Kapitel 87 (1) - Viggo

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Er zog den Dolch von seinem Gürtel, setzte die silberne Spitze an und zerschnitt den Briefumschlag mit einem einzigen, beiläufigen Schwung seiner Hand. Das leise Reißen des Pergaments durchschnitt die Stille, kleine Papierfetzen rieselten herab und versahen Tarans Schnauze mit weißen Sprenkeln. Wie immer lag der Drache zu Viggos Füßen, die gelben Augen leicht geöffnet, während Rauch bei jedem Atemzug aus seinen Nasenlöchern quoll. Sein Schwanz, mit schwarzen Stacheln und dunklen Schuppen gespickt, hatte sich um Viggos Stiefel geschlungen.

„Man sollte doch meinen, dass der gefürchtete Skrill sich nicht dazu herablassen würde, von einem Drachenjäger bemuttert zu werden", kommentierte Viggo, während er die Papierfetzen von Tarans Schnauze fegte. Der Drache grollte zufrieden, als er sich dieser Sonderbehandlung bewusst wurde. „Früher hätte ich mir deinen Kopf als Trophäe an die Wand gehangen, du unerträgliches Biest."

Taran streckte sich genüsslich und drehte sich auf den Rücken, damit Viggo ihn stattdessen unter dem Kinn streicheln konnte – seine Lieblingsstelle. Es verstand sich von selbst, dass Viggo kopfschüttelnd die Hand zurückzog, um sich stattdessen dem Brief zu widmen.

„Vergiss es!", sagte er. „Ich bin immer noch nicht Louvisa."

Lova hätte weitaus mehr Geduld als er – zumindest, wenn es um Drachen ging. Sie hatte die Gegenwart der drei kleinen Skrilljungen etwa ein halbes Jahr länger ertragen als Viggo, denn er hatte die Plagegeister bereits in das Nebenzimmer gesperrt, nachdem sie ihm den ersten Stromschlag verpasst hatten. Sie waren ein wenig zu begeistert gewesen, plötzlich einen Vater zu haben – oder zwei, wenn er ihren liebevoll-schmerzhaften Zuneigungsbekundigungen glauben konnte. Viggos Ohr schmerzte noch immer, seit die größte der Drei ihn zur Begrüßung gebissen hatte. Ab welchem Alter konnte man eigentlich beginnen, einem Kind Manieren beizubringen?

Wenigstens die Mutter der Monster verhielt sich anständig, dachte Viggo, während er den Brief auffaltete. Wenn auch ein wenig frostig.

Das Skrillweibchen hatte sich mit einigem Abstand zu Taran zusammengerollt. Gelegentlich zuckten Blitze über ihre dunkelblaue Schnauze und ihre Schwanzspitze klopfte ungehalten auf den Dielenboden, doch sie hatte irgendwann aufgehört, ihn mit ihren Blicken durchbohren zu wollen. Und seit Elin an ihrem Rücken gelehnt eingeschlafen war, hatte sie sich nicht mehr bewegt.

Elin nahm ihren Auftrag als seine Bewacherin nicht wirklich ernst. Der Fairness wegen musste Viggo zwar anmerken, dass er ihr nichts von Lovas Bitte erzählt hatte, doch Atali war mehr als eindeutig gewesen – wenn sich schon ein Mann auf ihrer Insel aufhalten musste, sei es auch noch vorübergehend, so sollte dieser keinen Fuß in das Tageslicht setzen.

Man könnte meinen, die Hüttenwände sollten einen Skandal verhindern. Oder aber, was weitaus wahrscheinlicher war; einen Mord. Mehr als ein Flügelmädchen hätte ihm mit großem Vergnügen einen Dolch in die Kehle gestoßen.

Diese Frauen waren nicht für ihre Vergebung bekannt, dachte Viggo, ehe er sich endlich dem Brief widmete. Aber da kannte er einige weitere.

Selbst unter seinen Fingern fühlte sich das Pergament weich und edel an – teurer, als man es von gewöhnlichen Inselbewohnern erwarten dürfte. Auch die Tinte, pechschwarz und zu ordentlichen Runen geschwungen, zeugte von einem gewissen gesellschaftlichen Stand. Wäre Viggo noch im Besitz seines Ansehens, hätte er genau solche Briefe verschickt.

Auch die Formulierung sprach ihn an: „Hochverehrte Louvisa", das war eine angemessene Art, um einen Brief zu beginnen. Dabei hatte Viggo bereits angefangen zu glauben, das allgemeine Verständnis für Anstand wäre der Menschheit abhandengekommen.

Ein wenig ironisch mutete es wohl an, dass er über Anstand nachdachte, während er einen Brief las, der eigentlich für jemand anderen bestimmt war. Zu seiner Verteidigung konnte Viggo lediglich hervorbringen, dass er die Geheimnisse, die Lova vor ihm gehabt hatte, an einer Hand abzählen konnte. Der einzige weitere Rechtfertigungsgrund, der ihm blieb, war seine Neugier.

Forget-me-notsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt