Kapitel 78 - Louvisa

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                                                                                 15 Monate später


Ein kleiner Drachenschwarm wuselte um ihre Füße, während Lova sich ihren Weg durch die menschenleeren Tische in der Speisehalle bahnte. Wacklig balancierte sie einen Stapel frisch-geschnittener Brotscheiben auf einem Teller, von dem hellgelber Honig lief und ihren Arm herabrann. Wann immer ein einziger Tropfen auf dem Dielenboden landete, überschlug sich die Chaostruppe unter ihr vor Aufregung, um eine Kostprobe des süßen Goldes zu ergattern.

„Ihr beschert mir graue Haare", murmelte Lova, als sie die jüngste und kleinste der Skrillbabys von ihrem Hosenbein schüttelte. „Und eine Rechnung bei Lillian, die ich unmöglich bezahlen kann." Der Schneiderin ging langsam der Stoff aus, um die Schäden abzudecken, die von den Kiefern dreier Minidrachen verursacht wurden. Seit ihnen Zähne gewachsen waren, fürchtete Lova nicht nur um ihre eigene Sicherheit, sondern vor allem um ihren Kleiderschrank.

„Hast du nicht schon graue Haare?" Elin, die als Einzige noch am Tisch saß und Rührei in sich hinein schaufelte, winkte ihr zur Begrüßung zu. Das goldblonde Haar stand wirr von ihrem Kopf ab. Das lag nicht nur daran, dass sie gerade erst aufgestanden war, sondern auch, weil sich ein winziger Klingenpeitschling darin niedergelassen hatte. Das Drachenbaby war noch so klein, dass es bisher weder die Augen geöffnet, noch von seinem Flügelmädchen abgelassen hatte.

Elin hatte den Nachwuchs ihres letzten Klingenpeitschlings liebevoll auf Lyall getauft – ganz nach der Mutter des Kleinen, Ylvi, deren Name ebenfalls „Wölfin" bedeutete.

„Bei deinen freundlichen Begrüßungen würde es mich nicht wundern", sagte Lova, ehe sie sich gegenüber ihrer Freundin fallenließ. Die Chaostruppe folgte ihr, um die Krümel auf den Dielen in Brand zu setzen oder sich gegenseitig um die Tischbeine zu jagen. „Darf ich dich daran erinnern, dass du gerade einmal fünf Jahre jünger bist als ich, Schätzchen?"

„Pass auf", erwiderte Elin und stahl sich eine Brotscheibe von Lovas Teller. Honig tropfte auf die Tischplatte, doch sie wischte die Flecken eilig mit der Fingerspitze davon. „Mittlerweile steht eine Drei vor deinem Alter, als geh es lieber langsam an."

„Dann habe ich die falschen Drachen adoptiert", konterte Lova mit vollem Mund. Der Honig schmeckte himmlisch süß auf ihrer Zunge – es war das erste Glas dieses Jahres nach einem langen, erbarmungslosen Winter. Doch wie eh und je folgte der Frühling auf die eisige Kälte, und die Luft trug den Duft von Blütenpollen und neuen Möglichkeiten mit sich. „Ich werde mehr als zwei Jahre altern bei dem Versuch, sie lebendig durch ihre ersten Flugversuche zu bringen."

Wie zum Beweis kletterte die kleinste der Drei erneut ihr Hosenbein herauf, doch diesmal war Lova nicht schnell genug, um sie abzuschütteln. Die Krallen auf den Flügel des Skrills verhakten sich in ihren ledernen Schulterplatten, und der Drache leckte ihr mit großer Begeisterung die Honigreste vom Kinn. Lova tippte ihr gegen die klebrige Schnauze. „Jemand sollte dir Manieren beibringen."

„Geduld und Nerven", sagte Elin grinsend. „Beides wirst du brauchen." Sie beugte sich über den Tisch und schnappte sich den zweiten Skrill, der seiner Schwester bei ihrer Klettertour auf Lovas Rücken gefolgt war. Der kleine, dunkelblaue Drache protestierte unter lautem Krächzen, bis er sich in den metallenen Rüstungsplatten von Elins Rock verbiss und Sabberflecken auf ihrer Hose hinterließ. „Ich habe beinahe den Verstand verloren, als ich zum ersten Mal einen dieser kleinen, feuerspeienden Monster aufnehmen musste."

„Liebevoll", kommentierte Lova trocken und schob sich eilig die nächste Brotscheibe in den Mund, bevor der Skrill ihr zuvorkommen konnte. „Aber es kann nicht viel schwerer sein, als einen Menschen aufzuziehen – und wenn Nella überlebt hat, werden die Kleinen das auch."

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