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Der Platz ist nass vom Regen der Nacht. Der Himmel ist grau, und die Luft ist kalt – passend zu der Stimmung, die zwischen mir und den Jungs herrscht.

Ich stehe an der Seitenlinie, meine Hände tief in den Taschen meiner Jacke vergraben, den Blick auf das Spielfeld gerichtet. Die Jungs wärmen sich auf, aber es fühlt sich anders an als sonst. Keine lockeren Sprüche, keine Lacher, keine Energie.

Und ich? Ich halte mich im Hintergrund, erledige meine Aufgaben stumm und effizient.

Ich rede mit niemandem.

Edin beobachtet mich. Ich spüre seinen Blick immer wieder, wenn ich mich bewege. Aber er sagt nichts. Wahrscheinlich weiß er, dass es gerade keinen Sinn hat.

Auch die Jungs werfen mir immer wieder kurze Blicke zu. Manche aus Unsicherheit, manche aus schlechtem Gewissen. Aber keiner spricht mich an.

Früher hätte ich mich unter sie gemischt, hätte mit Karim gescherzt, hätte Mats nach seiner Familie gefragt, hätte Julian ein aufmunterndes Lächeln zugeworfen.

Jetzt? Ich stehe da wie eine Fremde.

Und ich weiß, dass sie es merken.

Die ersten Übungen laufen an. Passstaffetten, schnelles Umschalten, Ballkontrolle. Ich reiche Wasserflaschen, stelle Hütchen um, sorge dafür, dass alles läuft, wie es soll.

Ohne ein Wort.

Keine aufmunternden Kommentare. Kein Schulterklopfen. Keine Rufe von der Seitenlinie, wenn jemand eine gute Aktion hat.

Nur Stille.

Julian wirft mir irgendwann einen Blick zu, als er nach einem Sprint an mir vorbeiläuft. Sein Blick ist schwer zu deuten. Vielleicht Enttäuschung, vielleicht Frust, vielleicht irgendetwas dazwischen. Aber ich ignoriere ihn.

Ich ignoriere sie alle.

Als eine Trinkpause angesetzt wird, versammeln sich die Jungs am Spielfeldrand. Ich stelle die Wasserflaschen ab, bleibe aber in einiger Entfernung stehen.

Früher hätte ich mich dazugestellt. Hätte mit ihnen gelacht, hätte sie motiviert.

Jetzt bin ich nur noch eine Silhouette in ihrem Hintergrund.

Ich merke, dass einige von ihnen etwas sagen wollen. Dass sie vielleicht das Gespräch von letzter Woche bereuen. Aber niemand hat den Mut, es auszusprechen.

Vielleicht haben sie verstanden, dass sie die falsche Person verantwortlich gemacht haben. Vielleicht auch nicht.

Ehrlich gesagt ist es mir egal.

Die Einheit geht zu Ende. Ich räume die Trainingsmaterialien zusammen, bringe alles zurück an seinen Platz. Wortlos.

Als ich an Mats vorbeigehe, höre ich ihn leise seufzen. „Das hältst du doch nicht ewig durch, Olivia..."

Ich halte einen Moment inne. Dann sehe ich ihn an.

„Doch", sage ich ruhig. „Das halte ich durch."

Die Tage vergehen, und mein Leben verläuft in einem starren Rhythmus. Arbeiten, schlafen, wiederholen.

Ich komme zum Trainingsgelände, erledige meine Aufgaben, gehe nach Hause. Reduziere meine Gespräche auf das Nötigste. Keine Späße mit Karim, keine tiefgründigen Gespräche mit Mats, keine freundschaftlichen Momente mit Nico.

Und Julian?

Er hält sich an das, was ich wollte. Er gibt mir Raum. Vielleicht zu viel davon.

Ein weiteres Heimspiel – Und die nächste Niederlage

When we meet againWhere stories live. Discover now