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Als wir in meine Straße einbiegen, ist es still im Auto. Nicht mehr diese angespannte, drückende Stille von vorhin – eher eine müde, ausgebrannte Stille. Als wäre uns beiden die Energie ausgegangen, weiter zu reden, weiter zu streiten.

Julian fährt bis vor meine Haustür, verlangsamt das Tempo und hält schließlich an. Der Motor brummt leise, seine Hände bleiben am Lenkrad, als hätte er noch nicht entschieden, ob er ihn wirklich ausschalten will.

Ich löse den Gurt, greife nach meiner Tasche. Mein Körper fühlt sich schwer an. Zu müde für ein weiteres Gespräch, aber auch nicht bereit, einfach so auszusteigen.

„Ich fahr besser nach Hause", sagt er nach einer kurzen Pause. Seine Stimme ist ruhig. Vielleicht ein bisschen zu ruhig.

Ich nicke. „Okay."

Er dreht sich nicht zu mir. Starrt durch die Windschutzscheibe, als wäre dort draußen irgendwas, das all das hier für ihn einfacher macht. Dann sagt er, ohne mich anzusehen: „Vielleicht brauchen wir beide einfach mal kurz Abstand."

Ich weiß, dass er es nicht sagt, um mich zu verletzen. Ich weiß, dass er es wahrscheinlich wirklich so meint. Aber es fühlt sich trotzdem an, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.

„Ja", sage ich leise.

Ich öffne die Tür, steige aus. Die Luft draußen ist kalt und feucht, sie riecht nach Regen und Asphalt. Ich ziehe meine Jacke enger um mich, obwohl es nicht wirklich hilft.

Eigentlich sollte ich jetzt einfach gehen. Ins Haus, die Tür hinter mir zumachen, diesen Abend irgendwie hinter mir lassen. Aber meine Füße bleiben auf dem nassen Gehweg stehen.

Ich lege eine Hand auf die Autotür, halte sie noch einen Moment offen. Warte darauf, dass er irgendwas sagt. Dass er mich aufhält, mich fragt, ob ich wirklich will, dass wir das jetzt so stehen lassen. Aber er sagt nichts.

Er schaut mich an, nur ganz kurz, seine Finger trommeln unruhig gegen das Lenkrad. Dann zieht er die Hand weg, legt den Gang ein.

Sein Wagen rollt langsam an. Ich sehe die Rücklichter aufleuchten, sehe, wie sie immer kleiner werden, bis sie um die Ecke verschwinden.

Ich bleibe noch einen Moment stehen. Allein in dieser dunklen, nassen Straße. Dann atme ich tief durch, drehe mich um und gehe ins Haus.

Die Wohnung ist dunkel, als ich reinkomme. Ich lasse meine Tasche einfach im Flur fallen, ziehe mechanisch die Schuhe aus. Eigentlich sollte ich das Licht anmachen, aber ich tue es nicht. Ich stehe einfach da, mitten in meinem Flur, während die Stille mich von allen Seiten einhüllt.

Mein Kopf fühlt sich schwer an, voll mit Dingen, die ich nicht greifen kann. Julians Worte hallen nach – Vielleicht brauchen wir beide einfach mal kurz Abstand.

Abstand.

Ich schlucke. Vielleicht hat er recht. Vielleicht brauchen wir das wirklich. Aber es fühlt sich trotzdem falsch an. Fühlt sich an, als wäre da plötzlich eine Grenze zwischen uns, die vorher nicht da war.

Ich gehe ins Schlafzimmer, ziehe mir einfach nur noch meinen Pulli aus und lasse mich aufs Bett fallen. Ich bin müde, aber nicht müde genug, um zu schlafen. Ich drehe mich auf die Seite, starre ins Dunkel. Lausche meinem eigenen Atem, dem gelegentlichen Geräusch von Autos, die draußen vorbeifahren.

Julians Auto war das letzte, das ich gehört habe. Danach wurde es still.

Ich weiß nicht, wie lange ich wach liege. Irgendwann muss ich doch eingeschlafen sein, denn als ich die Augen aufmache, ist es draußen schon hell. Mein Kopf pocht dumpf, meine Glieder fühlen sich schwer an.

When we meet againWhere stories live. Discover now