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Die letzten Nächte waren der reinste Horror. Schlaf? Fehlanzeige. Ich lag jede Nacht wach, starrte die Decke an und dachte über alles nach, was in den letzten Wochen passiert war. Meine Oma, meine Mutter, Julian – alles fühlte sich wie ein einziger Trümmerhaufen an. Aber ich konnte nicht einfach zu Hause bleiben und den Kopf in den Sand stecken. Also schleppte ich mich zur Arbeit, funktionierte irgendwie.

Jedes Mal, wenn ich Julian sah, zog ein stechender Schmerz durch meine Brust. Es tat so weh, ihn einfach ignorieren zu müssen, aber ich konnte gerade nicht anders. Ich war zu kaputt, zu unfähig, irgendwas zu erklären. Es war, als ob Worte einfach nicht mehr aus mir rauskommen wollten. Und die Schuldgefühle, ihn so zu verletzen, fraßen mich zusätzlich auf.

Ich stand wie immer am Rand des Trainingsplatzes, versuchte mich auf die Jungs zu konzentrieren, aber meine Gedanken drifteten ständig ab. Mein Körper war da, aber mein Kopf war woanders. Alles fühlte sich dumpf an, wie unter einer dicken Schicht Watte. Die Jungs liefen herum, lachten, riefen sich Anweisungen zu und ich starrte nur auf den Platz, als würde ich zerfallen.

Dann hörte ich Schritte hinter mir. Noch bevor ich mich umdrehen konnte, ließ sich jemand neben mir auf die Bank plumpsen. Marius.

„Na, Olivia," sagte er, und ich spürte das leichte Grinsen in seiner Stimme. „Weißt du, normalerweise bist du die Erste, die hier mit ihren frechen Sprüchen sitzt. Aber in letzter Zeit siehst du aus wie ein Regenschirm, komplett durchlässig für gute Laune."

Ich wollte lachen, wirklich, aber es kam einfach nichts. Nicht mal ein schwaches Lächeln. Stattdessen zuckte ich nur mit den Schultern.

„Sorry, Marius", murmelte ich, ohne ihn wirklich anzusehen. „Ich hab keinen Kopf dafür."

Er ließ nicht locker. Natürlich nicht. „Keinen Kopf? Olivia, du bist sonst die, die uns hier alle zusammenhält. Du wirkst wie jemand, der selbst dringend jemanden braucht."

Ich seufzte und starrte weiter auf den Platz, wo einer der Jungs gerade einen Ball verschoss. „Es ist kompliziert, Marius. Okay? Lass es einfach."

Aber er blieb sitzen, sein Blick bohrte sich in mein Profil. „Kompliziert? Das ist die Standardausrede, wenn man nicht reden will. Komm schon, was ist los? Du und Julian, ihr redet kaum noch miteinander. Und du siehst aus, als würdest du jeden Moment umkippen. Was ist passiert?"

Seine Worte trafen mich wie ein Schlag. Ich wollte nicht reden, wollte nicht, dass irgendwer wusste, wie kaputt ich war. Aber Marius war einfach da, und irgendwie fühlte es sich sicher an.

„Meine Oma ist gestorben", flüsterte ich zu mir selbst,, und die Worte fühlten sich so schwer an, als würden sie mich gleich ersticken. Das erste mal hatte ich es ausgesprochen.

Er schwieg kurz, ließ die Worte auf sich wirken. Dann fragte er leise: „Weiß Julian das?"

Ich schüttelte nur den Kopf. „Ich konnte es ihm nicht sagen. Ich... Ich kann mit niemandem darüber reden. Es ist zu viel. Meine Mutter sitzt jetzt allein zu Hause, und ich... ich bin hier. Weil ich muss. Weil ich funktionieren muss."

Marius rückte ein Stück näher, legte eine Hand auf meine Schulter. „Hey", sagte er leise, „Du bist auch nur ein Mensch, Olivia. Du darfst trauern. Du darfst auch mal zusammenbrechen."

Das war zu viel. Die Tränen liefen mir über die Wangen, und ich konnte sie nicht mehr zurückhalten. Marius zog mich in eine Umarmung, und ich ließ es einfach zu. Ich schluchzte leise, während er beruhigend über meinen Rücken strich.

„Es tut mir leid", flüsterte ich immer wieder, auch wenn ich nicht genau wusste, ob ich es zu ihm sagte, zu Julian oder zu mir selbst.

„Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen musst", sagte Marius ruhig. „Manchmal braucht man einfach jemanden, der zuhört."

When we meet againWhere stories live. Discover now