„Frohe Weihnachten, Mama," sage ich leise, während ich die warme Küche betrete. Der Duft von frisch gebratenem Fleisch und würzigen Beilagen erfüllt den Raum. Meine Mutter steht am Esstisch und arrangiert mit geübten Handgriffen das Geschirr.
„Frohe Weihnachten, mein Schatz." Sie lächelt liebevoll und drückt mir einen Kuss auf die Wange.
Für einen Moment schließe ich die Augen und lasse mich in die Geborgenheit dieses Augenblicks fallen. So fühlt sich Zuhause an.
„Kannst du einmal nach dem Essen schauen, Liebes? Deine Großeltern müssten jeden Moment kommen," fragt sie fröhlich, während sie eine Kerze auf den Tisch stellt.
„Klar, mach ich." Ich werfe einen kurzen Blick in den Ofen, aber alles sieht gut aus. Es gibt nichts zu tun.
Dann höre ich ihre Stimme wieder – diesmal vorsichtig, fast zögernd. „Sag mal, mein Schatz... wann kommt Jonas eigentlich?"
Ich versteife mich. Gestern Abend hatte ich ihr nur gesagt, dass er es nicht schaffen würde, ohne eine wirkliche Erklärung zu geben.
Ich atme tief durch. „Gar nicht," entgegne ich knapp.
Ihre Hände halten für einen Moment inne, dann seufzt sie leise. „Och, das ist ja schade." Sie räumt einen bereits gedeckten Platz wieder ab.
Schade? Ich presse die Lippen aufeinander. Wenn du wüsstest, Mama.
Bevor sie etwas erwidern kann, klingelt es an der Tür. Ich bin dankbar für die Ablenkung.
Mit einem warmen Lächeln öffne ich die Tür und begrüße meine Großeltern. Mein Opa – der Vater meiner Mutter – kommt wie jedes Jahr gemeinsam mit den Eltern meines Vaters, der vor drei Jahren gestorben ist.
„Frohe Weihnachten!" rufe ich und drücke sie fest an mich.
Die Umarmungen sind herzlich, vertraut. Sie bringen ein Stück Kindheit zurück. Ein Stück Unschuld, bevor das Leben kompliziert wurde.
Im Esszimmer helfe ich meiner Mutter, das Essen zu servieren. Der Tisch ist wunderschön gedeckt – rote Servietten, funkelnde Gläser, Kerzenlicht.
„Na dann, lasst es uns schmecken!" lacht mein Opa herzhaft. Seine gute Laune ist ansteckend, und für einen Moment vergesse ich alles.
Doch das hält nicht lange an.
„Olivia, Liebes, wie laufen denn die Hochzeitsvorbereitungen?" fragt meine Oma plötzlich und mustert mich mit einem freundlichen Lächeln.
Mein Herz setzt einen Schlag aus.
„Apropos Hochzeit..." mischt sich mein Opa ein. „Wo ist Jonas eigentlich?"
Ich lege das Besteck zur Seite. Plötzlich schmeckt das Essen fad. Meine Kehle fühlt sich trocken an, und ich zwinge mich, das Stück Fleisch in meinem Mund hinunterzuschlucken.
Jetzt oder nie.
„Es wird keine Hochzeit geben," murmle ich schließlich und starre auf meinen Teller.
Stille.
„Wie bitte?" Meine Oma klingt sanft, aber besorgt.
Ich schlucke schwer. „Ich habe mich von ihm getrennt. Er... er hat mich betrogen." Meine Stimme bricht fast am Ende des Satzes.
Meine Mutter schnappt hörbar nach Luft.
„Oh, mein Schatz..." Meine Oma streckt die Hand aus und legt sie tröstend auf meine.
Mein Opa schüttelt wütend den Kopf. „Dieser verdammte Kerl..." murmelt er.
„Wie lange ist das schon her?" fragt meine Oma behutsam.
„Drei Wochen," sage ich leise. „Ich habe mir eine eigene Wohnung in Dortmund gesucht."
Ein zustimmendes Nicken, dann wechselt das Gespräch vorsichtig das Thema. Sie spüren, dass ich nicht weiter darüber reden will – und dafür bin ich unendlich dankbar.
