Diese Woche mal ein wenig verfrüht - ich hoffe, ihr seid mir nicht böse, aber morgen hätte ich es wahrscheinlich sowieso wieder nicht geschafft xD
Diesmal ist es auch nur ein kleines Kapitel, dafür mit einer größeren Überraschung.
Viel Spaß beim Lesen!
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Im Hauptquartier der Flügelmädchen empfingen sie die Wärme des Kamins und der köstliche Duft würziger Speisen. Stimmengewirr drang aus der Hütte über den Baumwipfeln, das fröhliche Gelächter der Frauen verfing sich zwischen den Zweigen. Klingenpeitschlinge wuselten unter den Tischen hindurch, jagten den stacheligen Schwänzen ihrer Geschwister hinterher oder bissen einander mit zahnlosen Kiefern in die Schnauzen. Auf den silbernen Rüstungen, die neben der Tür an der Wand hingen, tanzte der orangerote Schein des Kaminfeuers.
Eine Woge aus Schmerz und Freude schwappte über Elin hinweg, als sie sich nach vorn lehnte und durch den Türspalt spähte. Der Schnee, der in ihrem Haar hängengeblieben war, schmolz angesichts der Wärme, die aus dem Speisesaal strömte. Tropfen für Tropfen landete auf den Dielen, während Elin das unbeschwerte Miteinander ihrer Schwestern beobachtete.
Da war Minden, die an ihrem Stammplatz am rechten Ende der Tafel saß und Pilzstücke aus ihrer Suppenschüssel pickte. Wie von selbst fanden die Pilze ihren Weg in Lillians Mund, die neben ihrer Freundin saß und ihren Teller bereits geleert hatte. Zu ihren Füßen suchte ihr Klingenpeitschling mit wedelndem Schwanz nach Brotkrumen. Am vorderen Ende des Tisches saßen Nella und Yennifer, die unter Manjas wachsamen Blick Karten spielten – denn Yennifer war dafür bekannt, dass sie zum Schummeln neigte. Und am Kopf des Tisches... dort saß Atali.
Die Anführerin der Flügelmädchen war sichtlich gealtert, seit Elin sie zuletzt gesehen hatte. Die ersten, grauen Strähnen zogen sich durch ihr rotbraunes Haar, und zwischen ihre Brauen hatte sie eine tiefe Sorgenfalte gegraben. Auch ihre Haltung, wenngleich auch noch immer voller Würde und Anmut, hatte an Kraft verloren. Die Verantwortung, die sie trug, hatten ihre Schultern gebeugt.
Dennoch war Atali von besonderer Schönheit, weil das Licht der Flammen ihre Züge weicher zeichnete und ihre grünen Augen so liebevoll wie wachsam auf ihren Flügelmädchen lagen.
Es war nicht lange her, da hatte sich auch Elin unter diesem Blick befunden, während sie fröhlich mit ihren Schwestern plauderte und über die Albernheiten der Klingenpeitschlinge lachte.
Erneut spürte Elin ein schmerzhaftes Ziehen in ihrem Brustkorb, während sie die vertraute Geselligkeit ihrer Schwestern beobachtete. Sie hatte gewusst, dass sie all das vermisst hatte, doch sie hätte nie erwartet, wie sehr. Das, was sie nun vor sich sah, war die Familie, die sie verloren geglaubt hatte. Nach endlosen Monaten hatte sie ihre Familie zurück.
Elin lehnte sich nach vorn, näher an den Türspalt heran, um einen noch besseren Blick auf den Speisesaal zu haben. Das Kaminfeuer wärmte ihr Gesicht, das Lachen ihrer Schwestern klang wie ein ganzes Lied in ihren Ohren. Sie wollte nie wieder etwas anderes hören.
„Warte hier", sagte sie über die Schulter zu Louvisa. „Ich..."
Elin fluchte, als sie ihren verletzten Fuß belastete und auf der Suche nach Halt durch die halbgeöffnete Tür stolperte. Ein stechender Schmerz schoss ihr Bein hinauf, sie verlor das Gleichgewicht.
Unter lautem Klirren landeten die Rüstungen auf dem Boden, als Elin sie von den Wänden riss, doch sie schwankte noch immer.
An der Essensausgabe gewann sie schließlich ihre Balance zurück – aber erst, nachdem sie in einem Regen aus kochend heißer Suppe die Schüsseln von dem Tisch gefegt hatte.
