Kapitel 70 - Louvisa

79 4 2
                                        

Frohe Weihnachten euch! Verzeiht die kleine Verspätung - Vorweihnachtsstress. Aber ich hoffe, das Kapitel kann es wiedergutmachen ^^

_________________________________________________________________


Der stechende Geruch nach Frost lag in der Luft, eisiger Wind schnitt durch die Zeltwände und vor dem Eingang knirschte Schnee unter schweren Stiefeln. Eine neue Jahreszeit war eingetroffen und hatte gemeinsam mit klirrender Kälte und typisch nordischem Wintersturm den Herbst abgelöst.

Durch den flatternden Vorhang drang blasses Tageslicht, als Lova die Augen öffnete. Der lange Schlaf (eine Beschönigung für ihre Bewusstlosigkeit) verklebte ihre Lider und ließ sie mit dumpfen, pochenden Schmerzen zurück. Die Erinnerung an das Labyrinth aus Narben auf ihrem Rücken kam zurück, noch bevor Lova überhaupt wusste, wo sie sich befand. In ihrem Ohr, welches sich gegen weiche, saubere Laken presste, konnte sie ihren eigenen Herzschlag hören.

Blinzelnd und mit tränenden Augen gewöhnte sie sich langsam wieder an das Licht. Nach einer schieren Ewigkeit in traumloser Schwärze fiel ihr nicht nur die Orientierung schwer – all die hellen Farbtöne brannten sich in ihre Netzhaut ein und verursachten bohrende Kopfschmerzen.

Da waren die weißen Bettlaken, das flackernde Kerzenlicht, der Teppich aus weißer Schafwolle und... das Gesicht eines schlafenden Mannes.

Brandnarben zogen sich in wirren Mustern über seine linke Gesichtshälfte, auf seiner rechten Seite zeichnete sich der hellblaue Überrest eines alten Blutergusses ab. Eine dünne Linie, umgeben von Schorf, zog sich von seinem Hals bis hinauf zu seinem unbeschadeten Auge und zeigte deutlich, wo eine weitere Verletzung verlief. Doch aus ihr würde keine Narbe werden, anders als aus den tiefen Schnitten und zerfransten Wunden, die Fuchsgesicht auf ihrem Rücken hinterlassen hatte.

Viggo blieb um eine weitere, unfreiwillige Zierde verschont – er trug bereits mehr als genug von ihnen. Aber andere Spuren zeigten sich weniger gnädig; dunkle Ringe standen unter seinen Augen, seine Haut hatte Farbe verloren und Strähnen schwarzen Haares fielen ihm wirr in die Stirn.

Lova hatte vorher nicht darauf geachtet, doch Viggo hatte alle Hinweise auf seine alte Identität, die nicht in seine Haut geprägt waren, verloren. Sein Haar war länger, der kurze, beinahe strenge Schnitt fehlte schon seit einer ganzen Weile. Selbst seine Kleidung hatte sich verändert – er trug ein einfaches, schwarzes Leinenhemd, darüber eine Tunika aus gefärbtem Leder.

Die Veränderung... stand ihm. Auch, wenn er ohne die Sorgenfalte, die sich tief in seine Stirn gegraben hatte, sicher um Jahre jünger wirken würde.

Doch wie lange war sie bewusstlos gewesen? Viggos Verletzungen waren beinahe verheilt und der Winter war eingebrochen, seit Illian sie auf dem Kliff hatte foltern lassen, ihre Kehle war längst nicht mehr wund vom Schreien. Die Wunden auf ihrem Rücken schmerzten noch immer, doch darüber lag eine Blutkruste, an deren Rändern sich bereits neue Haut bildete. Es juckte fürchterlich, sodass Lova fast dankbar dafür war, dass jede Bewegung ihren winzigen Kraftvorrat anzapfte.

Sie versuchte gar nicht erst, sich aufzurichten. Ihre Energie war begrenzt, und die Schmerzen in ihrem Rücken würden es ihr ohnehin nicht erlauben, sich umzudrehen. Selbst den Kopf zu heben, erschien ihr viel zu schwer.

„Viggo?"

Ihre Stimme klang kraftlos und heiser, die beiden Silben stolperten über ihre rissigen Lippen. Doch ein kleiner Teil von ihr, tief verankert in ihrem Unterbewusstsein, fand Trost im Klang seines Namens und Halt in der Vorstellung, mit ihm sprechen zu können.

„Kannst du mich hören?"

„Nicht." Der Umriss eines Mannes erschien hinter dem Vorhang, der die beiden Bereiche des Zeltes voneinander trennte. Er schüttelte den Kopf, als er eintrat, den Zeigefinger einer blutverschmierten Hand schwebte vor seinen Lippen. „Lass ihn schlafen." Kastanienbraunes Haar fiel in verschwitzten Locken über seine Stirn, obwohl er die kalte Winterluft in das Zelt brachte. In seinen hellgrünen Augen schimmerte ein Hauch des Sommers. „Er hat sich tagelang geweigert, dich auch nur für ein paar Minuten aus dem Blick zu verlieren." In seinen Schritten fehlte der leichte Schwung, den Lova bei einem Mann seines Alters erwartet hätte. Stattdessen haftete ihm die Ernsthaftigkeit eines Weisen an, vermischt mit der ruhigen Bestimmtheit eines Gelehrten oder eines Beraters. Lova mochte seinen Namen nicht kennen, doch dieser Mann war ohne Zweifel ein Heiler.

Forget-me-notsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt