Kapitel: Alte Geschichten, neue Zweifel
Der Morgen begann ruhig. Die Sonne hing schon eine Weile über den Dächern, die Luft war kühl, aber frisch, und in der Küche roch es noch nach Kaffee. Ich hätte es genießen können. Eigentlich. Aber da war dieses leichte Ziehen in meinem Bauch, dieses unterschwellige Gefühl, dass heute einer dieser Tage werden würde, an denen ich mich am Ende frage, ob ich überhaupt dazugehöre.
Julian zog sich gerade seine Jacke über, während unser Hund ungeduldig an der Tür hin und her trippelte. „Kommst du mit?" fragte er beiläufig, als wäre das keine große Sache.
„Klar." Ich zwang mir ein Lächeln auf und griff nach meiner eigenen Jacke.
Er schob die Tür auf und ließ den Hund vorlaufen. „Vielleicht treffen wir ja jemanden von früher."
Er sagte es so locker, als wäre es ein belangloser Kommentar, aber ich merkte, dass er wirklich darüber nachdachte.
Ich schüttelte den Kopf und grinste. „Gibt es denn jemanden, den du gerne wiedersehen würdest?"
Er zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Ist einfach lange her. Mal sehen."
Wir gingen los, und während Julian mit dem Hund die Straße entlanglief, schaute ich mich um. Gepflegte Vorgärten, große Bäume, Häuser, in denen Familien lebten, die sich vermutlich seit Jahren kannten. Es war eine typische Vorstadtszene, die nicht so recht zu Julian passte – oder zumindest nicht zu dem Julian, den ich heute kannte.
„Komisch, wieder hier zu sein, oder?" fragte ich nach einer Weile.
Julian nickte. „Ja, total. Es fühlt sich an wie ein anderes Leben."
Ich wusste genau, was er meinte. Orte können Erinnerungen in einem hochholen, die man längst vergessen hatte. Ich wollte ihn fragen, ob es sich gut oder seltsam anfühlte, aber dann bog plötzlich eine Frau um die Ecke.
Blond, sportlich, ein lässiger Zopf, als hätte sie sich keine große Mühe gegeben, aber trotzdem sah sie aus, als käme sie gerade aus einem Werbespot für Jogging-Kleidung.
Sie sah Julian – und blieb abrupt stehen.
„Julian?"
Julian riss überrascht die Augen auf. „Lena?"
Bevor ich überhaupt reagieren konnte, hatte er sie schon umarmt.
Ich blieb ein paar Schritte entfernt stehen, zwang mir ein neutrales Gesicht auf.
„Was machst du denn hier?" fragte sie strahlend, als sie sich voneinander lösten.
„Bin übers Wochenende bei meinen Eltern. Wir fahren heute Abend zurück."
Lena lachte. „Wahnsinn! Hätte nicht gedacht, dass du dich nochmal hierher verirrst." Dann fiel ihr Blick auf mich.
Julian schien sich erst jetzt daran zu erinnern, dass ich da stand. „Oh, ähm... Lena, das ist Olivia. Meine Freundin."
Ich streckte die Hand aus. „Hi, schön, dich kennenzulernen."
Lena schüttelte meine Hand mit einem freundlichen Lächeln. „Ach, du bist Olivia? Von dir hab ich schon gehört."
„Echt?" Ich blinzelte überrascht.
„Ja, deine Schwiegereltern in spe haben dich mal erwähnt, als wir uns zufällig getroffen haben." Sie sah wieder zu Julian. „Verrückt, dich hier zu sehen."
Ich wusste nicht genau, was ich sagen sollte, also nickte ich einfach nur.
Julian richtete sich auf. „Hast du Lust, mit uns eine Runde zu gehen?"
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When we meet again
FanfictionOlivia hat in ihrem Leben mehr Kämpfe ausgefochten, als sie zählen kann. Aufgewachsen, immer mit dem Gefühl, funktionieren zu müssen, statt wirklich zu leben. Julian, den sie wegstößt, weil sie glaubt, nicht gut genug zu sein. Julian, mit dem sie v...
