Sie flogen in angespanntem Schweigen.
Der Nordwind wirbelte Lovas Haar auf, Frost funkelte in hellem Silber auf Varias Flügeln, doch nichts war so allumfassend und kalt wie der eisige Klammergriff, mit dem die Trauer ihr Herz gepackt hielt. Die Luft war kühl und winterlich frisch, doch Lova glaubte, zu ersticken.
Die Schneeflocken, die gegen ihre Wangen peitschten, hinterließen ein schmerzhaftes Brennen – ganz wie das Feuer, indem sie Kiran zurückgelassen hatte.
Ein zweites Mal musste Louvisa zusehen, wie eine ganze Welt in Flammen aufging.
„Glaubt ihr, es ist vorbei?", fragte Elin, die sich im Windschatten von Varias schneeweißen Flügeln hielt. Ihr Klingenpeitschling, Ylvi, gähnte träge blinzelnd, ihr Kopf ruhte auf der Schulter des Flügelmädchens. Dem Flattern des kleinen Drachens fehlte die Kraft. „Denkt ihr, Illian ist tot?"
Elin stellte diese entscheidende Frage nicht zum ersten Mal, doch wie bei all ihren anderen Versuchen erhielt sie keine Antwort. Denn Viggo schwieg eisern, seit sie Tyrs Klippen verlassen hatten, und Lova hatte bisher kein Wort hervorgebracht. Allerdings hatte sie es auch nicht versucht.
Ein raues Krächzen stolperte über ihre Lippen, als sie sich zu räuspern versuchte.
„Ich..." Das Sprechen fühlte sich falsch an, als wäre ihre Kehle aufgerissen und blutig. Ein metallischer Geschmack hing an ihrem Gaumen und blieb daran kleben, völlig gleich, wie oft sie ihn herunterzuschlucken versuchte. „Ich weiß es nicht."
„Er kann unmöglich überlebt haben." Kopfschüttelnd beantwortete Elin ihre eigene Frage. Auf ihren Wangen, hellrot von der Kälte, schimmerten die salzverkrusteten Spuren getrockneter Tränen. „In dem Feuer wäre jeder umgekommen. Alles... alles hat gebrannt."
Eine eisige Woge wirbelte Lovas Haar auf, als Viggo seinen Drachen zu ihnen lenkte und Tarans Flügel die Luft durchschnitten. Blitze zuckten über seine Schnauze, geschmolzener Schnee rann in kleinen Bächen über seine dunklen Schuppen.
„Die Drachen haben nur die Höhlengänge in Brand gesetzt." Neben Elins hektischer Verzweiflung und Lovas schmerzhafter Sprachlosigkeit klang Viggos Stimme so ruhig und gefasst wie eh und je. Einzig ein Hauch von Heiserkeit schlich sich hinein, die auch von der winterlichen Kälte stammen könnte. „Wir wissen nicht, wo Illian sich aufgehalten hat. Es kann sein, dass er verbrannt ist, aber es ist weitaus wahrscheinlicher, dass er noch lebt."
Elin entkam ein Wimmern, welches nicht zu dem vorlauten Flügelmädchen passen wollte. Ihre Schultern bebten verräterisch, und Ylvi schmiegte sich mit leisem, tröstendem Gurren an die junge Frau. Zwischen Elins goldblondem Haar schimmerten ihre Schuppen wie der Silberstreif am Horizont. „Dann war alles umsonst?", fragte sie. „Kiran ist zurückgeblieben, um uns zu retten, und am Ende hat es nichts gebracht?"
„Das würde ich so nicht sagen", gab Viggo zurück, völlig unbeeinflusst von ihrer Aufregung. Angesichts seiner Stimme lösten sich die eisernen Klammern um Lovas Herz, und auch für Elin wirkte Viggo wie ein Ruhepol. Er war der Einzige von ihnen, der die Beherrschung wahrte.
„Immerhin sind wir noch am Leben – wir können nicht wissen, ob uns ohne Kirans Ablenkung die Flucht gelungen wäre."
„Ich hätte es aber gern versucht", murmelte Elin, während Ylvi aufgeregt an ihrem Haar zu zupfen begann. Zwischen den dichten, grauen Wolkenfetzen blitzte ein Hauch von Dunkelgrün auf, umgeben von dem stürmischen Blau des Meeres. Elin und Viggo bemerkten es nicht, weil sie in ihr Gespräch vertieft waren, doch Lova starrte ohnehin mehr in Richtung des Bodens als geradeaus.
Für sie fühlte sich das Fliegen gleichzeitig fremd und vertraut an – wie eine Fähigkeit, die sie als Kind erworben und seitdem nicht mehr trainiert hatte. Doch zu ihrem Glück hatte Lova die Höhe schon immer geliebt, und Varia flog ihrem Alter entsprechend ruhig.
DU LIEST GERADE
Forget-me-nots
FanficEinige Monate sind vergangen, seit Viggo und Lova auf der Insel der Beschützer Zuflucht gefunden haben. Doch nicht nur das Misstrauen von Königin Mala zerren an den Nerven der Beiden, sondern auch alte Feinde und Erinnerungen, die sie lieber begrabe...
