Die ersten zwanzig Minuten der Autofahrt waren still.
Nicht die angenehme Art von Stille. Sondern die, die sich unangenehm ausbreitete, schwer zwischen uns hing und sich mit jedem Kilometer dichter anfühlte.
Julian hatte das Radio eingeschaltet. Irgendein Indie-Sender lief, leise genug, dass man es fast ignorieren konnte, aber laut genug, um den Druck in der Luft nicht komplett übermächtig werden zu lassen.
Ich starrte aus dem Fenster, sah den Häusern nach, die langsam weniger wurden, bis nur noch Felder und vereinzelt Bauernhöfe an uns vorbeizogen. Normalerweise redeten wir auf langen Autofahrten. Manchmal alberten wir rum, manchmal hörten wir zusammen einen Podcast, manchmal erzählte Julian mir irgendwelche absurden Geschichten aus seiner Kindheit, die er mir eigentlich schon hundertmal erzählt hatte.
Aber heute nicht.
Ich hätte ihn fragen können, warum er so tat, als wäre nichts gewesen. Hätte ihn direkt darauf ansprechen können, dass wir mitten in einem Streit gesteckt hatten und er sich einfach aus der Situation rausgezogen hatte.
Aber ich wusste, wie das enden würde.
Er würde ausweichen. Würde sagen, dass wir das doch jetzt nicht mehr hochholen müssten. Dass wir doch einen schönen Nachmittag hatten, also warum das kaputtmachen?
Und ich hatte keine Kraft für diesen Kreislauf.
Also schwieg ich.
Nach einer Weile sah Julian kurz zu mir rüber. „Brauchst du was? Trinken? Essen?"
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, danke."
Er nickte, sah wieder auf die Straße.
Noch ein paar Minuten vergingen.
Dann, als wäre es das Normalste der Welt, fragte er: „Wann musst du morgen arbeiten?"
Ich blinzelte.
Er tat es wirklich. Er tat einfach so, als wäre nichts.
„Mittags erst", murmelte ich.
„Okay", sagte er und nickte, als hätte ich ihm gerade eine besonders interessante Information gegeben.
Ich konnte nicht anders. Ich drehte mich zu ihm. „Ist das dein Plan? Einfach so tun, als wär nichts gewesen?"
Er presste kurz die Lippen aufeinander, zog dann eine Braue hoch. „Was willst du denn hören, Olivia?"
„Oh, ich weiß nicht. Vielleicht irgendwas dazu, dass du mitten im Streit einfach entschieden hast, dass du jetzt keine Lust mehr hast und wir deshalb gefahren sind?"
Julian atmete hörbar aus. „Wir mussten sowieso zurück."
„Ja, klar." Ich schnaubte. „War natürlich nur ein riesiger Zufall, dass du genau in dem Moment beschlossen hast, dass wir jetzt sofort fahren müssen."
Er sagte nichts. Schaute nur geradeaus. Seine Finger trommelten kurz aufs Lenkrad, dann wechselte er die Spur.
„Ich hatte einfach keinen Bock mehr zu streiten, okay?"
Ich lachte kurz, aber es klang hart. „Super. Dann hören wir halt einfach auf zu reden, und alles ist gelöst, oder?"
„Manchmal ja", sagte er. „Manchmal ist es vielleicht einfach besser, Sachen nicht noch größer zu machen, als sie sind."
Ich starrte wieder aus dem Fenster. Konnte kaum fassen, was er da sagte.
Ich sitze stumm da, während die Regentropfen gegen das Fenster prasseln und der Wischer unaufhörlich hin und her fährt. Der Blick auf die verschwommene Straße macht alles nur noch surrealer. Die Stille zwischen uns ist wie ein dunkles, schweres Tuch, das sich immer weiter über uns legt. Es ist eine Stille, die fast weh tut, die sich so drückend anfühlt, dass ich fast das Gefühl habe, nicht atmen zu können. Es ist diese Stille, die sich immer dann einstellt, wenn wir nicht wissen, was wir noch sagen sollen.
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When we meet again
FanfictionOlivia hat in ihrem Leben mehr Kämpfe ausgefochten, als sie zählen kann. Aufgewachsen, immer mit dem Gefühl, funktionieren zu müssen, statt wirklich zu leben. Julian, den sie wegstößt, weil sie glaubt, nicht gut genug zu sein. Julian, mit dem sie v...
