze Armee von Ameisen über ihre bloße Haut marschieren – doch das war nur die Vorstufe des Taubheitsgefühls, welches bereits in ihren Zehenspitzen einsetzte. Denn Lova war von der Hüfte abwärts von dem blanken Schädel eines Drachens begraben. Spitze Zähne, noch immer drohend gefletscht, hoben sich gelblich von den bloßliegenden, weißen Knochen ab. Zwei leere Augenhöhlen starrten auf sie herab, und die ledrigen Hautfetzen zweier Flügel waren die einzigen Hinweise auf die Tatsache, dass es sich bei dem Skelett einst um einen Drachen gehandelt hatte. Stattdessen erinnerte es vielmehr an eine Schlange, mit einer schier unendlichen Wirbelsäule und ohne Beine oder Klauen.
Bedauerlicherweise änderte dieser Umstand nichts an dem Gewicht, mit dem der Unterkiefer des Wesens Lovas Beine gegen den Steinboden presste.
Möglicherweise hätte sie den Drachenschädel sogar von sich schieben können, wenn sie es versucht hätte. Doch Lova konnte nicht einmal daran denken. Ein dumpfer, pulsierender Schmerz tobte hinter ihrer Stirn, ihr Hinterkopf ruhte in einer feuchten, warmen Lache. Der Schwindel und die schwarzen Flecken vor ihren Augen mussten von der Platzwunde kommen.
Auch das Atmen fiel Lova schwer, jedes Luftholen hatte ein Pfeifen zur Folge. Als sie vorhin prüfend ihr Gesicht betastet hatte, hatten sich ganze Brocken getrockneten Blutes von ihrer Nase gelöst. Selbst auf ihren Lippen lag ein Film aus Blut und Schweiß.
Vielleicht würde sie so sterben – in einer Lache ihres eigenen Blutes, den Blick gen Himmel gerichtet und unfähig, sich zu bewegen. Es wäre ein würdeloser Tod, aber doch wenigstens ein friedlicher. Aber das war wohl doch mehr, als Lova sich erhoffen konnte.
Schnelle Schritte brachten den Steinboden zum Vibrieren, noch bevor das Taubheitsgefühl endgültig in ihre Beine zog.
Es waren die schnellen, donnernden Schritte eines Mannes, der den wutverzerrten Blick stur auf sein Ziel gerichtet hatte. Lova kannte das Geräusch gut – zu gut. Noch nie in ihrem Leben hatte es etwas Positives bedeutet.
Stöhnend drehte sie den Kopf, obwohl die Welt vor ihren Augen in schwarze Flecken und ein weißes, surrendes Flimmern zerfiel. Die Wände der Arena schienen sich zu drehen, und obwohl Lova den kalten Steinboden in ihrem Rücken spüren konnte, glaubte sie zu fallen.
„Louvisa von Vernell." Die Stimme des Mannes klingelte in ihren Ohren, dunkel vor Wut und schmerzhaft vertraut. „Ich hätte nicht gedacht, dass du es ein zweites Mal wagst, dich blicken zu lassen."
Ein Paar glänzender, schwarzer Stiefel kam unmittelbar vor ihrem Gesicht zum Stehen. Auf den Sohlen schimmerte feuchte Flecken in verräterischem Rot.
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Forget-me-nots
FanfictionEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