Die Blicke sämtlicher Flügelmädchen lagen auf ihr, nicht wenige wurden so bleich, als hätten sie einen Geist gesehen. Das Lachen und Kichern, all die fröhlichen Gespräche, verstummten sofort.
„Hey." Elin winkte verlegen und wischte sich Suppentropfen von der Wange. „Da bin ich wieder."
„Elin?" Atali war die Erste, die die Sprache wiederfand. Ihre Hand lag an dem Stab, mit dem sie zu kämpfen pflegte, und einige rotbraune Strähnen hatten sich aus ihrem Flechtzopf gelöst. „Wie bist du hierhergekommen? Du bist während des Überfalls verschwunden. Wir dachten alle, dass den Angriff nicht überlebt hast."
„Ich wurde entführt", sagte Elin und musste lachen, weil es so... absurd klang. Niemand wurde von den Drachenjägern entführt und kam zurück – entweder man war stärker als sie, oder man starb. Es sei denn, man traf auf einen Drachenjäger, der entgegen aller Vorurteile tatsächlich ein Gewissen besaß. „Ich habe Monate in ihrem Lager verbracht, aber ich konnte entkommen."
Atalis Augen weiteten sich. „Entkommen?", fragte sie. „Wie?"
„Das ist eine lange Geschichte." Das Grinsen blieb an Elins Lippen kleben, bis ihre Wangen schmerzten. Es war ihr egal, wie irre sie dabei aussehen mochte Elin strich über Ylvis Schnauze, während sie sprach, weil der Klingenpeitschling das Wort „tot" nicht leiden konnte.
„Das ist einer meiner Retter", erklärte sie. „Louvisa von Vernell."
Eine weitere Suppenschlüssel landete auf dem Boden, doch diesmal war Elin nicht die Schuldige.
Es war Nella, die sich mit leichenblassem Gesicht von der Bank erhob und den tropfenden Löffel noch immer in den Händen hielt. Die Spielkarten, die sie sicherheitshalber vor Yennifers diebischen Fingern versteckt hatte, segelten von ihrem Schoss und landeten in der Pfütze zu ihren Füßen.
„Lova?" Nella fuhr sich durch die dunkelbraunen Locken, bis diese wirr von ihrem Kopf abstanden. Die Sommersprossen auf ihrer Nase kräuselten sich, als ihre Gesichtszüge entgleisten.
„Nel." Louvisas Stimme klang heiser und rau, nachdem sie auf dem gesamten Weg zur Haupthütte kein einziges Wort verloren hatte. Dennoch hatte ihre Stimme denselben Klang wie die des brünetten Flügelmädchens – um nicht zu sagen, denselben Dialekt. Jenen Dialekt, den Elin bereits erkannte hatte, als sie Louvisa zum ersten Mal sprechen gehört hatte.
Und als Elin zu ihrer Begleitung herumfuhr, war dies nicht die einzige Auffälligkeit, die sie zwar bemerkt, aber niemals hatte zuordnen können.
Louvisa und Nella teilten nicht nur denselben Dialekt, sondern auch dieselben, dunkelbraunen Locken und dasselbe, wirre Muster von Sommersprossen auf ihren Nasenspitzen. Auch ihr Hautton war ein- und derselbe; eine Mischung aus der Sonnenbräune eines Seefahrers und der nordischen Blässe, die viele Wikinger gemein hatten.
Bis auf ihre Augen, die bei Louvisa in stürmischen Grau und bei Nella in warmen Braun leuchteten, sahen sie sich so ähnlich, dass sie Zwillinge sein könnten.
„Was soll das werden?" Auch Atali erhob sich nun von ihrem Platz am Kopfende, obwohl ihren Bewegungen die jugendliche Anmut fehlte. Sie zog das rechte Bein ein wenig nach, als sie ihren Stuhl zurückschob und Nella mit ihrer alten Autorität auffordernd ansah. „Erkläre dich", ordnete Atali an. „Kennst du diese Frau?"
Nella senkte den Kopf, als sie sich der ungeteilten Aufmerksamkeit aller Flügelmädchen bewusst wurde. Doch Elin konnte sehen, dass sie unter ihren dunklen Locken zu Louvisa schielte, die wie erstarrt im Türrahmen stand.
„Ich kenne diese Frau", sagte Nella, mit einer Stimme, die fast wie Louvisas klang. Die Ähnlichkeit zwischen ihnen war verblüffend. „Denn sie ist meine Schwester."
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Forget-me-nots
FanficEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
