Die ersten Tage nach dem Krankenhaus sind die schwersten. Nicht, weil ich mich nicht bewegen kann oder weil die Schmerzen zu stark sind – sondern weil alles sich fremd anfühlt. Mein eigener Körper gehört nicht mehr richtig mir. Jede Bewegung muss vorsichtig sein, jeder Schritt ist ein Test. Ich kann nicht einfach aufstehen und losgehen, wie ich es gewohnt war. Alles geht langsamer, bedachter. Und das Schlimmste: Ich bin ständig auf Hilfe angewiesen.
Karim ist oft da, genau wie Nico. Sie wechseln sich ab, bringen mir Essen, helfen mir, wenn ich etwas brauche. Ich hasse es, mich so abhängig zu fühlen, aber ich weiß, dass ich es alleine nicht schaffen würde. Zumindest nicht jetzt.
Die Tage sind eintönig. Viel Schlaf, viele Medikamente, viele Stunden auf der Couch, in denen ich einfach nur aus dem Fenster starre. Ich habe mich noch nie so nutzlos gefühlt.
Aber dann, nach ein paar Tagen, ändert sich etwas.
Ich beginne, mich mehr zu bewegen. Anfangs nur kurze Wege in meiner Wohnung – vom Sofa zur Küche, dann ein paar Runden durchs Wohnzimmer. Ich spüre jede Bewegung in meinen Knochen, jeder Schritt zieht durch meinen Körper, aber es fühlt sich gut an. Als würde ich langsam wieder zu mir selbst zurückfinden.
Mit jeder Woche werde ich stärker. Die Nachuntersuchungen laufen gut – besser, als ich erwartet hätte. Mein Arzt ist zufrieden mit den Fortschritten. Die Brüche heilen, meine Organe haben sich stabilisiert. Ich habe immer noch Schmerzen, aber sie sind nicht mehr so alles bestimmend wie am Anfang.
Ich beginne mit leichten Übungen, zuerst nur kleine Bewegungen, um die Muskeln zu aktivieren, die durch die wochenlange Inaktivität schwächer geworden sind. Meine Physiotherapeutin lobt mich für meinen Ehrgeiz, warnt mich aber gleichzeitig davor, es zu übertreiben.
„Dein Körper hat einiges durchgemacht", erinnert sie mich immer wieder. „Gib ihm die Zeit, die er braucht."
Ich nicke, sage, dass ich es verstehe – aber insgeheim kann ich es kaum erwarten, wieder mehr zu tun. Ich habe das Gefühl, in meinem eigenen Körper gefangen zu sein, und ich will endlich raus.
Die ersten Male, als ich wieder rausgehe, sind ungewohnt. Die Stadt fühlt sich lauter an, die Menschen hektischer. Vielleicht liegt es daran, dass ich so lange nur drinnen war, oder vielleicht daran, dass ich mich selbst noch nicht wieder ganz gefunden habe. Aber ich zwinge mich dazu, nicht zurückzuweichen. Ich gehe spazieren, erst nur kleine Runden um den Block, dann immer längere Strecken. Es tut gut, wieder unter Menschen zu sein, sich wieder ein Stück normal zu fühlen.
Und es passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe: Die Gedanken an Julian werden weniger.
Nicht, dass er mir egal ist – das wird er vielleicht nie sein. Aber ich merke, dass mein Leben auch ohne ihn weitergeht. Dass ich atmen kann, ohne an ihn zu denken. Dass meine Tage sich nicht mehr nur darum drehen, was zwischen uns passiert ist.
Ich weiß nicht, wann genau es passiert, aber irgendwann wache ich auf und stelle fest, dass es mich nicht mehr so sehr verletzt, wenn ich an ihn denke.
Und heute ist es endlich soweit, Ich darf zurück zur Arbeit.
Ich wache früh auf, noch bevor mein Wecker klingelt. Mein Herz schlägt schneller als sonst, eine Mischung aus Vorfreude und Nervosität. Ich weiß nicht, wie es sein wird, wieder dort zu sein. Ob es sich anfühlen wird wie früher, oder ob sich alles verändert hat.
Ich ziehe mich an – endlich keine Jogginghose mehr, kein Schlabberpulli. Ich wähle eine bequeme Jeans und ein schlichtes Shirt, nichts Besonderes, aber es fühlt sich trotzdem gut an. Ein kleines Stück Normalität.
Als ich in den Spiegel schaue, sehe ich die Veränderungen. Ich bin blasser als früher, meine Wangen etwas eingefallen. Aber meine Augen wirken wacher, entschlossener. Etwas abgenommen habe ich auch.
YOU ARE READING
When we meet again
FanfictionOlivia hat in ihrem Leben mehr Kämpfe ausgefochten, als sie zählen kann. Aufgewachsen, immer mit dem Gefühl, funktionieren zu müssen, statt wirklich zu leben. Julian, den sie wegstößt, weil sie glaubt, nicht gut genug zu sein. Julian, mit dem sie v...
