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Mein Herz schlug so schnell, dass ich das Gefühl hatte, es würde mir jeden Moment aus der Brust springen. Meine Beine fühlten sich taub an, als hätten sie die Kraft verloren, mich zu tragen. Mein Kopf war leer und doch voller Gedanken zugleich. Alles in mir bebte vor Aufregung, vor Angst, vor Erleichterung.

Sophia drückte mir den Brautstrauß in die Hand, doch ich nahm ihn kaum wahr. Meine Finger waren eiskalt, mein Körper wie in Trance. Ich konnte nicht glauben, dass ich es wirklich tat. Dass ich es wirklich hierher geschafft hatte.

Die Zeit fühlte sich eigenartig an – als würde sie gleichzeitig rasen und stillstehen. Ich spürte jeden einzelnen Herzschlag in meinen Ohren dröhnen, hörte das Rauschen meines eigenen Blutes. Alles um mich herum wurde verschwommen. Nur ein Gedanke brannte in mir: Ich bin hier. Ich habe mich entschieden. Und jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Dann sah ich sie – die Reihen voller Gäste, die auf ihren Stühlen saßen. Die Stille war bedrückend, fast schon schmerzhaft. Ich konnte die Enttäuschung in der Luft spüren, die Ungeduld, das leise Murmeln. Einige hatten bereits ihre Köpfe gesenkt, als würden sie darauf warten, dass jemand das Unvermeidliche ausspricht.

Und dann – sah ich ihn.

Julian.

Er saß vorne, ganz allein. Sein Kopf in seine Hände gelegt, sein Rücken leicht gekrümmt. Ein Bild der Resignation.

Mein Herz zog sich so schmerzhaft zusammen, dass ich kurz das Gefühl hatte, nicht atmen zu können.

Das hier war seine schlimmste Angst gewesen. Dass ich nicht auftauche. Dass ich ihn stehen lasse. Dass er wieder allein zurückbleibt.

Und dann – bewegte er sich.

Langsam richtete er sich auf, fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Sein Gesicht war leer, seine Augen müde. Dann holte er tief Luft, als wollte er sich sammeln, als wollte er den Moment beenden.

„Ich glaube, die Hochzeit wird nicht—"

Dann erklang die Musik.

Ein leiser, sanfter Beginn, der langsam anschwoll.

Die Einlaufmusik.

Hochzeitseinlaufmusik.

Julians Körper erstarrte mitten im Satz. Ich konnte sehen, wie er sich versteifte, wie sich seine Finger krampfhaft zu Fäusten ballten. Seine Schultern hoben sich, als würde er sich auf einen Schlag vorbereiten.

Er hatte mich noch nicht gesehen.

Aber Nico hatte. Er hatte uns von weitem entdeckt, und ohne zu zögern, hatte er dem DJ Bescheid gegeben. Ich traf seinen Blick, formte mit meinen Lippen ein lautloses Danke, bevor ich mich wieder nach vorne wandte.

Sophia trat als Erste vor, nahm ihren Platz als Trauzeugin ein. Dann folgte Kai, der sich direkt neben Julian stellte.

Und dann – war ich dran.

Meine Füße fühlten sich plötzlich so schwer an, als würden sie mich nicht mehr tragen wollen. Mein ganzer Körper war wie eingefroren. Die Anspannung lag mir wie ein Gewicht auf der Brust. Aber dann atmete ich tief ein, schloss für einen Moment die Augen – und setzte mich in Bewegung.

Ein Schritt.

Dann noch einer.

Jeder einzelne fühlte sich an, als würde ich durch Wasser gehen, als würde mich eine unsichtbare Kraft zurückhalten.

Und dann geschah es.

Alle drehten sich um.

Alle.

Die Gäste, meine Familie, meine Freunde. Ich konnte die Überraschung in ihren Gesichtern sehen, die Erleichterung, die ungläubigen Blicke. Manche rissen die Augen auf, andere hielten den Atem an.

When we meet againWhere stories live. Discover now