Nach dem Essen verlagern wir uns ins Wohnzimmer. Der Weihnachtsbaum leuchtet in warmem Gold und Silber, und ich lehne mich in die Couch zurück, während mein Opa neugierig fragt:
„Und wie läuft's auf der Arbeit?"
Ich nicke und lächle. „Sehr gut. Es macht wirklich Spaß."
„Das freut mich! Was steht als Nächstes an?"
Ich zucke mit den Schultern. „Normales Training für die Jungs. Einer von ihnen hat sogar die Chance bekommen, mit ins Trainingslager der ersten Mannschaft zu fahren."
„Wow, das ist ja großartig!" ruft meine Oma begeistert.
„Ja... na ja... leider kann er nicht mitfahren. Es müsste ein Betreuer mit, aber alle haben Familie und Kinder."
Mein Opa hebt eine Augenbraue. „Und was ist mit dir?"
Ich blinzele überrascht. „Was?"
„Na ja, könntest du nicht mitfahren?"
„Opa, bitte." Ich schüttele entschieden den Kopf. „Ich kann doch nicht einfach zwei Wochen nach Marbella fliegen."
„Warum denn nicht?" mischt sich nun meine Mutter ein. „Vielleicht würde dir das sogar guttun. Mal rauskommen. Ablenkung. Sonne statt grauer Himmel."
Alle am Tisch stimmen ihr sofort zu.
Ich hingegen bin skeptisch. In weniger als einer Stunde müsste ich Frank Bescheid geben. Aber kann ich das wirklich tun?
Seufzend sitze ich in meinem Zimmer und starre auf mein Handy.
Marbella. Sonne. Tapetenwechsel.
Vielleicht hat meine Mutter recht. Vielleicht würde es mir helfen, den Kopf freizubekommen. Und wenn ich ehrlich bin – es gibt keinen wirklichen Grund, nicht zu fahren. Ich wäre sowieso den ganzen Tag mit Jamie unterwegs. Viel Zeit zum Grübeln bliebe mir gar nicht.
Ohne weiter nachzudenken, tippe ich eine Nachricht an Frank.
Plane mich für Marbella ein. Jamie hat die Chance verdient.
Es dauert nur Sekunden, bis er antwortet.
Danke, dass du dich dafür zur Verfügung stellst! Soll ich Jamie informieren oder willst du das machen?
Ich überlege kurz. Ich mach das.
Ich wechsle auf das Betreuerhandy und suche Jamie's Nummer. Dann tippe ich:
Pack genügend Sachen ein. Wir fliegen nach Marbella ins Trainingslager! Frohe Weihnachten. ~ Olivia
Die Antwort kommt schneller, als ich erwartet habe.
DU BIST DIE BESTE! DANKE, DANKE, DANKE!
Ich stelle mir vor, wie er jubelnd am Tisch sitzt und grinse.
Die restlichen Feiertage verbringe ich mit meiner Familie. Ich gehe mit meiner Oma shoppen – gar nicht so einfach, Sommerkleidung im Dezember zu finden. Aber ein paar Teile ergattere ich doch.
Silvester? Eigentlich wollte ich mit Freunden feiern. Doch Jonas würde dort sein. Und ich kann es nicht ertragen, ihn zu sehen.
Also fahre ich früh nach Hause.
Als das neue Jahr beginnt, schlafe ich einfach darüber hinweg.
Am Neujahrstag packe ich meinen Koffer und bringe meine Wohnung auf Vordermann. Am 2. Januar geht es los.
Und weißt du was?
Ich freue mich mittlerweile darauf.
Sonne. Arbeit. Und vielleicht – nur vielleicht – ein kleiner Neuanfang.
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When we meet again
FanfictionOlivia hat in ihrem Leben mehr Kämpfe ausgefochten, als sie zählen kann. Aufgewachsen, immer mit dem Gefühl, funktionieren zu müssen, statt wirklich zu leben. Julian, den sie wegstößt, weil sie glaubt, nicht gut genug zu sein. Julian, mit dem sie v...
