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Seit genau zehn Minuten laufe ich jetzt schon genervt durch mein Zimmer. Die Nerven liegen blank. Ich warte auf das erlösende Daumen-hoch von Jamie, das mir zeigt, dass er wach ist. Es kann doch nicht sein, dass ich mit ihm einen Kompromiss eingehe, und er hält sich am ersten Morgen nicht daran. Was war das für ein Anfang?

„Okay, jetzt reicht's!", murmele ich frustriert und schnappe mir meine Schlüsselkarte und mein Handy. Entschlossen verlasse ich das Zimmer und mache mich auf den Weg zu seinem. Mein Magen zieht sich zusammen – ich bin sauer, wirklich sauer. Dass ich hier immer wieder nachsichtig bin, kann nicht wahr sein. Heute ist Schluss damit. Er hat eine Vereinbarung mit mir, und wenn er sie nicht einhält, dann gibt's Konsequenzen.

Als ich vor seiner Zimmertür stehe, klopfe ich einmal fest dagegen. Der Klang hallt im Flur wider. Kurz darauf öffnet mir Karim die Tür, der mich mit einem neugierigen Blick mustert.

„Hey Olivia", sagt er, scheinbar etwas überrascht.

„Hey. Ist Jamie da?", frage ich schnell, ohne meine Enttäuschung in der Stimme verbergen zu können.

„Jap, der pennt aber, glaub ich, noch", antwortet er und ein Schmunzeln schleicht sich in seine Stimme. Innerlich platze ich fast vor Wut. „Ernsthaft?" Ich will fast losbrüllen, doch ich reiß mich zusammen.

„Darf ich?", frage ich, versuche ruhig zu klingen, aber mein Ton verrät trotzdem, wie wenig ich gerade mit der Situation einverstanden bin.

„Klar, nur zu", meint Karim und macht die Tür weit auf, um mich hereinzulassen. Ich nicke ihm kurz zu, als ich an ihm vorbeigehe und mich auf den Weg zu Jamie mache.

Der sieht aus wie ein totales Wrack – tief und fest schläft er in seinem Bett, völlig ungerührt von meinem Auftritt. Eine Welle von Frustration schwappt über mich, doch ich atme tief durch. Jetzt keine Schwäche zeigen.

Mit einem energischen Ruck reiße ich ihm die Bettdecke weg. „In fünf Minuten bist du fertig! Unten!", schreie ich ihm direkt ins Gesicht. So direkt, wie ich kann, ohne eine weitere Sekunde zu verschwenden.

Er springt ruckartig hoch, sitzt kerzengerade im Bett. Karim schüttelt den Kopf und lacht leise, als er es bemerkt. Doch ich ignoriere das und wende mich sofort wieder zur Tür. Bevor ich sie schließe, drehe ich mich nochmal um.

„Schaffst du es nicht, packe ich deinen Koffer höchstpersönlich und wir fliegen noch heute zurück nach Dortmund!", sage ich mit einer festen, fast bedrohlichen Stimme. Ich will, dass er versteht, dass ich das ernst meine. Keine Ausreden mehr.

Mit diesen Worten verlasse ich das Zimmer, gehe schnellen Schrittes zum Frühstückssaal, um auf ihn zu warten. Der Raum ist schon fast leer, viele sind fertig, nur noch ein paar Jungs sitzen da und quatschen. Ich nehme mir schnell einen Teller, belade ihn mit frischem Obst und ein paar Brötchen, obwohl ich mir die Brötchen eigentlich nicht so gut tun. Ansonsten greife ich nach einem Kaffee und setze mich an einen der freien Tische, die in der Ecke stehen.

Pünktlich auf die Sekunde kommt Jamie ins Zimmer. Er sieht aus, als wäre er gerade erst aus einem Sarg gestiegen. Verschlafen, mit wirren Haaren und einem leeren Blick. Er setzt sich wortlos zu mir, ohne mich wirklich anzusehen, und holt sich etwas zu essen.

„Guten Morgen, Dornröschen", sage ich, meine Stimme voller Sarkasmus. Ich blicke ihn erwartungsvoll an, aber er grummelt nur:

„Jaja, Olivia. Guten Morgen."

Und dann – Stille. Kein weiteres Wort, kein Augenkontakt. So sehr er mir am Herzen liegt, in dieser Rolle als Betreuerin kann ich jetzt nicht auf seine Launen eingehen. Ich bin hier, um eine Aufgabe zu erfüllen. Und die heißt nicht, ihn wie einen besten Freund zu behandeln. Es tut mir leid, aber ich kann nicht immer die coole, entspannte Olivia sein, die ihm alles durchgehen lässt.

When we meet againWhere stories live. Discover now