In der Luft lag ein leiser Nieselregen; wispernd vor Verheißung. Das goldene Sonnenlicht war verschwunden, während sie sich ihren Weg durch das Dorf der Flügelmädchen gebahnt hatten, und auch das Blau des Himmels hatte den dunklen Wolkentürmen weichen müssen.
Die Welt teilte sich in das satte Grün des Waldes und das tiefe Grau des drohenden Sturms. Man könnte die Sekunden zählen, bis die Katastrophe losbrechen und der Wind die Blätter von den Bäumen reißen würde.
Viggo hatte eine unerklärliche Vorliebe für Gewitter – oder vielmehr für die Fassade, mit welcher sich der Himmel während eines solchen Gewitters präsentierte.
Das Farbenspiel aus mattem Silber, verstohlenen Fetzen Blau und so tiefem Grau, dass es am Horizont beinahe violett erschien, vermochte es auch nach all den Jahren, seinen Blick gefangen zu nehmen. Er hatte Stunden damit verbringen können, durch einen Spalt in seinem Zelt das Gewitter zu beobachten und stille Geschäftigkeit vorzutäuschen – zumindest damals, als er noch ein Drachenjäger gewesen war. Heutzutage fehlte ihm für solches Verhalten die Zeit.
Auf den nassen Dielen fanden seine Stiefel nur schwerlich Halt. Wasser spritzte in die Höhe, wann immer er mit seinem unverletzten Bein besonders schwungvoll auftrat, um die Schwäche auf seiner anderen Seite auszugleichen. Humpelnd und fluchend vor Lova zu erscheinen, wäre äußerst entwürdigend und würde dem Anlass keineswegs gerecht werden.
Hoffentlich würde das Adrenalin, das Viggo mit jedem Schritt durch sein Blut fließen spürte, genügen, um ihn die Schmerzen vergessen zu lassen.
Lediglich für einen Augenblick, nur lang genug, um seine Frau zu begrüßen.
Atalis schwingender Zopf kam abrupt zum Halt, als sie vor ihm zum Stehen kam. Der Regen floss in glänzenden Rinnsalen über ihre silberne Rüstung.
„Nun...", sagte sie mit einem Räuspern, ehe sie einen Schritt zurücktrat, um ihm den Vortritt zu gewähren. „Ich werde hier warten, solange du..." Atali nickte vage auf die andere Seite jener Brücke, vor der sie gerade angehalten hatte. „... beschäftigt bist."
„Vielen Dank für dein Vertrauen", kommentierte Viggo trocken, als er prüfend den ersten Fuß auf die Planken setzte. Sie waren nass und glitschig vom Regen, wie es wohl zu erwarten gewesen war.
„Vertrauen?" Atali schüttelte den Kopf, und eine hellgraue Strähne löste sich aus ihrem Zopf. Jung, wie sie war, konnte ein hohes Alter kaum der Auslöser sein. „Nein."
Widerwillige Anerkennung bewog Viggo zu einem knappen Nicken. „Deine Flügelmädchen erwarten mich bereits auf der anderen Seite, nehme ich an?", fragte er.
Atalis Miene verhärtete sich. „Ich lasse keinen Mann unbeaufsichtigt auf meine Insel."
„Natürlich, natürlich." Viggo setzte den zweiten Fuß auf die Brücke und unterdrückte einen Fluch, als der stechende Schmerz durch sein Bein schoss. Der Regen, der den Stoff seiner Hose durchnässte, spülte rotbraunes Wasser davon.
„Deine Ansichten sind ohne Zweifel überaus nobel", sagte er, um sich abzulenken. Reden hatte ihm immer geholfen, und der Klang seiner eigenen Stimme gefiel ihm ohnehin am Besten. „Aber sind sie wirklich zeitgemäß?"
„Falls du damit andeuten möchtest, dass die Abwesenheit des männlichen Geschlechtes über einen längeren Zeitraum ermüdend ist..." Atali ließ eine lange, ausgedehnte Pause, die ihre Meinung überaus deutlich machte. „... dann erliegst du einem Irrtum."
„Du solltest wissen, meine liebe Atali, dass ich mich niemals irre", gab Viggo zurück, während er weiter über die nassen Planken balancierte. Das Scharren von Tarans Krallen, die ihm folgten, trugen kaum zu seiner Beruhigung bei – und auch ein Blick über das Geländer war wenig hilfreich. Einen Sturz aus rund zwanzig Meter Höhe würde er wohl kaum überleben, und bis Taran sich zu seiner Rettung bequemte, hätte er sich beim Aufprall das Genick gebrochen.
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Forget-me-nots
Fiksi PenggemarEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
