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Mein Blick bleibt an dem Kleid hängen.
Weiß. Zart. Voller Bedeutung.

Und plötzlich gibt es nur noch einen einzigen Gedanken in meinem Kopf.

Ich will ihn heiraten.

Kein Zögern. Keine Zweifel. Kein Vielleicht.

Ich will ihn. Sein Lachen am Morgen, seine Wärme in der Nacht, seine Hand, die meine hält, wenn das Leben schwer wird. Ich will, dass er derjenige ist, mit dem ich jeden verdammten Tag meines Lebens verbringe.

Mein Herz hämmert, meine Hände zittern. Die Erkenntnis trifft mich so hart, dass mir für einen Moment der Atem stockt.

Warum habe ich überhaupt gezweifelt?

Julian war immer der Mensch, der mich gesehen hat. Wirklich gesehen. Nicht nur das Bild, das ich nach außen gezeigt habe, sondern mich – mit all meinen Ängsten, meinen Narben, meinen Unsicherheiten.

Er hat mir gezeigt, dass ich genug bin. Dass ich nicht kämpfen muss, um geliebt zu werden. Dass ich einfach nur ich sein darf.

Und genau deshalb werde ich heute zu ihm gehen.

Weil er alles für mich ist.

Weil er mein Zuhause ist.

Weil ich nie wieder einen Tag ohne ihn verbringen will.

Ich streiche über den Stoff des Kleides, spüre, wie meine Finger zittern.

Dann schließe ich die Augen.
Atme tief ein.
Und als ich sie wieder öffne, gibt es keinen Zweifel mehr.

Ich werde ihn heiraten.

Ich greife nach meinem Handy, meine Finger zittern noch immer leicht, während ich Sophias Nummer wähle. Mein Herz schlägt so laut, dass ich das Freizeichen kaum höre.

Einen Moment lang fürchte ich, dass sie nicht drangehen wird. Dass ich das hier allein durchziehen muss. Aber dann ertönt ihre Stimme.

„Olivia?" Sie klingt atemlos, überrascht – als hätte sie gerade erst ihr Handy aus der Tasche gefischt. „Was ist los?"

Ich schlucke. Mein Mund fühlt sich trocken an. Und doch gibt es nur eine einzige Sache, die ich jetzt sagen kann.

„Sophia... ich brauche deine Hilfe."

Stille. Nur für einen Moment. Dann atmet sie hörbar aus.

„Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit? Ich bin gerade auf dem Weg zur Hochzeit."

Ich blinzle. „Du... du fährst da gerade hin?"

„Natürlich", sagt sie, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. „Ich wusste, dass du dich noch entscheidest. Ich wusste nur nicht, ob es rechtzeitig sein wird."

Ihre Worte treffen mich mitten ins Herz. Sie hat an mich geglaubt. Auch dann noch, als ich selbst nicht mehr wusste, was ich tun soll.

„Sophia..." Meine Stimme bricht, und ich beiße mir auf die Lippe, um nicht loszuheulen.

„Hey", sagt sie sanft, als hätte sie genau gespürt, was in mir vorgeht. „Alles gut. Du hast dich entschieden, oder?"

Ich nicke, obwohl sie es nicht sehen kann. „Ja", flüstere ich. „Ich will ihn heiraten."

Es fühlt sich gut an, es laut auszusprechen. So echt. So richtig.

Sophia lacht leise. „Dann zieh dein verdammtes Kleid an, Olivia. Ich bin gleich bei dir."

Es klopft an der Tür. Ein schnelles, forderndes Klopfen. Ich weiß, dass es Sophia ist.

Ich schaffe es gerade noch, tief durchzuatmen, bevor ich die Tür öffne.

When we meet againWhere stories live. Discover now