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Eigentlich hatte sich nichts geändert.

Nach dem Gespräch mit Julian hatte ich tief in mir gehofft, dass es vielleicht eine Art Wendepunkt sein könnte. Dass irgendetwas anders werden würde. Doch genau das war nicht passiert. Er hatte keinerlei Anzeichen gemacht, auf mich zuzugehen. Kein Gespräch, keine vorsichtige Annäherung – nichts.

Und deshalb beließ ich es auch dabei. Ich tat so, als hätte es unser Gespräch nie gegeben. So, als wäre alles, was ich gesagt hatte, nicht passiert. Was blieb mir auch anderes übrig? Ich hatte mich geöffnet, hatte zugegeben, wie sehr ich ihn vermisste, wie sehr mich das alles innerlich zerstörte – und was war passiert? Gar nichts.

Also machte ich weiter wie zuvor. Ich zog mich zurück, hielt mich fern. Ich redete mit den Jungs nur das Nötigste. Ich kam zur Arbeit, erledigte meine Aufgaben und ging wieder. Keine Späße, keine aufmunternden Worte, kein Lächeln. Ich war nur noch körperlich anwesend, aber nicht mehr wirklich da.

Neun Monate noch. Dann war mein Vertrag vorbei, und ich konnte gehen. Zurück nach Wolfsburg. Zurück zu meiner Familie. Dortmund hinter mir lassen. Julian hinter mir lassen. Endgültig.

Doch dann kam dieses Spiel. Und zum ersten Mal stellten die Jungs mich zur Rede.

Es war nach dem dritten verlorenen Spiel in Folge. Ein Heimspiel, bei dem das Stadion irgendwann verstummt war, weil die Fans einfach nicht mehr wussten, wie sie auf diese Leistung reagieren sollten. Die Stimmung in der Kabine war geladen. Niemand sagte etwas, während sich alle umzogen, bis schließlich doch jemand das Schweigen brach.

„Was ist eigentlich mit dir los?" Mats' Stimme war ruhig, aber eindringlich. Ich hob den Kopf und sah ihn an.

„Was meinst du?" Meine Stimme klang kühl, distanziert – genau so, wie ich es wollte.

„Du weißt genau, was ich meine." Jetzt mischte sich Nico ein. „Früher hast du uns nach solchen Spielen immer aufgebaut. Hast mit uns geredet, uns motiviert. Jetzt? Du bist einfach... nicht mehr da."

„Ja, ehrlich", warf Karim ein. „Du ziehst dich nur noch zurück, redest kaum noch mit uns. Du bist nicht mehr dieselbe, und das merkt man einfach."

Ich sah sie an. Sie alle standen um mich herum, erwarteten eine Erklärung, eine Entschuldigung vielleicht. Aber ich hatte keine.

„Und ihr meint wirklich, das hier liegt an mir?" Meine Stimme klang nun schärfer. „Dass ihr auf dem Platz verkackt, liegt daran, dass ich euch nicht mehr aufbaue?"

„Das hat keiner gesagt", Mats hob beschwichtigend die Hände. „Aber es hat sich verdammt viel verändert. Du warst immer der Rückhalt für das Team. Jetzt wirkst du, als wärst du gar nicht mehr wirklich hier."

„Vielleicht, weil ich es nicht mehr bin." Ich stand auf. Mein Blick glitt durch die Runde. „Aber macht euch mal lieber Gedanken über eure eigene Leistung, bevor ihr mich dafür verantwortlich macht, dass ihr nicht mehr gewinnt."

„Oli..." Nico sah mich eindringlich an.

„Nein", unterbrach ich ihn. „Ich bin nicht diejenige, die euch in den letzten Wochen aufs Feld geschickt hat und versagt hat. Ich bin nicht diejenige, die planlos rumgelaufen ist. Jeder einzelne von euch muss sich mal selbst hinterfragen, anstatt mir hier die Schuld zuzuschieben."

Stille.

Niemand widersprach.

Und genau das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich richtig lag. Sie wollten mir die Verantwortung geben, weil es einfacher war, als sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Aber ich ließ das nicht mehr zu.

When we meet againWhere stories live. Discover now