Wenn ich an diesen Abend zurückdenke, fühlt es sich an, als wäre es erst gestern gewesen. Und doch ist so viel passiert seitdem. So viel Schmerz, so viele Veränderungen – aber auch so viel Glück, das ich damals noch nicht einmal erahnen konnte.
Es war die Nacht, in der mein Leben in zwei Hälften zerbrach. Die Nacht, in der alles, woran ich geglaubt hatte, plötzlich bedeutungslos wurde. Und die Nacht, in der Julian nach acht langen Jahren wieder vor mir stand.
Ich erinnerte mich noch genau daran, wie ich im Auto saß, wie ich am Straßenrand parkte und versuchte, meine Tränen zu trocknen. Meine Hände zitterten, während ich mit verwischter Wimperntusche in den Rückspiegel blickte. Ich musste mich zusammenreißen. Musste funktionieren. Musste Jonas' Verrat irgendwie beiseiteschieben, auch wenn es sich anfühlte, als würde mein Herz in meiner Brust zerspringen.
Ich hatte ihn gesehen. Mit ihr. Diese Fremde, die aus unserem Haus kam, in dem ich unser gemeinsames Leben geplant hatte. Ich hatte erwartet, dass es wehtat – und das tat es auch. Aber auf eine kalte, lähmende Weise. Nicht wie ein Messerstich, sondern wie eine Wunde, die sich langsam, aber unerbittlich ausbreitete.
Ich hätte anhalten können. Ich hätte aussteigen und ihn konfrontieren können. Ich hätte schreien, weinen, ihn anschreien können. Doch stattdessen fuhr ich einfach weiter. Weiter zu meinem Job, weiter zu meinem Alltag, als wäre nichts passiert. Vielleicht, weil ich wusste, dass es ohnehin nichts mehr zu sagen gab.
Und dann stand plötzlich Julian vor mir.
Ich hätte ihn überall erwartet, aber nicht dort. Nicht an diesem Abend. Nicht in dieser Situation. Ich wusste nicht einmal, dass er in Dortmund lebte. Jahrelang hatte ich mich gefragt, wo er war, was er tat – und ob er jemals an mich dachte. Und nun stand er einfach vor mir, inmitten dieser fremden Gesichter, als wäre es das Normalste der Welt.
Ich hatte keine Ahnung, was ich fühlen sollte. Mein Herz setzte für einen Moment aus, als ich seinen Blick spürte. Er sah immer noch genauso aus wie damals, und doch irgendwie anders. Erwachsener. Reifer. Aber diese Augen, diese blauen, tiefen Augen, die mich damals so oft zum Lachen gebracht hatten, waren noch immer dieselben.
Und dann sagte er es.
„Livi?"
Mein Spitzname. Sein Spitzname für mich.
Meine Kehle wurde trocken. Mein Herz raste. Ich wollte etwas sagen, wollte reagieren, aber es war, als hätte mein Körper vergessen, wie man atmete. Ein einziger Name – und plötzlich war ich wieder 15. Wieder das Mädchen, das ihn geliebt hatte. Das Mädchen, das er einfach zurückgelassen hatte.
Doch anstatt mich von meinen Emotionen mitreißen zu lassen, tat ich das Einzige, was ich konnte: Ich verschloss mich.
Ich tat so, als wäre er mir egal. Als würde es mich nicht interessieren, ihn wiederzusehen. Ich zwang mich zu einem neutralen Gesichtsausdruck, zwang meine Stimme, ruhig zu bleiben.
„Julian", hatte ich nur gesagt. Ohne Emotion, ohne eine Spur der Verwirrung, die in mir tobte.
Ich hatte es nicht über mich gebracht, ihn anzusehen, geschweige denn ihm zu sagen, was sein Anblick mit mir machte. Ich hätte ihn anschreien können. Hätte ihn fragen können, warum er mich damals einfach verlassen hatte, warum er nie eine Erklärung gegeben hatte. Aber in diesem Moment war das Letzte, was ich wollte, eine weitere Konfrontation.
Ich hatte Jonas bereits verloren. Ich hatte meinen Glauben an die Liebe in dieser einen Nacht verloren. Und ich war nicht bereit, auch noch die Geister der Vergangenheit zurückzuholen.
Also tat ich das, was ich immer tat, wenn ich verletzt wurde. Ich lief weg.
Nicht körperlich, aber emotional. Ich verdrängte den Schmerz, schob die Erinnerungen zur Seite und konzentrierte mich auf meine Aufgabe. Jamie musste nach Hause. Ich hatte einen Job zu erledigen. Ich konnte mir nicht erlauben, mich in Julian zu verlieren.
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When we meet again
FanfictionOlivia hat in ihrem Leben mehr Kämpfe ausgefochten, als sie zählen kann. Aufgewachsen, immer mit dem Gefühl, funktionieren zu müssen, statt wirklich zu leben. Julian, den sie wegstößt, weil sie glaubt, nicht gut genug zu sein. Julian, mit dem sie v...
