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Wochen sind vergangen. Wochen, in denen ich mir eingeredet habe, dass es besser wird. Dass ich weniger an Julian denke. Dass ich damit abgeschlossen habe.

Aber das ist eine Lüge.

Jeden Morgen sage ich mir, dass er keine Rolle mehr spielt. Ich stehe auf, ziehe mich an, gehe zur Arbeit, als wäre alles wie früher. Ich lache mit den Jungs, feuere sie an, bin für sie da. Ich funktioniere. Doch in den stillen Momenten, wenn ich nach Hause komme und die Tür hinter mir ins Schloss fällt, wenn mein Handy in meiner Hand liegt und ich mich dabei erwische, seinen Namen im Chatverlauf anzustarren, wenn ich nachts wach liege und in die Dunkelheit starre – dann weiß ich, dass ich mir selbst etwas vormache.

Ich denke noch immer an ihn.

Nicht immer bewusst. Manchmal reicht ein Lied, das im Autoradio läuft, ein dummer Insiderwitz in der Kabine, der mich an eine Situation mit ihm erinnert, oder ein Blick in die Augen von jemandem, der ihn nur entfernt ähnelt. Dann ist er plötzlich wieder da.

Und dann kommt der Schmerz.

Ich hasse es. Ich hasse es, dass ich noch immer nicht über ihn hinweg bin, obwohl er offensichtlich mit allem abschließen konnte. Ich hasse es, dass ich mich selbst belüge, indem ich sage, dass es mir gut geht.

Denn das tut es nicht.

Meine einzige Rettung ist die Arbeit. Ich stecke mich noch mehr rein als sonst, übernehme zusätzliche Aufgaben, helfe Edin und dem Trainerteam, wo ich kann. Ich bin die Erste, die morgens da ist, und oft die Letzte, die geht.

Die Jungs merken es. Sie sagen nichts direkt, aber ich sehe ihre Blicke. Karim mustert mich manchmal prüfend, als würde er genau wissen, dass ich mich selbst überarbeite. Nico hat mir ein paar Mal angeboten, nach dem Training noch etwas zu unternehmen, aber ich habe immer abgesagt. Mats versucht hin und wieder, mir ein Lächeln zu entlocken. Sie alle sehen es – aber sie lassen mich.

Weil sie wissen, dass ich es selbst in den Griff kriegen muss.

Und dann gibt es Julian.

Ich sehe ihn natürlich. Jeden verdammten Tag. Auf dem Platz, in der Kabine, in den Fluren des Trainingszentrums. Er verhält sich... normal. Freundlich, aber distanziert. Keine Blicke, die zu lange verweilen. Keine Gespräche, die über das Nötigste hinausgehen. Er respektiert meine Entscheidung.

Und genau das tut weh.

Weil es mir zeigt, dass er es kann. Dass er wirklich in der Lage ist, einfach weiterzumachen.

Und ich? Ich tue nur so.

Es ist ein Dienstagabend, als ich realisiere, dass ich so nicht weitermachen kann. Ich sitze allein in meiner Wohnung, eine Tasse Tee in den Händen, die ich kaum angerührt habe. Das Licht ist gedimmt, draußen rauscht der Regen gegen die Fensterscheiben.

Ich starre auf mein Handy. Mein Finger schwebt über seinem Namen.

Ein einziges Mal.

Ein einziges Mal will ich ihm schreiben. Fragen, wie es ihm geht. Wissen, ob er auch noch manchmal an mich denkt.

Aber ich tue es nicht.

Stattdessen lasse ich das Handy auf die Couch fallen, reibe mir über das Gesicht und atme tief durch.

Ich kann nicht weitermachen wie bisher. Ich kann mich nicht weiter selbst belügen.

Ich liebe ihn noch. Und das wird sich nicht einfach in Luft auflösen, nur weil ich es mir wünsche.

Jeden verdammten Tag sehe ich ihn.

Auf dem Platz, wenn er mit den anderen trainiert. In der Kabine, wenn er sich nach einer Einheit ein frisches Shirt überzieht. In den Fluren des Trainingszentrums, wenn ich gerade mit Edin spreche oder Karim etwas brauche. Manchmal nur für einen kurzen Moment, manchmal länger, wenn sich unsere Wege kreuzen.

When we meet againWhere stories live. Discover now